Auerhaus

Wie erfolgreich die Verfilmung von Jugendbuch-Bestsellern sein kann, hat „Tschick“ erfolgreich bewiesen. In dieser Liga spielt nun auch „Auerhaus“. In den 80er Jahren gründet eine Handvoll Jugendlicher in einem Dorf eine WG. Kurz vor dem Abi ist freilich nicht nur Party angesagt. Frieder hat einen Suizid-Versuch hinter sich. Sein bester Kumpel Höppner ist vom spießigen Stiefvater genervt. Freundin Vera nimmt’s mit der Treue nicht ganz so genau. Dann ist da noch Pyromanin Paula, die ausgerechnet im Heuboden einquartiert wird. Die Dramödie balanciert souverän zwischen ziemlich ernst und ausgesprochen amüsant. Damian Hardung und Max von der Groeben geben die ungleichen Buddys charismatisch, glaubwürdig und umwerfend ulkig. Die atmosphärisch gelungene Zeitreise in die 80er dürfte für jene, die sie erlebt haben, zum wehmütigen Nostalgie-Trip geraten. Alle anderen werden staunen über Polizei im VW-Käfer, Stress mit der Musterung sowie gemütliche Zeiten vor der Erfindung sozialer Medien. Selten werden existenzielle Themen mit solch erfrischender Leichtigkeit präsentiert. Dagegen sehen Teenie-Filme der Traumfabrik ziemlich alt aus.

Webseite: www.warnerbros.de

D 2019
Regie: Neele Leana Vollmar
Darsteller: Damian Hardung, Max von der Groeben, Luna Wedler, Devrim Lingnau, Philine Stappenbeck, Milan Peschel.
Filmlänge: 102 Minuten
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH
Kinostart: 5.12.2019

FILMKRITIK:

„Irgendwann im Herbst 83“ klärt die Einblendung auf. „Wir sind alle beschädigt!“ befindet der junge Ich-Erzähler (Damian Hardung) und macht das Publikum mit sympathischer Stimme gleich zum Vertrauten. Höppner heißt der sensible Abiturient, einen Vornamen gönnte ihm schon der Jugendbuch-Besteller von Bov Bjerg nicht. Auf den autoritären Stiefvater (Milan Peschel) ist der 18-Jährige nicht gut zu sprechen, „Er hängt Decken ab, damit er sich größer fühlt“ spottet er über den Spießer, den er vorzugsweise „F2M2“ nennt: „Fieser Freund meiner Mutter“. Sein bester Kumpel Frieder (Max von der Groeben) hat größere Päckchen zu tragen. Ohne, dass es den anderen auffällt, leidet der scheinbar robuste Teenager am Leben. Unvermittelt unternimmt er im elterlichen Bauernhof einen Selbstmordversuch. Frieder wird gerettet und kommt in die Psychiatrie. Für Höppner ist das kein Zustand, schließlich braucht er seinen Kumpel dringend, nicht nur weil der ihm die Hausaufgaben schreibt. Spontan beschließen die Freunde, im leerstehenden Domizil des Großvaters, dem titelgebenden Auerhaus, eine WG zu gründen. 

Mitbewohner sind schnell gefunden. Höppners Freundin, die coole Vera (Luna Wedler) ist sofort dabei. Streberin Cäcilia (Devrim Lingnau) nutzt gleichfalls die Chance, dem behüteten Elternhaus endlich zu entfliehen. Die psychotische Brandstifterin Pauline (Ada Philine Stappenbeck) bringt Frieder spontan aus der Anstalt mit. Später stößt noch der schwule Kiffer Harry (Sven Schelker) hinzu. Mitten im verschlafenen Dorf blüht plötzlich Hippie-Leben auf! Für die Teenie-Gang öffnet sich das Tor zum kleinen Paradies.

Zwischen Party, Spaghetti, Rotwein und Kiffen hat die WG allerlei Probleme zu knacken. Vom banalen Abwaschplan über leichte Eifersüchteleien beim Federball bis zur heftigen Beziehungskrise. „So ein Hopp- oder Top-Typ bin ich halt nicht!“, kommentiert Höppner seine Ziellosigkeit. Des Abiturienten Panik wächst, als er mit der Polizei (im VW Käfer!) zur Musterung vorgeführt wird oder die Freundin beim Fremdgehen ertappt. Derweil Frieder immer wieder von seinen düsteren Gedanken eingeholt wird. „Ich wollte mich nicht umbringen, Ich wollte bloß nicht mehr leben. Ich glaube, das ist ein Unterschied.“, erzählt er dem besten Freund bei einer Radtour. Je näher Weihnachten rückt, desto dramatischer überschlagen sich die Ereignisse. Ein abgesägter Christbaum auf dem Dorfplatz gehört da noch zu den harmlosen Geschehnissen.

Vor vier Jahren bekam Bov Bjerg für seinen Jugendroman „Auerhaus“ reichlich Lorbeeren. Mehr als 250.000 Bücher wurden verkauft, über 40 Theater nahmen die Bühnenadaption ins Programm. Wie die Vorlage, trifft nun auch die Verfilmung von Neele Leana Vollmar („Maria, ihm schmeckt’s nicht“) den richtigen Ton bei dieser berührenden Coming-of-Age-Geschichte. Die Figuren werden mit psychologischer Präzision gut ausgepolstert, die Konflikte dürften reichlich déjà-vus beim Publikum auslösen. Vor allem gelingt die nicht einfache Balance zwischen ausgesprochen amüsant und ziemlich ernst. Suizid ist ein ebenso heikles wie drängendes Thema: Selbstmord steht an zweiter Stelle der Todesursachen im Jugendalter! Frieders Freunde schwanken in ihren Reaktionen auf seine Tat zwischen ohnmächtigem nicht akzeptieren und irgendwo verstehen – und spielen den Ball souverän ins Feld der Zuschauer. 

Atmosphärisch gerät die Zeitreise in die 80er zum hübsch ausgestatteten Nostalgie-Trip mit Kriegsdienstverweigerung, RAF-Fahndungsplakaten oder der Polizei im gemütlichen VW-Käfer. Bei der Besetzung kann „Auerhaus“ gleichfalls punkten. Damian Hardung („Das schönste Mädchen der Welt“) und Max von der Groeben („Fack ju Göhte“) geben die ungleichen Buddys so charismatisch wie glaubwürdig und umwerfend ulkig.

Wenn Coming-of-Age auf Arthaus trifft – da hat sich gelohnt, dass Regisseurin und Drehbuchautorin Neele Leana Vollmar den „Tschick“-Skriptschreiber Lars Hubrich als Koautor ins Boot geholt hat. Bleibt abzuwarten, ob der orangefarbene Retro-Anorak von Höppner zum Kultobjekt avanciert.

Dieter Oßwald