Aus nächster Distanz

Das ist mutig: ein Kammerspiel-Thriller vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikt mit zwei Agentinnen als Hauptpersonen – ein Arthouse-Film mit John Le Carré-Atmosphäre. Die eine Frau bekommt eine neue Identität, die andere soll auf sie aufpassen. Wie die beiden Damen auf einem Schachbrett bewegen sich die Heldinnen in ihrer klaustrophoben kleinen Welt. Sind sie Gegnerinnen? Oder Gefährtinnen? Immer mehr Teile ihrer Persönlichkeit werden sichtbar, während sich draußen die Feinde formieren. Eran Riklis serviert Filmkunst mit Suspense und Hintersinn zu einem Thema, das keine einfachen Lösungen zulässt, und macht daraus eine Geschichte mit starken Frauenfiguren und einem eindeutigen Friedensappell.

Webseite: www.ausnaechsterdistanz-derfilm.de

Deutschland/Frankreich/Israel 2017
Drehbuch und Regie: Eran Riklis
Darsteller: Golshifteh Farahani, Neta Riskin, Yehuda Almagor, Doraid Liddawi, David Hamade, August Wittgenstein, Mark Waschke
Filmlänge: 93 Minuten
Verleih: NFP
Kinostart: 9. August 2018

FILMKRITIK:

Meisterlich spielt Eran Riklis („Die syrische Braut“, „Die Reise des Personalmanagers“) auch hier mit Erwartungshaltungen und Klischees. Wer ist die Gute, wer die Böse? Und gibt es überhaupt diese schlichten Kategorien vor dem Hintergrund der unglaublich komplizierten Gemengelage im Nahen Osten?
 
Naomi ist Mossad-Agentin im vorläufigen Ruhestand. Für eine einfache Aufgabe wird sie reaktiviert: Sie soll die Informantin Mona schützen, die aufgeflogen ist und in letzter Sekunde aus ihrer Heimat, dem Libanon, herausgeholt werden konnte. Nach ihrer Flucht hatte Mona eine Gesichts-OP und soll sich davon in einem sicheren Haus in Hamburg unter Aufsicht erholen, bis sie mit neuer Identität nach Kanada ausreisen kann. Zwei Wochen nur, dann kann Naomi wieder nach Israel zurückkehren. Das sieht nach wenig Arbeit für die coole Naomi aus. Sie spricht sehr gut Deutsch, ist ansonsten deutlich überqualifiziert und betrachtet den Babysitterjob als lästig. Als sie in Hamburg eintrifft, merkt sie schnell, dass Mona keinesfalls mit ihrer passiven Rolle einverstanden ist. Naomi weiß, dass die Araberin Mona eine Informantin ist, aber ihr Misstrauen ist groß, was absolut auf Gegenseitigkeit beruht. Hinzu kommt Naomis beruflich bedingte Paranoia: Überall wittert sie Fallen und Hinterhalte, jeder Nachbar ist verdächtig, ein falsch verbundener Anrufer wird zur Bedrohung, doch die schlimmste Bedrohung ist die andere Frau in der Wohnung. Tatsächlich sieht es bald so aus, als ob die Feinde immer näher rücken, und dazu gehört nicht nur die Hisbollah. Mehrere Geheimdienste sind den Frauen auf der Spur, aber wer will den Frauen helfen, und wer will sie aus dem Weg schaffen? Mona und Naomi, in der Wohnung eingesperrt und aufeinander angewiesen, werden zu Zwangsverbündeten. Doch vielleicht gehört auch das zu einem Plan, den vielleicht jemand ausgeheckt hat und damit ein teuflisches Ziel verfolgt? Zwei Wochen können sehr lang werden, wenn jede Sekunde die letzte sein kann.
 
