Aus einem Jahr der Nichtereignisse

Mehr Nichts wagen – das gerät zum Motto dieser eigenwillig minimalistischen Doku, die für Furore auf einem Dutzend Festivals von Berlinale bis Viennale sorgte. Ein Jahr lang wird ein fast 90jähriger Bauer auf seinem Hof beobachtet. Mit quietschendem Rollator schiebt sich der Alte durch die Feldwege. Die treue Katze stets mit dabei. Täglich füttert er sein Federvieh. Bisweilen kommt Besuch. Das war’s schon fast in des Landwirts ruhig fließendem Leben. Als Aufreger knattert irgendwann ein Moped am Wegesrand vorbei. Der Bauer hat Zeit wie Heu. Die nimmt sich diese Doku ebenfalls. Zwei Minuten einfach nur der schlichte Blick auf tickenden Uhren. Oder sehr lange Einstellung auf Bäume und Wiesen – als solle man das Gras wachsen hören. Eineinhalb Stunden Urlaub im Kino. Der entschleunigste Film des Jahres.

Webseite: https://wolfberlin.org/de/verleih/

D 2017
Regie: Ann Carolin Renninger und René Frölke
Darsteller: Bauer mit Katze
Filmlänge: 83 Minuten
Verleih: Wolf Kino
Kinostart: 14. Juni 2018

 

FILMKRITIK:

Der Bauer will’s wissen: „Du verbrauchst so viel Film, und was hast du in Wirklichkeit aufgenommen? Gar nichts!“, belehrt er seine Regisseurin Ann Carolin Renninger. Ihr ging tatsächlich wieder einmal mitten in der Szene das Filmmaterial aus. Wer ausschließlich auf Super-8- und 16mm-Material setzt, gerät bei längeren Sequenzen bisweilen ins Schlingern. Die logistische Not macht die Erstlingsfilmerin mit ihrem Koregisseur René Frölke zur künstlerischen Tugend: Wenn die Filmvorräte verbraucht sind, muss eben ein schwarzes Bild als Lückenfüller dienen. Die Tonspur läuft weiter – und mit ihr die Fantasie des Publikums. Je häufiger das passiert, desto trainierter die Zuschauer. Irgendwann wartet man fast schon regelrecht darauf, dass eine Super-8-Kassette endlich wieder aufgebraucht ist und die kleine Pause kommt! Noch besser funktioniert der Spezialeffekt mit jener sechzig Jahre alten Kurbelkamera, die maximal eine Einstellung von 24 Sekunden ermöglicht.

„Man kommt überall längs!“ lautet das lapidare Lebensmotto des fast 90jährigen Bauern. Der Haushalt des Witwers wirkt leicht vernachlässigt. Reichlich Unordnung überall. Schimmelnde Äpfel in Kisten. Vertrocknete Topfpflanzen auf dem Fenstersims. Verwitterte Gartenmöbel. Es gibt wichtigere Dinge. Etwa, dass sich der Senior, wie er mit leicht aufblitzendem Stolz erzählt, ohne fremde Hilfe selbst versorgen zu können. Mühsam zwar, aber erfolgreich kramt der Held mit seinen von Arthrose geplagten Händen ein Schnitzel aus der Tiefkühltruhe und schält Kartoffeln. Sein schlichtes Menu gelingt. Ebenso die tägliche Versorgung von Federvieh und Katze.

„Der Betroffene erlebt seinen Tagesablauf als sinnvoll. Hat ein intaktes Selbstwertgefühl. Möchte seine Lebensweise nicht verändert haben. Keine Meinung außer seiner wird akzeptiert“, erzählt eine Stimme aus dem Off. Diese amtlicher Begutachtung hält der Bauer für Mist: Er trinke überhaupt nicht gerne Leitungswasser, ebenso wenig wie Bier, erzählt er amüsiert. Kurz und knapp, wie es sich für einen knorrigen Landwirt aus dem Norden gehört. In diesem Stil verläuft auch das Kaffeekränzchen unter Greisen. Man tratscht über die besten Formen der Beerdigung oder die Preise von Obst: „.Die Erdbeeren aus China sind eben billiger!.

Mit Katze Muschi redet der Bauer viel und gerne. Ansonsten eher wenig. Immerhin ein bisschen taut er auf, schließlich vertraut er der Regisseurin als einstiges Nachbarskind. Erzählt etwas vom Krieg. Oder wie er schwimmen lernte. Was sonst in diesem Leben wohl alles passierte, mögen ein paar alte Fotos an der Wand erzählen. Die Lücken mag jeder Zuschauer selbst ausfüllen, Zeit dazu hat er ja reichlich.

„Wart’ mal mit dem Anziehen. Wir müssen das filmen“ stöhnt die Regisseurin. Ihr Film ist wieder einmal voll. Das Objekt der dokumentarischen Begierde hat seinen Pullover natürlich längst übergezogen. Dafür genügt die Tonspur vollkommen – noch mehr für das Schnarchen der Katze.

So großartig können kleine Geschichten ausfallen, wenn teilnehmende Beobachtung derart clever konzipiert und gelassen umgesetzt wird. Ein bewegendes Kinoerlebnis der etwas anderen Art – zugleich ein kleine Utopie über Würde im Alter in Zeiten von beschämendem Pflegenotstand.

Dieter Oßwald