Argentina

Jenseits von Tango-Rhythmen feiert der spanische Altmeister Carlo Saura die Magie der immer noch lebendigen argentinischen Folklore. Seine pulsierende Musik- und Tanzdoku präsentiert in wunderbar ausgeleuchteten, stilisierten Bildern seine leidenschaftliche  Reise durch die verschiedenen Regionen Argentiniens, angefangen von den indianischen Einflüssen im gebirgigen Norden der Anden bis hin zur traditionellen Musik der Gauchos in den Pampas. Dabei setzt er der stimmgewaltigen, sozialkritischen Mercedes Sosa ebenso ein filmisches Denkmal wie dem indianischen Poeten und Exilmusiker Atahualpa Yupanqui.

Webseite: www.concorde-film.de

Argentinien, Spanien, Frankreich 2014
Regie: Carlos Saura
Kamera: Félix Monti
Schnitt: César Custodio, Lara Rodríguez Vilardebó
Darsteller: Pedro Aznar, Juan Falú, Marian Farías Gómez, Gabo Ferro, Liliana Herrero, Jairo Luciana
Länge: 85 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 7.7.2016
 

FILMKRITIK:

Wer denkt nicht an Tango, wenn er von Argentinien spricht?  Doch die Musikszene ist wesentlich vielfältiger. Spanische und indianische Einflüsse kennzeichnen die unterschiedlichen Stilrichtungen der Lieder und Tänze. Die Dualität der Gefühle, Melancholie und Lebensfreude, Vitalität in Melodie und Rhythmus sind typische Eigenschaften dieser einmaligen Kompositionen. Zu den überragenden Gestalten der südamerikanischen Musik gehört dabei der argentinische Indio Atahualpa Yupanqui. Der begnadete Komponist, beachtenswerte Dichter, charismatische Sänger und Virtuose der Gitarre war tief in der Tradition seines Kontinents verwurzelt.

Er komponierte Zambas, Chacareras und Bagualas, die er in seiner unnachahmlichen langsamen und ruhigen Art sang. Sie spiegelten die soziale und wirtschaftliche Realität Argentiniens wieder. Während der Militärdiktatur wurde er mehrmals inhaftiert. 1949 verließ er das Land und zog nach Europa. Édith Piaf lud ihn ein, im Juni desselben Jahres in Paris aufzutreten. Ihm widmet der spanische Altmeister Carlo Saura seine pulsierende Musik- und Tanzdoku. Die fesselnde musikalische Reise entführt den Zuschauer durch die verschiedenen Regionen Argentiniens, angefangen von den indianischen Einflüssen im gebirgigen Norden der Anden bis hin zur traditionellen Musik der Gauchos in den Pampas.

Dabei trifft und porträtiert Saura einige der bekanntesten Künstler und Gruppen des Landes wie Pedro Aznar, Soledad Pastorutti, Jaime Torres und last but not least die mit Abstand bekannteste Vertreterin der Folklore Mercedes Sosa. Die stimmgewaltige, aus ärmsten Verhältnissen stammende mutige Bardin aus Tucumán, macht sich einen Namen, als sie sich über die Zensur der Militärregierung hinwegsetzt. Sie gab einem Kontinent eine Stimme, als diktatorische Regimes das Volk stumm halten wollten. Ihr Publikum nannte sie zärtlich „la negra“, die Schwarze, ihrer indigenen Wurzeln wegen.

Nach dem Exil in Madrid und Paris, kehrt Mercedes Sosa 1982 im Triumph in ihre Heimat zurück. Legendär ist ihr Doppelalbum „Mercedes Sosa en Argentina“, das während der Konzerte in der Oper von Buenos Aires aufgezeichnet wurde und die Rückkehr Argentiniens zur Demokratie künstlerisch besiegelt. Ihre einzigartige Hymne „Todo cambia” – “alles ändert sich” – lässt Saura in seiner Liebeserklärung an Argentiniens Kulturgut von jungen Schülerinnen und Schülern mit Hingabe interpretieren. Damit zeigt er wie lebendig das Erbe dieser lateinamerikanischen Ikone immer noch ist.

Die glänzenden Musik- und Tanzsequenzen des brillierenden Bilderreigens fesseln. Das Licht mit seinen Schatten, Silhouetten und satten Farben, die Spiegel tauchen die Szenen in ein träumerisch, entrücktes Ambiente. Die Choreografien sind bestechend inszeniert und die Kamera weiß genau, ob sie ihren Fokus gerade auf die Füße, die Körper oder den Gesichtsausdruck der Sänger, Musiker und Tänzer legen muss. Weder Handlung noch Dialoge stören das magische Gesamtbild, das sich allein durch seine Musik und Tänze selbst genügt. Immer wieder sucht Saura dabei die Perfektion der Geste und Bewegung. Schließlich wollte der tanzbesessene Filmemacher als 17jähriger Flamencotänzer werden und nahm bei der berühmten Tänzerin La Kika Unterricht.

„Ich habe viel darüber gelernt, was dieses Wunder im Zusammenspiel von Körper und Rhythmus bedeutet“, sagt er rückblickend. Der 83jährige zählt zu den großen Klassikern des europäischen Autorenkinos. Für seine gesellschaftskritischen Parabeln erhielt er mehrfach Preise, seine Filme über Flamenco und Tango brachten ihm weltweiten Ruhm. Besonders seine Flamenco-Filme „Bluthochzeit“, „Liebeszauber“ und vor allem der Ballett-Streifen „Carmen“ bescherten ihm in den 80ern internationalen Erfolg. Dabei hatte sich Saura nach seinem Abschluss an der Madrider Filmhochschule im Jahre 1957 schon bald als einer der wichtigsten kritischen Filmemacher seines Landes profiliert – gerade auch während der Franco-Diktatur.

Luitgard Koch