Atmen

Mit Atmen legt der österreichische Schauspieler Karl Markovics ein erstaunlich reifes Regiedebüt vor. In streng komponierten Breitwandbildern erzählt er von einem 18jährigen Freigänger, der durch die Konfrontation mit dem Leben außerhalb des Gefängnisses sich und seine Tat verstehen lernt und im übertragenen Sinne endlich zu Atmen beginnt. Ein bemerkenswerter Film.

Webseite: www.atmen-der-film.at

Österreich 2011
Regie, Buch: Karl Markovics
Darsteller: Thomas Schubert, Karin Lischka, Gerhard Liebmann, Georg Freidrich, Stefan Matousch, Georg Veitl
Länge: 93 Minuten
Verleih: Thimfilm, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 8. Dezember 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Roman (Thomas Schubert) ist 18 und im Gefängnis. Ein klassischer Einzelgänger, schweigsam, verschlossen, unnahbar. Gleich in der ersten Szene – er bewirbt sich bei einem Schlosser – beginnt er bei einer kleinen Berührung zu schreien. Was Roman beschäftigt, was ihn vor jeglichem Kontakt zu anderen Menschen, gleich ob sie ihm freundlich gegenübertreten oder nicht, zurückschrecken lässt, man erfährt es nur langsam.

Ein Sozialarbeiter drängt Roman, sich weiter um eine Anstellung zu bemühen, die eine vorzeitige Haftentlassung begünstigen würde. Und so kommt Roman zu einer Stelle bei einem städtischen Bestattungsinstitut. Von seinen Kollegen argwöhnisch betrachtet, beobachtet Roman zunächst nur den Umgang mit dem Tod: Den Abtransport von Leichen, das Waschen von leblosen Körpern, das Beruhigen von Angehörigen. Jeden Abend fährt Roman mit dem Zug zurück ins Gefängnis, lässt die erniedrigende Durchsuchung über sich ergehen und bricht auch bei versuchten Provokationen der Gefängniswärter und seiner Mitgefangenen nicht aus seinem Kokon aus. Auch sein Kollege Rudolf (Georg Freidrich) versucht immer wieder, Roman mit bissigen Bemerkungen über seine Tat aus der Ruhe zu bringen, bis sich Roman auch seinen Respekt erarbeitet hat.

Mit erstaunlicher Präsenz hält Thomas Schubert in seinem ersten Film den ungeschönten Blick der Kamera aus. Ebenso erstaunlich, wie unaufgeregt der bislang als Schauspieler bekannte Karl Markovics diese Geschichte erzählt, wie er der Versuchung widersteht, sie dramatisch zuzuspitzen und sich stattdessen viel Zeit lässt. Das sich in Wiederholungen abspielende Leben eines Freigängers bestimmt die Form. Immer wieder sieht man Roman im Zug sitzen, die immer gleichen Gänge im Gefängnis und der Freiheit entlanggehen, die Stechuhr stecken, ins Schwimmbecken eintauchen. Ganz langsam aber öffnet sich der Film, so wie Roman sich durch zunehmenden Kontakt zum Leben außerhalb der Gefängnismauern zu öffnen beginnt.

Doch die bruchstückhaften Informationen über Romans Herkunft und seine Vergangenheit, die schließlich zu seiner Tat führten, dienen Markovics nicht als kantenlose Erklärung eines Schicksals. Beiläufig werden sie in das Bild Romans eingefügt, machen es komplexer, auch komplizierter – und formen sich zu einem vielschichtigen Film. Der es dabei sogar schafft, seine auf dem Papier nicht unbedingt subtil wirkenden Metaphern – das Wiederfinden eines Lebenssinnes durch den Umgang mit dem Tod, das Atmen als Symbol des Lebens an sich – zwingend und organisch erscheinen zu lassen. All das lässt „Atmen“ zu einem erstaunlich stimmigen, konsequenten und souveränen Debütfilm werden, mit dem sich Karl Markovics gleich in die wachsende Riege beachtenswerter Regisseure aus Österreich einreiht.

Michael Meyns

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