Auf einmal

Ein teuflisch guter Film, der in perfide kleinen Schritten von Macht, Ohnmacht und Anpassung erzählt: Auf einmal ist alles anders, denn nur aufgrund des Verdachts, dass er vielleicht den Tod eines Menschen hätte verhindern können, wird der angepasste Banker Karsten aus der Gemeinschaft seiner idyllischen Heimatstadt verstoßen. Ob er seine Unschuld beweisen kann, ist ebenso unklar wie die Frage, ob er vielleicht doch Schuld auf sich geladen hat. Aslı Özge hat einen fein ziselierten, sehr sanften Psychothriller geschrieben und inszeniert, der in jeder Beziehung positiv überrascht. Mit scharfem Blick und tiefgründiger Spannung entlarvt sie die Scheinheiligkeit der deutschen Saubermanngesellschaft. Das ist spannende und anspruchsvolle Unterhaltung – mit einem wirklich coolen Schluss.

Webseite: www.mfa-film.de

Land: Deutschland / Niederlande / Frankreich 2016
Regie und Buch: Aslı Özge
Darsteller: Sebastian Hülk, Julia Jentsch, Hanns Zischler, Sascha Alexander Gersak, Luise Heyer
Kamera: Emre Erkmen
Länge: 112 Minuten
Verleih: MFA+ FilmDistribution
Kinostart: 6. Oktober 2016

Preise/Auszeichnungen:

Berlinale 2016, Panorama Special, Special Mention Europa Cinema
Istanbul Filmfestival 2016, Internationaler FIPRESCI-Preis der Filmkritik

FILMKRITIK:

Nach einer Party in seiner Wohnung ist Karsten allein mit einer geheimnisvollen, schönen Frau. Wenig später bricht sie zusammen. In heller Panik läuft Karsten zum nahegelegenen Krankenhaus, das geschlossen ist. Als er zurückkommt, ist die Frau tot.

Aus diesen schlichten Vorgaben entwickelt Aslı Özge eine tiefgründige, spannungsreiche Geschichte, die von Schuld und Reue handeln könnte, sich aber eigentlich um Loyalität und Verrat dreht. Dafür greift die Filmemacherin in die Trickkiste der Dramaturgie und erzählt ihre Story aus Karstens Blickwinkel, wobei sie beiläufig und geschickt diverse Informationen ganz thrillermäßig erst nach und nach aufklärt. In jedem Bild ist Karsten präsent, und das Publikum erfährt nichts, was Karsten nicht weiß. Dieser Karsten ist nun aber alles andere als ein Bilderbuchheld und schon gar kein bemitleidenswertes Opfer, und das macht den Film ganz besonders sehenswert. Aslı Özge hat den Mut, einen negativen Helden zu zeigen. Karsten ist nicht sympathisch, im Gegenteil: Er wirkt wie ein Mann, der zu allem fähig wäre und dem alles zuzutrauen ist. Sebastian Hülk spielt diesen wenig durchschaubaren Charakter sehr viril und mit selten zu erschütternder Ruhe eher kantig, aber mit subtiler Aggression. Äußerlich bleibt er ein vernünftiger Mann mit guten Manieren, der in der Krise die Nerven behält und alles dafür tut, um seine Unschuld zu beweisen. Denn plötzlich hat Karsten keine Freunde mehr. Praktisch sein gesamtes Umfeld, die ganze Stadt wendet sich von ihm ab, und das nicht nur, weil er aus unerfindlichen Gründen nicht die Ambulanz gerufen hat, sondern zum Krankenhaus gelaufen ist, was er allerdings erstmal beweisen muss. Aber das Wichtigste ist: Karsten ist zum Stadtgespräch geworden, und der verwöhnte Honoratiorensohn merkt, was es bedeutet, wenn man plötzlich auf der Verliererseite steht. Vom Winner zum Loser – so schnell kann’s gehen.

Als schließlich die Kripo zu ermitteln beginnt, ist Karsten endgültig auf sich allein gestellt. Von der Verlobten verlassen, vom Vorgesetzten aufs Abstellgleis geschickt und von den Freunden ignoriert, wird er zum Außenseiter, der trotz allem niemals Mitleid erweckt oder auch nur so wirkt, als ob man ihm helfen müsste. Selbst sein Rechtsanwalt, eigentlich ein Freund der Familie, ist nur insoweit auf seiner Seite, als er beruflich dazu verpflichtet ist. Karsten ist auf sich selbst gestellt, stellt selbst Nachforschungen an. Doch alles, was er tut, wird gegen ihn ausgelegt. Das soziale Gefüge der scheinbar idyllischen Kleinstadt entpuppt sich als trügerischer Schutz, denn der Kreis derjenigen, die dazugehören, wird ausschließlich von denen bestimmt, die verhindern, dass ihre Kreise gestört werden. Solidarität und Freundschaft, Familie und Liebe zählen nichts mehr.

Aslı Özge erzählt ihre Provinzgeschichte in melancholisch weichen herbstlichen Farben, in manchmal expressionistischen Bildern mit Licht- und Schattenspielen, aber vor allem mit viel inhaltlicher Raffinesse. Die Entwicklung der Charaktere ist ebenso spannend wie unvorhersehbar. Neben Sebastian Hülk spielt die wunderbare Julia Jentsch seine Verlobte, die dem Druck der Umgebung nicht standhalten kann oder will. Hat Karsten sie mit der toten Frau betrogen? Julia Jentsch ist keine dämliche Provinztussi, aber dennoch ergibt sie sich ebenso dem scheinbaren Willen des Volkes wie Karstens übrige Freunde und Kollegen, die ihn zum Paria machen. Und dann droht die Gerichtsverhandlung …

Ein Hamletzitat steht über diesem Film: „An sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu.“ Diese Worte werden hier auf subtile Weise mit Leben gefüllt und kulminieren in einem wunderbar perfiden Schluss, der selbstverständlich auch nicht in Ansätzen verraten werden soll. Nur so viel: Die Arroganz und Heuchelei der deutschen Wohlstandsgesellschaft wird dabei ebenso enthüllt wie das soziale Gefüge einer nur scheinbar idyllischen Kleinstadt, wo es mehr ums Image als um die Wahrheit geht und wo alles erlaubt ist, solange es nicht ans Tageslicht kommt.

Gaby Sikorski