Eran Riklis, selbst Israeli, hat einen veritablen Agententhriller gemacht, der genrebedingt mit Höchstspannung, mit Emotionen und Manipulationen arbeitet, aber dennoch den Filmkunstcharakter bewahrt. Dafür sorgt zum einen die Konzentration auf die beiden Frauen, aber auch der Kammerspielcharakter. Ein Großteil des Films spielt in der Hamburger Wohnung, die mit ihren halb zugezogene Gardinen und dem diffusen Licht einen gewissen düsteren Charme verbreitet. Das Drehbuch hält für das Publikum viele Überraschungen bereit, sorgt aber auch dafür, dass die Hauptpersonen, Naomi und Mona, immer klarere Konturen bekommen. So wie sich zwei Menschen erst nach und nach kennenlernen, so enthüllen sich auch hier die Charaktere. Zu Beginn umkreisen sich die beiden Frauen misstrauisch, nähern sich langsam und vorsichtig an, geben immer mehr von sich preis, bewahren aber dennoch eine gewisse Distanz. Dass Mona ihren kleinen Sohn zurücklassen musste und dass Naomi schwanger werden möchte, bringt später frauenspezifische Standpunkte in die taffe Agentenstory. Das mag irritierend wirken, zum Beispiel, wenn die beiden sich wie Teenies verkleiden oder wenn Naomi für Monas abwesenden Sohn eine Mini-Geburtstagsparty organisiert. Irgendwann jedoch entwickelt sich dieses Spiel mit Frauenthemen beinahe zur Genreparodie. Das Erzähltempo spielt eine wichtige Rolle: Es kann schnell wechseln. Manchmal wird das Publikum beinahe eingelullt von den Frauengesprächen, doch plötzlich, innerhalb von Sekunden, wechselt die Situation abrupt von harmlos auf lebensgefährlich. Eran Riklis inszeniert das ganz souverän, wenn auch komplett ohne aufwendige Special Effects oder vordergründige Action.
 
So ungewöhnlich es auch ist, einen Agentenfilm über zwei Frauen zu machen: Golshifteh Farahani und Neta Riskin sind zwei tolle Darstellerinnen, die sich gleichzeitig ergänzen und beflügeln. Dabei ist Golshifteh Farahani anfangs eher die geheimnisvolle, melancholische Diva. Neta Riskin dagegen ist eine handfeste Pragmatikerin, die gern Befehle verteilt und es gewöhnt ist, dass man ihr gehorcht. Sie spielt die wandlungsfähige Agentin mit der Selbstverständlichkeit eines Chamäleons. In der Lebensgeschichte der beiden Frauen geht es eher trivial zu und mehr um ihr persönliches Schicksal (ach ja, die Männer!), weniger um Geheimdienste und die große Weltpolitik, auch wenn beide Aspekte immer wieder mit hineinspielen und den Thrill unterstützen. Wie Eran Riklis diese beiden Menschen aufeinander zugehen lässt, die nur miteinander eine Chance zum Überleben haben, wie er sie Gemeinsamkeiten finden lässt, ohne dabei eine allzu aufgesetzte Frauensolidarität vorzuführen, das ist dann tatsächlich so etwas wie ein Appell an die verfeindeten Parteien des Nahost-Konflikts, sich auf menschlicher Ebene zu verständigen.
 
Mit seinem 12. Film ist Eran Riklis ein Arthouse-Thriller gelungen, der sehenswert und fesselnd bis zur letzten überraschenden Sekunde von zwei Menschen erzählt, die sich ihrem Schicksal nicht ergeben wollen. Dabei kämpfen sie weniger für ihr Land oder für eine bestimmte politische Meinung als vielmehr für und um sich selbst – John Le Carré lässt auch hier grüßen. Dies gilt ebenfalls für die beklemmende Atmosphäre, für die nervenzerfetzende Spannung und für die unerwarteten Wendungen. Eran Riklis nimmt sein Publikum mit auf eine hoch dramatische Reise, die letztlich zeigt, wie sehr sich Menschen nach Schutz und Sicherheit sehnen und wie sehr dabei jeder auf den anderen angewiesen ist. Loyalität, Verrat, Gut und Böse – diese Begriffe verschwimmen zu Floskeln angesichts der grausamen Wirklichkeit. Insofern bleibt sich Eran Riklis treu, indem er auch in seinem neuen Film die persönliche Moral und Integrität über verordnete staatliche und religiöse Instanzen stellt.
 
Gaby Sikorski