Ayka

Harschester Sozialrealismus ist Sergey Dvotsevoys „Ayka“, der letztes Jahr im Wettbewerb in Cannes gezeigt und dort mit dem Preis für die Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. Zurecht, denn es ist vor allem die intensive Performance von Hauptdarstellerin Samal Yeslyamova, die das Drama über eine Migrantin in Moskau sehenswert macht.

Webseite: www.neuevisionen.de

Russland/ Kasachstan/ Deutschland/ Polen/ China 2018
Regie: Sergey Dvortsevoy
Buch: Sergey Dvortsevoy & Gennady Ostrovsky
Darsteller: Samal Yeslyamova, Zhipargul Abdilaeva, David Alaverdyan, Sergey Mazur, Slava Agashkin, Ashkat Kuchinchirekov
Länge: 110 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 18 April 2019

FILMKRITIK:

Benommen wacht Ayka (Samal Yeslyamova) in einer Geburtsklinik in Moskau auf. Eine Krankenschwester will ihr das Baby reichen, das sie gerade entbunden hat. Doch vorher will Ayka schnell auf die Toilette – und nutzt die Gelegenheit, um aus dem Fenster zu fliehen, hinaus in das schneebedeckte, eisige Moskau. Sie hastet in die Geflügelfabrik, in der sie bei miserablen sanitären Bedingungen Hühner rupft – und am Ende der Schicht erfährt, dass ihr Boss mit dem versprochenen Gehalt von zwei Wochen geflohen ist.
 
Verzweifelt, hungrig, frierend streift sie durch Moskau, versucht Unterschlupf zu finden, eine Arbeit, doch sie hat keine Papiere, keine Arbeitserlaubnis. Einen richtigen Job kann sie nicht bekommen, die wenigen Menschen, die willens sind, sie anzustellen, haben meist keine Skrupel, sie auszunutzen. Nur in wenigen Momenten schlägt Ayka ein wenig Mitmenschlichkeit entgegen, eine andere Migrantin aus ihrer zentralasiatischen Heimat Kirgistan verschafft ihr für ein paar Tage einen Job bei einem Veterinär, doch ein wirklicher Ausweg aus ihrer Situation ist kaum möglich.
 
Eine karge Zeitungsnotiz war Ursprung für den ersten Spielfilm Sergey Dvortsevoys, der nun, zehn Jahre nach seinem Debüt „Tulpan“, ins Kino kommt: „Im Jahr 2010 wurden in Moskauer Geburtskliniken 248 Babys von Müttern aus Kirgistan aufgegeben“ las der aus Kasachstan stammende Regisseur und nahm diese Meldung als Anlass zur Ergründung der Frage, was eine Mutter dazu veranlassen könnte, ihr Neugeborenes zu verlassen.
 
Die Antwort, die er in den 110 Minuten von „Ayka“ liefert, ist schwer zu ertragen, mit schonungslosem Blick gefilmt, vermutlich aber auch sehr realistisch: Angesichts ihrer eigenen Situation, ohne Geld, ohne Arbeitserlaubnis in Moskau gestrandet, sieht Ayka keine Zukunft für ihr Baby. Ohne es einmal gestillt zu haben, ohne den Beginn einer Bindung zuzulassen, lässt sie es zurück und blickt kein einziges Mal zurück.
 
Immer nur nach vorne blickt sie und mit ihr die Kamera, die in praktisch jedem Moment hautnah an der Protagonistin klebt. Unweigerlich fühlt man sich hier an „Rosetta“ erinnernd, den ersten großen Film der Dardenne-Brüder, der eine ganze Generation von sozialrealistischem Kino prägte. Viele Filme folgten Stil und Blick der Dardennes und so ist es fast ein Klischee, wie Dvotsevoy hier vorgeht.
 
Was „Ayka“ jedoch über viele ähnliche Filme heraushebt ist sein schonungsloser, konsequenter Blick, der seine Hauptfigur nie mit einer sentimentalen Geste zu humanisieren versucht. Kaum einmal kommt der Film zu Ruhe, kaum einmal erlaubt er sich anzudeuten, dass Ayka ihre Handlungen hinterfragt, dass sie ihr Kind vermisst, dass sie sich und ihre Lage bedauert. Wo viele andere vergleichbare Filme früher oder später versuchen, das Publikum auf die Seite ihrer Protagonisten zu ziehen, bleibt Dvotsevoy konsequent distanziert. Dass er seine Hauptfigur dennoch nicht aus- oder bloßstellt ist der Darstellung von Samal Yeslyamova zu verdanken, die in „Ayka“ nach „Tulpan“ erst ihre zweite Rolle spielt. Voller Intensität verkörpert sie ihre Figur, macht ihre Verzweiflung spürbar, die Unausweichlichkeit der Situation, in der sie sich wiederfindet und macht damit auch ihre eigentlich unfassbaren Handlungen begreifbar, denn am Ende geht es um nicht mehr als das bloße Überleben.
 
Michael Meyns