Back for Good

Gleich mit ihrem Diplomfilm „Back for Good“ eröffnete die an der Filmakademie Baden-Württemberg ausgebildete Regisseurin Mia Spengler 2017 die Berlinale-Sektion Perspektive Deutsches Kino. Spenglers witzige Medien- und Gesellschaftssatire um eine C-Prominente auf dem absteigenden Ast punktet insbesondere mit der famosen Hauptdarstellerin Kim Riedle, der feinen Kameraarbeit von Falko Lachmund und der durchweg kompetenten Inszenierung.

Webseite: http://backforgood-derfilm.de

Deutschland 2017
Regie: Mia Spengler
Drehbuch: Stefanie Schmitz, Mia Spengler
Darsteller/innen: Kim Riedle, Juliane Köhler, Leonie Wesselow, Nicki von Tempelhoff, Robert Besta, Yasemin Cetinkaya, Emma Drogunova
Laufzeit: 91 Min.
Verleih: NFP/Filmwelt
Kinostart: 31. Mai 2018

FILMKRITIK:

Die Reality-TV-Karriere von Angie (Kim Riedle) geht gerade ziemlich den Bach runter. Nachdem die Anfang 30-Jährige als PR-Aktion einen Drogenentzug hinter sich gebracht hat, will sie einen Platz als Kandidatin im quotenstarken „Dschungelcamp“ ergattern. Doch als ihr Lover und Manager ihr den Laufpass gibt, rückt das TV-Comeback in weite Ferne und die von ihren vermeintlichen Freunden ignorierte Angie kehrt vorerst in ihr Heimatkaff zur Familie zurück.
 
In der alten Heimat warten ihre fordernde Mutter Monika (Juliane Köhler), die den illustren Lebenswandel der Tochter kritisch beäugt, und Angies jüngere Schwester Kiki (Leonie Wesselow), eine Epileptikerin, die mit der Pubertät und Cyber-Mobbing ringt. Als die herzkranke Mutter ins Krankenhaus kommt, muss Angie Verantwortung für Kiki übernehmen.
 
Der Fixstern der Tragikomödie ist klar die von Kim Riedle mit viel Verve gespielte Protagonistin Angie. Statt das scheiternde Medien-Sternchen ironisch der Lächerlichkeit preiszugeben, wählt Mia Spengler, die das Drehbuch gemeinsam mit Stefanie Schmitz verfasst hat, einen differenzierten Ansatz, der weitgehend ohne Klischees aus dem TV-Zirkus und der Regenbogenpresse auskommt. Einerseits erfüllt Angie die Anforderungen an ihre Prominenz, wenn sie aufgedonnert durch Clubs zieht, ihre gemachte Brüste für die Kameras arrangiert oder mit einem früheren Boyband-Star anbändelt, der inzwischen bei Baumarkteröffnungen auftritt. Andererseits verfügt die private Angie über eine sehr verletzliche Seite, die kaum etwas mit ihrer öffentlichen Selbstinszenierung zu tun hat. Diese gewissermaßen geteilte Persönlichkeit bringt die zuvor aus Fernsehproduktionen bekannte Kim Riedle quicklebendig und sehr glaubhaft rüber.
 
Abseits des Blitzlichtgewitters entfaltet sich „Back for Good“ als Familiendrama. Während der Vater komplett abwesend ist, müssen sich Angie, ihre Mutter Monika und die kleine Schwester Kiki zusammenraufen. Im Vergleich zur facettenreichen Ausgestaltung der Hauptfigur Angie wirkt die von Juliane Köhler gespielte Mutter, die in Linedance und Tupperware macht, mit ihrer übersteigerten Fürsorglichkeit etwas überzeichnet. Weil Kiki an Epilepsie leidet, muss sie einen absurden Schutzhelm tragen, der sie in der Schule zum Mobbingopfer abstempelt. Auch Kikis Tanzvideos auf Youtube ernten nur Spott. Mit der Ankunft der berühmten Schwester schöpft die untergebutterte Schwester jedoch neuen Mut und schaut sich eine Portion Selbstbewusstsein ab.
 
In filmischer Hinsicht liefert Mia Spengler eine durchweg gelungene Arbeit ab. Vor allem die bewegliche Kameraführung von Falko Lachmund, der nah an den Figuren bleibt, trägt entscheidend zum Flow des Films bei, der auch im treibenden Soundtrack widerhallt. Dass Spengler bei allem Humor nie das Gefühlsleben ihrer Hauptfigur aus den Augen verliert, verleiht der Mediensatire eine gerade für ein Kinodebüt bemerkenswerte Vielschichtigkeit.
 
Christian Horn