Bad Boy Kummer

Borderline-Journalismus – mit diesem Begriff brachte es Tom Kummer zu zweifelhaftem Ruhm. Der Autor erfand Interviews mit großen Stars, die er angesehenen Blättern im deutschsprachigen Raum verkaufte. Im Jahr 2000 flog die Sache auf. Jetzt kommt ein Dokumentarfilm in die Kinos, der dem Mythos Kummer auf den Grund gehen will. Wie der Hochstapler tickt, davon bekommt man in dem Film eine Ahnung. Doch Miklós Gimes vergibt die Chance, vom skurrilen Einzelfall zum Allgemeinen zu kommen: dass nämlich in bestimmten Medien Fälschungen und Verzerrungen gang und gäbe sind.

Webseite: www.badboykummer.de

Schweiz 2010
Regie: Miklós Gimes
Kamera: Filip Zumbrunn
Filmlänge: 92 Minuten
Verleih: W-Film
Kinostart: 5. Mai 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Schwergewichtsboxer Mike Tyson erzählt, dass er Kakerlaken isst, um sein Körperintelligenz zu stärken. Regisseur Quentin Tarantino plaudert aus, dass sein Agent eine Flasche Cognac am Tag trinkt. Und Superstar Brad Pitt enthüllt, dass er beim Bergsteigen seine innere Leere überwunden hat. Schöne Geschichten, aber alle ausgedacht. Gedruckt wurden sie trotzdem, und zwar von renommierten Blättern wie den Magazinen der Süddeutschen Zeitung und des Zürcher Tages-Anzeigers. Rund 60 Interviews und Reportagen soll Tom Kummer, der aus Los Angeles die Medien versorgte, gefälscht oder abgeschrieben haben. Es war ein handfester Skandal. Die seriöse Presse stand dumm da. Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, den damaligen Chefs des SZ-Magazins, kosteten die Märchen ihres Star-Autors den Job.

Und was sagt der Betrüger zehn Jahre später dazu? Ja, irgendwie sei er ein „bad boy“, räumt Kummer ein, um das gleich durch sein Grinsen zu dementieren. Nach wie vor kann der Mann, der seine Brötchen gegenwärtig als Tennislehrer verdient, bei sich kein Fehlverhalten entdecken, sondern verteidigt seine Arbeitsweise als spannendes „Spiel von Wahrheit und Fiktion“ und spricht von seiner „Rolle“ als „Interview-Produzent“. Sein Ziel sei es gewesen, für „gute Unterhaltung“ zu sorgen. Im Übrigen müsse seinen Auftraggebern klar gewesen sein, dass die von ihm gelieferten Interviews so nicht gelaufen sein konnten. Nie sei aber eine Nachfrage gekommen.

Das ist Kummers Botschaft, die er über 92 Minuten variiert, in Gesprächen mit alten Freunden und ehemaligen Auftraggebern. Es wirkt stets so, als sei Kummer ein bisschen beleidigt, dass niemand seine Genialität versteht. Dass er die Grenze zur Fiktion überschritt, mag auch am Milieu liegen, in dem er sich bewegte. In Los Angeles und Hollywood im Besonderen wird ja viel mit heißer Luft gehandelt. Er spricht auch von der Frustration bei straff organisierten Presseterminen, während denen Prominente Nichtigkeiten von sich geben. Doch schon in jungen Jahren, das zeigt die Begegnung mit alten Freunden, hat er es mit der Wahrheit offenbar nicht so genau genommen. Möglich, dass Kummers Hochstapelei pathologische Züge trägt. Dafür mag auch seine sofortige Bereitschaft, an dem Film mitzuwirken (und mal wieder im Rampenlicht zu stehen), ein Indiz sein. Dieser nahe liegenden Frage geht Regisseur Miklós Gimes nicht nach – und er versäumt es auch, einer reichlich lang zurückliegenden Geschichte über einen Skandal-Autor mit der Frage nach der Seriosität im Medienwesen zu mehr Tiefe und Aktualität zu verhelfen. Denn zumindest bei der Yellow Press gehört Fantasie zum Geschäft. Die Bild-Zeitung muss sich immer wieder vor Gericht verantworten. Der Deutsche Presserat sprach zwischen 1986 und 2007 gegen Bild 106 Rügen aus. Das schwedische Königshaus begann 2005, juristisch gegen die Flut erfundener Geschichten vorzugehen, vor allem gegen deutsche Blätter. Es ging um mehrere hundert unwahre Behauptungen.

