Aretha Franklin: Amazing Grace

Es ist die erfolgreichste Gospel-Platte aller Zeiten: „Amazing Grace“ ein Doppelalbum, dass die Soul-Legende Aretha Franklin 1972 aufnahm. Was viele nicht wussten: Die Aufnahmen in einer Kirche in Los Angeles wurden gefilmt, doch erst jetzt ist das vor allem historisch und musikalisch sehenswerte Material als „Aretha Franklin: Amazing Grace“ zu sehen.

Webseite: www.weltkino.de

Dokumentation
Amazing Grace
USA 2018
Regie: Alan Elliott, Sydney Pollack
Länge: 89 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 31. November 2019

FILMKRITIK:

1972 befand sich die damals 29jährige Aretha Franklin auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Elf Nummer Eins Songs hatte sie schon eingesungen – darunter Klassiker wie Respect oder Chain of Fools – doch dann wollte sie ein Album aufnehmen, das sie zu ihren musikalischen Wurzeln zurückführen sollte, dem Gospel. In der New Temple Missionary Baptist Kirche im Stadtteil Watts in Los Angeles trat Franklin an zwei Abenden auf. Unterstützt vom lokalen Southern California Community Choir, geleitet vom legendären Reverend James Cleveland, der wie wenige andere dazu beigetragen hat, den Gospel populär zu machen, sang sie religiöse Standards wie What a Friend We Have in Jesus, Mary, Don't You Weep und natürlich den Titelsong Amazing Grace.
 
Auch eine Filmcrew war vor Ort, geleitet vom damals noch wenig bekannten späteren Oscar-Gewinner Sydney Pollack, der in bester Cinéma vérité Manier das Konzert filmte, aber einen schweren technischen Fehler beging: Bild und Ton waren nicht synchronisiert und so war das Material in den damaligen analogen Zeiten praktisch unbrauchbar und landete für Jahrzehnte im Archiv. Erst vor wenigen Jahren gelang es nun dem Musikproduzenten Alan Elliott im Auftrag der Rechteinhaber Warner Bros., das Material zugänglich zu machen. Das Ergebnis ist das Dokument „Aretha Franklin: Amazing Grace“, in dem das Konzert roh und ungeschnitten gezeigt wird, abgesehen von einigen wenigen erklärenden Texttafeln ohne Kontext oder gar kulturhistorische Einordnung.
 
Das mag man bedauern, mag sich an einen ähnlichen Fall erinnern, an Leon Gasts „When We Were Kings“, der das Material des Rumble in the Jungles, des Boxkampfes zwischen Muhammed Ali und George Frazier, nach Jahren im Archiv nahm, zeigte, aber vor allem durch zeitgenössische Interviews kontextualisierte. Ähnliches wäre auch in diesem Fall möglich gewesen, wäre es aufschlussreich gewesen zu hören, warum dieses Konzert, die Rückkehr in eine Kirche, für Franklin von zu großer Bedeutung gewesen ist, hätte man gerne von Mick Jagger erfahren, wie er, der mit seiner Band den Rolling Stones stets die Bedeutung des Gospels für ihre musikalische Entwicklung betont hat, empfunden hat, als er am Rand der Kirche, kaum beachtet, dem großen Vorbild lauschte. So huschen er und Charlie Watts kurz durchs Bild, sind ebenso nicht mehr als begeistertes Publikum, wie die in festlicher Garderobe zuhörenden Schwarzen aus dem Viertel, die mit zunehmender Ekstase Franklins Auftritt lauschen.
 
Ein pures Dokument ist „Arteha Franlin: Amazing Grace“, also das ganz bewusst technische Schwächen nicht zu kaschieren versucht, manchmal Kameramänner im Bild zeigt, manchmal Unschärfen hat, seine holprige Entstehungsgeschichte zum Teil des Films macht. Kein sakraler Ort ist dies, keine fehlerlos inszenierte Show, sondern ein tatsächlich spiritueller Moment, ausgelöst durch die atemberaubende Stimme Aretha Franklins. Vielleicht muss man also gar nicht versuchen, in Worte zu fassen, was Aretha Franklin zu besonders machte: Es reicht es 90 Minuten lang zu hören, zu sehen, es zu erleben.
 
Michael Meyns