Aquarela

Wasser – als Eis, als wogendes Meer, als Regen oder Wasserfall – spielt die zentrale Rolle in Viktor Kossakovskys brillantem Filmessay, das sich eigentlich jeder Einordnung in ein Genre entzieht. Der Film ist eher eine psychedelische Erfahrung als eine Dokumentation. In gewaltigen Bildern zeigt er die Macht des Wassers, seine Schönheit und seine unerbittliche Willkür. Wunderbare, nie gesehene Kinobilder sind die Belohnung für Filmkunstfans, die bereit sind, sich auf dieses Erlebnis einzulassen.

Webseite: www.neuevisionen.de

Dokumentarfilm
Großbritannien, Deutschland, Dänemark, USA 2018
Regie: Viktor Kossakovsky
Buch: Viktor Kossakovsky, Aimara Reques
Kamera: Victor Kossakovsky, Ben Bernhard
Musik: Apocalyptica
90 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart:12. Dezember 2019

FILMKRITIK:

Der Mensch spielt in Kossakovskys Film lediglich als Statist mit. Eine übliche Handlung gibt es nicht, das Wasser ist der einzige Protagonist, es gibt den Rhythmus und den Sound vor, der manchmal in finsteren Metal-Rock-Klängen kulminiert.
 
Der Film startet mit Irritationen. Männer knien auf dem Eis eines Sees, wo andere mit schwerem Gerät bereitstehen. Sie beugen sich tief über die Eisoberfläche. Handelt es sich um merkwürdige Rituale? Tatsächlich sind sie auf der Suche nach einem Auto, das hier ins Eis eingebrochen ist und nun geborgen werden soll. Das schmelzende Eis in der Umgebung und an den Rändern zum fließenden Wasser schafft den Soundtrack dazu. Während die Männer das Auto aus dem Eiswasser ziehen, fahren andere über den zugefrorenen See, wo das Eis manchmal schon so dünn ist, dass eine falsche Bewegung genügt, um auszurutschen und einzubrechen. Ein Auto versinkt vor der Kamera im See, zwei Insassen können sich retten, einer ertrinkt. Danach geht es zu den Gletschern Grönlands. Sie kalben riesige Eisberge, die in einem seltsam trägen Tanz in die Fluten sinken und sich dort zu bizarren Formen türmen, während sie weiter durch das Wasser gleiten und springen, wie müde Balletttänzer. Die Gletscherkronen glänzen wie Diamanten, in königlicher Majestät scheinen die Gletscher von oben das Spiel der Kinder unten im Wasser zu verfolgen. Dann türmen sich riesige Wellen, grau und träge wie Blei, feindselig und doch faszinierend, jede Woge ist anders. Dazwischen fährt ein Segelschiff, eine winzige Nussschale gegen die Unendlichkeit des Meers. Auf dem Schiff ein Mann und eine Frau, die sich gegen die elementare Urgewalt des Wassers behaupten wollen. Bilder von Überschwemmungen, eine Fahrt durch Miami im Taifun, ein Wasserfall, der aus unfassbarer Höhe im Regenwald niedergeht. Es scheint, als ob Viktor Kossakovsky die weltweit beeindruckendsten Symbole und Bilder für die Urkraft des Wassers gesucht und gefunden hat, um daraus seine Natursinfonie zu komponieren. Gedreht wurde unter anderem am Baikalsee in Sibirien, in Grönland, in Florida während des Hurrikans Irma und in Venezuela an den Angel Falls.
 
Nichts wird erklärt, es gibt eine klare Struktur durch die jeweiligen Schauplätze, aber jeder im Publikum baut sich seinen eigenen Film aus den Bildern und den Tönen, die zum großen Teil das Wasser selbst verursacht: das Knacken und Wispern und Knirschen von Eis, das Gluckern und Schwallen darunter, der dröhnende  Gesang von Wogen im Wind – diese Musik ist alles andere als einschläfernd und beruhigend, ganz im Gegenteil: Sie putscht auf, sie macht auch Angst, aber sie fasziniert. Als Ergänzung serviert Viktor Kossakvsky zusätzliche Musik von „Apocalyptica“, die so spielen, wie sie heißen. Der Film weckt viele Gefühle, teils auch Urängste – wer leicht seekrank wird, sollte vielleicht lieber in den hinteren Reihen sitzen, und natürlich wird es auch einige geben, die von der ungewöhnlichen, beinahe poetischen Bilddramaturgie überfordert werden. Manches erinnert an Filme wie „Koyaanisqatsi“, vor allem der künstlerische Mut und das Vertrauen in die Kraft der Bilder. Aufgenommen mit 96 Bildern pro Sekunde und insgesamt realisiert mit einem unfassbar hohen technischen Aufwand bietet der Film ein aufregendes Kinoabenteuer auf höchstem Niveau.
 
Gaby Sikorski