Atlantic

Auf dem Windsurfbrett nach Europa: Von einer unerklärten Sehnsucht getrieben, möchte ein junger marokkanischer Fischer entlang der Atlantikküste hunderte Kilometer nach Norden surfen. Der poetische Film, der auf dem letzten Filmfestival in Toronto gezeigt wurde,  entstand ein Jahr vor der jüngsten Schiffbrüchigentragödie im Mittelmeer und ist kein Flüchtlingsdrama. Trotz beeindruckender Aufnahmen vom Ozean und vom Surfen ist der Film weniger ein Hochseeabenteuer als eine persönliche Meditation über Fernweh und Entwurzelung.

Webseite: www.atlantic-derfilm.de

NL/ B/ D /Marokko 2014
Regie: Jan-Willem van Ewijk
Darsteller: Fettah Lamara, Thekla Reuten, Mohamed Majd, Driss Hakimi, Wisal Hatimi
Länge: 94 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 25. Juni 2015
 

FILMKRITIK:

Fettah fühlt sich auf dem Meer zuhause. Auf seinem Surfbrett hat er nur Wasser und Himmel um sich herum. Der einundreißigjährige Fischer (gespielt von dem Laiendarsteller und Windsurfer Fettah Lamara) fährt nur noch selten auf dem Boot hinaus. Fische findet er kaum noch in der Bucht vor Essaouira. Das Windsurfen hat er durch die europäischen Feriengäste in seinem Küstendorf kennengelernt. Einhändig hängt er jetzt mit einem Rucksack auf dem Rücken in seinem großen Segel und gleitet durch die Weite. Um seine Fingerknöchel hat er graues Gaffer-Tape gewickelt. Aus dem Off erklingt Geflüster. Fettah spricht zu seiner kleinen Nichte: „Wisal, wache für mich über das Dorf. Und wenn du dich einsam fühlst, stelle dir vor, du fliegst wie ein Vogel hinaus auf den Ozean, dort werde ich bei dir sein.“ Dann lässt sich Fettah an einen riesigen verlassenen Strand treiben, isst ein paar Nüsse und legt sich unter sein Segel zum Schlafen.
 
Bis nach Europa will er auf dem schmalen Brett gelangen, zu seinen Surfer-Freunden, die in der Saison mit ihm in den hohen Wellen Loopings schlagen. Fettah treibt eine diffuse Verbundenheit zu einer blonden Surftouristin, die im Winter in sein Dorf kam. Und die Sehnsucht nach der Weite. Für die Surftouristen ist er der talentierte Local Hero, für seinen Vater ein entfremdeter Traumtänzer. Fließend und nicht immer eindeutig verbinden die Filmszenen seine Reise und Erinnerungen. Fettah hängt buchstäblich zwischen den Welten. Am weiten Strand von Casablanca ist er der einzige Surfer und wird stürmisch von den fußballspielenden Kindern begrüßt.
 
Einmal muss er auf dem offenen Meer die Finne reparieren. Die Kamera beobachtet ihn aus der Fischperspektive. Anschließend sitzt er wie ein Ritter auf dem Brett und trinkt aus seiner Wasserflasche, heroisch und armselig. 300 Kilometer muss er über die offene See Richtung Portugal kommen, da er ein militärisches Sperrgebiet umfahren muss. Hier surft er haarscharf an dem Bug eines Containerschiffes vorbei. In einer Windstille rettet er sich völlig erschöpft in ein treibendes Ruderboot. Über Voice-Over hört man seine Gedanken: „Freiheit: Was ist das? Wieviel Liebe, wieviel Schmerz?“
 
Regisseur Jan-Willem van Ewijk, studierter Flugzeugkonstrukteur aus Delft und preisgekrönt für sein Roadmovie „Nu“ (2006), ist selbst begeisterter Windsurfer. Den Hauptdarsteller für seine zweite Regiearbeit fand er im marokkanischen Windsurfermekka Moulay, einem kleinen Fischerdorf 30 km nördlich von Essaouira. Windsurfer finden hier “perfekte” Wellen und starke Winde. Van Ewijk war auch angetan von den Surffähigkeiten der Einheimischen, die mit dem zurückgelassenen Material der europäischen Touristen das ganze Jahr über ihr Können steigern. „Ich wollte einen Film machen über einen dieser faszinierenden Typen, die ein hartes Leben haben und in ihrem Dorf feststecken. Für sie ist es unmöglich, ein Visum für Europa zu bekommen, aber sie sind uns nahe. Sie sehen, wie wir kommen und gehen.“ So erzählte er es dem kanadischen Magazin „Tribute“, ohne diesen harten gesellschaftlichen Kontrast weiter zu erörtern. Für ihn ist die Leere des Ozeans das Hauptthema des Films. „In dieser klaren ruhigen Offenheit draussen auf dem Meer ist man allein, nichts lenkt einen ab, man wird ganz ruhig.“
 
Dass diese Ruhe draussen auf dem Meer für den holländischen Regisseur (der sich hier auch selbst spielt) eine völlig andere Qualität hat als für den marokkanischen Fischer, wird  nur schwach angedeutet. Ist der europäische Sportler-Hedonismus in sozial schwachen Ländern, diese zeitbegrenzte Kumpanei mit Einheimischen nicht auch verantwortungslos? Ob Fettah jemals in Europa landet, bleibt offen.
 
Dorothee Tackmann