Aus unerfindlichen Gründen

Fast 30 und noch ohne Plan. Heutzutage keine Seltenheit mehr und auch im Kino ein gern behandeltes Thema, sei es in Selbstfindungsdokumentationen oder meist autobiographisch  angehauchten Selbstfindungsspielfilmen. Von letzterer Sorte ist der ungarische Film "Aus unerfindlichen Gründen", den Gábor Reisz mit soviel Originalität inszeniert, dass er seinem bekannten Thema viele neue, sehenswerte Seiten abgewinnen kann.

Webseite: www.dejavu-film.de

VAN valami furcsa és megmagyarázhatatlan
Ungarn 2014
Regie, Buch: Gábor Reisz
Darsteller: Áron Ferenczik, Juli Jakab, Katalin Takács, Zsolt Kovács, Zalán Makranczi, Erika Kapronczai, Miklós Horváth, Roland Lukács
Länge: 96 Minuten
Verleih: deja-vu Film
Kinostart: 29. Oktober 2015

FILMKRITIK:

Als ganz normalen Typen würde man den 29jährigen Aron (Aron Ferenczik) sicher nicht bezeichnen. Dass er in seinem Alter gerade die Filmhochschule abgeschlossen hat und im von Wirtschaftsproblemen geplagten Ungarn ohne Job dasteht, ist sicher eher gewöhnlich. Doch die Art und Weise, wie Aron mit seiner Situation umgeht, mit der Trennung von seiner langjährigen Freundin Eszter (Juli Jakab), mit der Bevormundung durch seine patriotische Mutter (Katalin Takacs), macht ihn zu einem typischen Vertreter seiner Generation: Ein Nerd, bewandert im Umgang mit der Populärkultur, aber weitaus weniger souverän, wenn es um den Kontakt zu leibhaftigen Menschen, besonders Vertretern der weiblichen Spezies geht.
 
Wenn er da in der Straßenbahn eine attraktive Schaffnerin sieht, lässt er war keinen Schritt unversucht, sie wieder zu sehen – nur um dann, wenn er endlich vor ihr steht, einen kaum verständlichen Wortstrom über die Angebetete zu ergießen, der seinen Zweck ganz und gar nicht erfüllt. Solche an sich ganz profanen Szenen inszeniert Reisz mit großem  Einfallsreichtum, lässt etwa die Unterhaltungen zwischen Aron und seinen Freunden in unverständliches Gebrabbel ausarten, das auf überzeichnete Weise andeutet wie es sich anhört, wenn fünf Menschen durcheinander reden und eigentlich niemand mehr ein Wort versteht.
 
Doch nicht nur akustisch experimentiert Reisz mit den filmischen Möglichkeiten, auch visuell lässt er kaum etwas aus, verwendet Zeitlupenszenen und verkantete Einstellungen, um die subjektiven Wahrnehmung Arons zu zeigen. Hier bewegt sich Reisz ganz in der Tradition der Nouvelle Vague, thematisch wie visuell, ist verspielt und doch melancholisch und spiegelt mit seiner filmischen Herangehensweise auch das Leben seiner Figuren. Die sind nämlich nicht nur wie Reisz Absolventen der Filmhochschule und somit bewandert in Filmgeschichte und all den unzähligen Darstellungen von Herzschmerz, die es schon gibt, sie werden auch noch von Freunden Reisz gespielt, die ebenfalls auf der Filmhochschule waren.
 
Es ist kein Zufall, dass nicht nur Hauptdarsteller Aron Ferenczik eine Figur namens Aron spielt, auch seine vier besten Freunde Miklós, Roland, Bálint und Tamás werden von Schauspielern gleichen Namens gegeben. Alle sind sie Freunde des Regisseurs, was dem Film fraglos einen erheblichen (auto)biographischen Touch verleiht, der aber nie zur eitlen Nabelschau wird. Zumal Reisz immer wieder auch Momente einfügt, die das zeitgenössische Ungarn zeigen, ein Land, das von wirtschaftlichen Problemen und einer zunehmend rechtsgerichteten Regierung geprägt ist. Die aktuelle Flüchtlingsdebatte wird zwar zwangsläufig nicht direkt erwähnt, ist aber zumindest in den Gedanken des Zuschauers stets präsent. Dieser konservativen, sozial und emotional zunehmend kalten Welt setzt Reisz in "Aus unerfindlichen Gründen" quasi seine Weltsicht entgegen: Ein verspielter Blick auf die Realität, auf den tristen Alltag, der gerade mit der Phantasie des Kinos zum Leben erweckt werden kann.
 
Michael Meyns