Der Fall Kummer war spektakulär – aber er steht beileibe nicht für sich allein. Gimes, der Kummers Texte aus seiner Zeit als stellvertretender Chefredakteur beim Zürcher Tages-Anzeiger kennt, mag während der Arbeit an seinem rasant geschnittenen Film, dem zum folgen nicht immer leicht fällt, ein wenig der Faszination des sympathischen Betrügers erlegen sein. Er lässt das in seinen Off-Kommentaren auch durchblicken. Das mag der Grund dafür sein, dass er an manchen Stellen seinen Protagonisten einfach wirken lässt, statt hartnäckig zu bohren. Kummer ist übrigens immer noch als schreibender Borderliner unterwegs. Seine jüngste Buchveröffentlichung trägt den Titel "Kleiner Knut ganz groß. Der berühmteste Eisbär der Welt im Gespräch mit Tom Kummer". Da merkt immerhin jeder gleich, dass diese Gespräche so nicht stattgefunden haben können.

Volker Mazassek

Der Schweizer Tom Kummer ist Journalist – d.h. er war Journalist, jetzt ist er vor allem Tennislehrer. Warum? Weil er seine eigene Karriere vernichtete. Selbstsabotage nennt er es, Selbstzerstörung sagen dazu andere. Ganz früher wollte er „Künstler“ sein, doch so aufregend waren seine Kunst-Performances nicht, und niemand scheint sich darum geschert zu haben.

90er Jahre. Kummer in Los Angeles. Paparazzi, Reporter und Interviewsucher für Gespräche mit den Hollywood-Stars gibt es da genug. Um an etwas Besonderes zu kommen, muss man sich schon etwas einfallen lassen. Und genau das tat Thomas Kummer.

Er hat einen guten Schreibstil, besitzt eine Menge Nachschlagewerke, ist in ordentlichem Maße gebildet, hat Chuzpe.

Also erfand er ganz einfach Interviews – mit Pamela Anderson, Mike Tyson, Sharon Stone, Charles Bronson, Gwyneth Paltrow und vielen anderen. An die 50, 60 Interviews müssen es gewesen sein. Dazu tatsächlich durchgeführte – und ausgeschmückte – Reportagen aus Jordanien, Indien usw.

Weil das alles toll geschrieben war – z.B. gab er an, mit Mike Tyson über Philosophen oder mit Charles Bronson über Orchideen gesprochen zu haben – nahmen in Europa wie in den USA viele große Zeitschriften Kummers Arbeiten mit Freude an und druckten sie ab. Sechs oder sieben Jahre lang.

Dann flog alles auf. Die Blamage, der Ärger, das Erstaunen, die Enttäuschung über die Hochstapelei waren groß. Kummer wurde fallen gelassen.

Er selbst hat zwar auch mit dieser Zeit abgeschlossen, versucht aber noch immer, seine Betrügereien zu rechtfertigen oder gar gut zu finden.

Ein ausführlicher Film darüber ist entstanden: Selbstzeugnisse, Bilder, Familienleben, Reiseberichte, Gespräche mit Freunden und ehemaligen Freunden, Erklärungsversuche. Sehr interessant! Auch filmisch.

Alles in allem ein entlarvender Blick nicht nur auf Thomas Kummer, sondern auch auf eine gewisse Medienwelt, die zum großen, zum allergrößten Teil versucht, die Menschen und deren Umfeld zu beeinflussen und zu manipulieren.

Thomas Engel