B-Movie – Lust & Sound in West-Berlin

Mitreißende Nostalgie, verklärte Erinnerungen an ein Jahrzehnt voller Exzesse, an Musik, merkwürdige Kleidung und eine Stadt, die schon damals Anziehungspunkt für ungewöhnliche Menschen war. All das ist „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin“, eine Kollage aus Film- und Musikschnippseln, lose strukturiert durch den Blick eines Außenseiters, eine Hommage an eine Stadt und an die 80er Jahre.

Webseite: www.b-movie-der-film.de

Deutschland 2015 – Dokumentation
Regie, Buch: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange
Länge: 92 Minuten
Verleih: Interzone Pictures
Kinostart: 21. Mai 2015
 

FILMKRITIK:

Nostalgie ist einfach, aber auch ein bisschen billig. In der Erinnerung lässt sich die Vergangenheit leicht zu einer besseren Zeit stilisieren, die positiven Aspekte werden betont, die negativen vernachlässigt, früher war alles besser, man kennt das ja. Gerade im zunehmend beliebten dokumentarischen Genre des Found-Footage-Films, der ausschließlich aus Archivmaterial besteht, ist die Gefahr groß, sich an den Aufnahmen aus der Vergangenheit zu begeistern, kurze Momentaufnahmen nebeneinander zu stellen und zu glauben, dass das schon für einen Film reicht.

Diesem Fallstrick entgeht das Regiekollektiv Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange mit einem einfachen Kniff: britischer Selbstironie. Die Hauptfigur ihres 80er Jahre Berlin-Films „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin“ ist der aus Manchester stammende Engländer Mark Reeder, der Ende der 70er Jahre in das schon damals (allerdings aus anderen Gründen als heute) aufregende West-Berlin zog, vor allem der Musik wegen. Reeder lebt immer noch in Berlin, spricht gut Deutsch, aber mit deutlichem britischen Akzent, der seiner Erzählerstimme etwas durch und durch Selbstironisches verleiht, was wiederum verhindert, dass der Film in billige Nostalgie abdriftet.

Was Reeder erzählt, ist sein ganz persönlicher Blick auf die 80er Jahre, ein Blick, der durch seine Omnipräsenz in der Musik- und ganz allgemein in der Kulturszene allerdings universelle Qualität hat. Als Manager von diversen Bands begann Reeder, sich einen Namen zu machen, holte die legendären Joy Division zu ihrem einzigen Berlin-Konzert ins Kant Kino, managte zahlreiche Bands der Neuen Deutschen Welle, spielte bei Underground-Filmen von Jörg Buttgereit mit, sorgte dafür, dass Die Ärzte mit ihrem betont provokantem Song Eva Braun im englischen Fernsehen auftreten konnten und vor allem lebte er in Berlin. Neben Musik bedeutete das Sex, Drogen, Demonstrationen und der ganz besondere Zustand der Frontstadt West-Berlin.

Natürlich ist „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin“ auch eine Aneinanderreihung bekannter Menschen: Gudrun Gut, Annette Humpe, Blixa Bargeld, Nena, Nick Cave, Westbam, Zazie de Paris, Die Toten Hosen, Der „wahre“ Heino, Einstürzende Neubauten, Die Ärzte, Die Unbekannten, Malaria!, Notorische Reflexe, Christiane F. und viele andere treten auf, durch Clubs und Bars führt die Reise, von bekannteren und weniger bekannteren Orten werden verwaschene Aufnahmen zusammengeschnitten, unterlegt mit – abgesehen von Reeders Erinnerungen – ausschließlich alten Tonaufnahmen.

Dass ist ein mitreißender, atemloser Blick durch ein Jahrzehnt West-Berlin, gleichermaßen subjektiv und persönlich, aber doch auch universell, voller Musik und merkwürdiger Klamotten, auf und abseits der Bühnen.
 
Michael Meyns