Attenberg

Die griechische Regisseurin Athina Rachel Tsangari erzählt in ihrem Film „Attenberg“ von der 23jährigen Marina, die weitestgehend isoliert aufgewachsen ist und nun ihre Sexualität und ein eigenständiges Leben entdeckt. Genug bizarre Ideen, um einem am betont abseitigen Arthouse-Kino interessierten Zuschauer bei der Stange zu halten, im Ganzen eine aber nur bedingt gelungene Variation bekannter Kunstfilm-Muster.

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Griechenland 2010
Regie, Buch: Athina Rachel Tsangari
Darsteller: Ariana Labed, Giorgos Lanthimos, Vangelis Mourikis, Evangelia Randou
Länge: 97 Minuten
Verleih: REM
Kinostart: 10. Mai 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Jeder Freund der wunderbaren BBC-Tierdokumentationen kennt die Stimme von David Attenborough, Bruder des berühmten Gandhi-Regisseurs Richard, der mit weichem britischen Akzent gleichermaßen Neugier und Faszination vermittelt und über die Wunder der Tierwelt berichtet. Diese Dokumentationen sieht auch Marina (Ariana Labed), die Hauptfigur von „Attenberg“ – so etwas wie die kindliche Aussprache von Attenborough – sehr gern. Man muss sogar noch weiter gehen und sagen, dass sie einen Großteil ihres Wissens über die Welt, die Natur und vor allem das Sexualverhalten der Primaten, und damit sind auch die Menschen gemeint, aus diesen Dokumentationen gewonnen hat. Denn Marina lebt in einer abgelegen Industriestadt an der griechischen Küste, die Mutter ist schon lange verschwunden, ihr Vater Spyros (Vangelis Mourikis) hat Krebs und liegt im Sterben, ebenso wie die Stadt selbst, symbolhaft für das ganze Land.

Mit ihren 23 Jahren hat Marina noch keinerlei sexuelle Erfahrungen gemacht, ist vielmehr abgestoßen von den durch die Naturfilme hervorgerufenen Bildern der Sexualität, von physischer Nähe, dem Austausch von Körperflüssigkeiten. Ganz anders ihre Freundin und scheinbar einziger Kontakt zur Außenwelt Bella (Evangelia Randou). Die bringt ihr nicht nur das Küssen bei – was weniger eine erotische, als eine experimentelle Qualität hat –, sondern vollführt zusammen mit Marina auch immer wieder eingestreute körperliche Verrenkungen.

In einer Mischung aus nachgeahmten Tierbewegungen, bizarren Arten zu Gehen a la John Cleese und mehr oder weniger rhythmischen Tanzbewegungen sind diese disparat wirkenden Szenen emblematisch für die Struktur des Films. Genauer gesagt für das nicht vorhandensein von Struktur. Eine klassische Handlung ist nur lose auszumachen, allein die Wiederholung verschiedener Schauplätze und Situationen lässt sich als eine Form der Entwicklung beschreiben. Vieles wird angedeutet, wenig wirklich gesagt, der distanzierte Blick auf das Leben und die Menschen wird noch durch die zurückgenommene Kamera betont, die in streng komponierten Bildern auf die Figuren und die Welt als Ganzes blickt.

Das erinnert nicht zufällig an „Dogtooth“, einen 2009 entstandenen Film, der ein großer Festivalerfolg war und zum Beginn einer Neuen Welle griechischer Filme ausgerufen wurde. „Attenberg“ Regisseurin Athina Rachel Tsangari hatte „Dogtooth“ produziert, dessen Regisseur Giorgos Lanthimos hier eine kleine Rolle spielt und auch der Kameramann beider Filme ist derselbe. Große Ähnlichkeiten sind somit zwangsläufig, fraglos auch kein Zufall und auch der Erfolg auf Festivals – „Attenberg“ lief letztes Jahr in Venedig im Wettbewerb, wo Ariana Labed mit der Coppi Volti als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde – überrascht nicht. Denn vor allem ist „Attenberg“ typisches künstlerisch wertvolles Festivalkino: Stilistisch offensichtlich von großer Qualität, dabei in keiner Weise leicht zugänglich, vor allem aber leicht als Metapher über den aktuellen Zustand Griechenlands zu interpretieren.

Vor allem aber ist „Attenberg“ einer jener Kunstfilme, der viele Skurrilitäten aneinanderreiht, fraglos mit großer Überlegung und formaler Strenge aufzuwarten weiß, sich aber doch seiner eigenen Kunstfertigkeit allzu sehr bewusst ist.

Michael Meyns

Ein erstaunlicher griechischer Film über die immerwährende Kurve vom Leben in den Tod und umgekehrt.

Marina ist zwar schon über 20, hat aber noch keinerlei sexuelle Erfahrung. Bis jetzt hat sie in dieser Hinsicht nur Tierdokumentationen von Sir David Attenborough („Attenberg“) beobachtet, vor allem über Gorillas.

Gottlob erfreut sie sich ihrer Freundin Bella, die auf diesem Gebiet bereits einiges hinter sich hat. Bella lernt Marina an, beim Küssen zum Beispiel. Lange und ausgiebig – bis zum Erbrechen, sagt die Lernende. (Bella: Hat es dir gefallen? Marina: Ich hatte zum ersten Mal etwas Fremdes im Mund. Bella: Wie fühlt sich meine Zunge an? Marina: Wie eine Nacktschnecke. Es ist ekelhaft.)

Der Rest wird zunächst verbal geregelt.

Die Mädchen tanzen gerne. Doch sie folgen keinen „klassischen“ Schritten, sondern verrenken sich auf ihre eigene Weise. Schon da wird sichtbar, dass beide – und auch der Film als solcher – sich nicht um Normen scheren.

Aber nicht nur Marinas Leben blüht auf, sondern es lauert auch der Tod. Marinas Vater ist krebskrank. Er hat nur noch kurze Zeit zu leben. Und schließlich ist es dann auch soweit. Nun können nur noch die traurige Verbrennung der Leiche und die Ausschüttung der Asche im Meer folgen.

Marina will jetzt in Erfahrung bringen, was die Liebe und der Sex noch alles hergeben. Spyros, der Fremde, ist ihr Objekt der Begierde. Völlig ohne falsche Scham lebt sie ihre Sexualität aus.

Alles spielt sich in einer düsteren griechischen Industrieregion ab. Aber da bläst von den Ideen, von der Form, von der Stimmung, von der Originalität her (auch von der anthropologischen) ein frischer Wind. Man wird als Zuschauer überrascht – und findet sich gerne in dieses teils verstörende, schwarzhumorige, aber auch zarte und rührende Spiel hinein. Im Hintergrund spürt man wieder einmal, wie gefährlich nah sich Leben und Tod sind.

Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung der Marina durch Ariane Labed. Nicht umsonst gab es dafür 2010 in Venedig die Coppa Volpi.

Thomas Engel