Auf Augenhöhe

Ein besonderer, in vielerlei Hinsicht ungewöhnlicher Kinderfilm ist „Auf Augenhöhe“, das Debüt des Regieduos Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf. Die Konstruktion eines im Kinderheim lebenden Jungen, der seinen Vater sucht und schlileßlich feststellt, dass dieser kleinwüchsig ist, mutet zwar etwas konstruiert an, bietet aber viel Raum für eine ungewöhnliche Vater-Sohn-Geschichte, die mit ihrer Behandlung anspruchsvollerer Themen eher für etwas ältere Kinder geeignet scheint.

Webseite: www.tobis.de/film/auf-augenhoehe

Deutschland 2016
Regie: Evi Goldbrunner & Joachim Dollhopf
Buch: Evi Goldbrunner, Joachim Dollhopf, Nicole Armbruster
Darsteller: Jordan Prentice, Luis Vorbach, Ella Frey, Marco Licht, Mira Bartuschek, Anica Dobra
Länge: 98 Minuten
Verleih: Tobis
Kinostart: 15. September 2016
 

FILMKRITIK:

Seit seine Mutter vor einigen Jahren verstorben ist, lebt der zehnjährige Michi (Luis Vorbach) in einem Kinderheim. Dort geht es ihm leidlich gut, er hat Freunde, auch wenn der Ton unter den Heimkindern oft rau ist. Durch Zufall findet er in einem Kasten mit Erinnerungen einen Brief seiner Mutter, einen Brief, den sie an den Vater ihres Kindes schicken wollte, es aber nicht tat. Ganz unverhofft scheint Michi wieder eine richtige Familie zu haben, denn sein Vater wohnt nicht weit entfernt.

Kurzentschlossen macht sich der Junge auf, seinen Vater zu besuchen, voller Hoffnung, einen coolen, lässigen Typ zu finden, doch Tom (Jordan Prentice) ist eine einzige Enttäuschung: Michis Vater ist kleinwüchsig, sogar sein Sohn überragt ihn schon. Bei dem will Michi nicht bleiben, doch als er im Heim als Sohn eines Zwergs verspottet wird, bleibt ihm keine Wahl: Er zieht zu seinem Vater und merkt bald, was er an Tom hat. Denn auch wenn er klein ist, ist Tom eigentlich ein ganz lockerer Typ, der eine schöne Wohnung hat und bei seinen Freunden Steuermann beim Rudern ist. Doch auch Tom hadert bisweilen mit seinem Schicksal, nimmt seine schwierige Situation nicht so leicht, wie es meist den Anschein hat. Und als das Duo endlich alle Probleme überwunden zu haben scheint, kommt das Ergebnis des Vaterschaftstest ins Haus.

Eine Geschichte über einen Kleinwüchsigen in einem Kinderfilm zu erzählen ist ein ungewöhnliches Unterfangen, sind Kinder doch oft unverblümt und nicht unbedingt tolerant gegenüber ihnen fremd vorkommenden Menschen. Wenn da Tom zum ersten Mal mit den Kindern und Jugendlichen im Kinderheim konfrontiert wird, artet die Begegnung schnell zu einem üblen Spießrutenlauf aus. Es ehrt die Regisseure, dass sie diesen Konflikten nicht ausweichen, dass sie nicht einfach so tun, als wäre das Anderssein von Tom ein Wert an sich. Offensiv thematisieren sie das schwierige Leben Toms, der durch sein Äußeres unübersehbar anders ist und sein Gegenüber stets vor eine kaum zu lösende Wahl stellt: Soll der Andere ganz normal behandelt werden, so als wäre nichts ungewöhnliches an ihm? Oder soll das offensichtlich Andere direkt angesprochen werden, auch auf die Gefahr hin, den Anderen zu verletzen?

Schwierige Fragen für einen Kinderfilm, die hier meist ganz beiläufig mitschwingen. Man darf davon ausgehen, dass der kanadische Darsteller des Toms, Jordan Prentice, manche der Situationen, die er hier spielt, schon selbst erlebt und auch erlitten hat. Gerade das verleiht seinem Spiel besondere Authentizität und Emotionalität, was es umso überraschender macht, dass der junge Luis Vorbach ein ebenbürtiges, überzeugendes Gegenüber ist. Im besten Sinne auf Augenhöhe spielt das Vater-Sohn-Duo und lässt gern übersehen, dass der Film seine Botschaft von Toleranz und Empathie bisweilen etwas überdeutlich transportiert. Ein besonderer Kinderfilm, vor allem erfreulicherweise einmal einer, der nicht auf einem bekannten Buch, einer Fernsehserie oder einem anderen schon bekannten Stoff basiert, ist „Auf Augenhöhe“ dennoch in jedem Fall.
 
Michael Meyns