Baikonur

Nach „Absurdistan“, der in Aserbaidschan entstand, zieht es Veit Helmer mit seinem neuen Film „Baikonur“ erneut in die Weiten einer ehemaligen Sowjetrepublik. Rund um den legendären Weltraumbahnhof in Kasachstan siedelt Helmer seine märchenhafte Liebesgeschichte an, die wie alle Film des Regisseurs in erster Linie von ihrer Atmosphäre und weniger von ausgefeilter Dramaturgie lebt.

Webseite: www.baikonur.x-verleih.de

Deutschland/ Russland/ Kasachstan 2010,
Regie: Veit Helmer
Buch: Veit Helmer, Sergej Ashkenazy
Darsteller: Alexander Asochakov, Marie de Villepin, Sitora Farmonova, Erbulat Toguzakov
Länge: 95 Minuten
Verleih: X Verleih
Kinostart: 1. September 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Seit seinem Debütfilm „Tuvalu“ hat sich Veit Helmer als eine Art magischer Realist des deutschen Kinos etabliert. Immer wieder erzählt er Geschichten, die weniger einem zeitgenössischen Realismus verhaftet sind, als versuchen auf poetische Weise in erster Linie von der Liebe zu erzählen. Auch Helmers vierter Film „Baikonur“ folgt dieser Linie, mit allen Stärken und Schwächen, die man inzwischen von ihm gewohnt ist.

Schauplatz ist die kasachische Steppe, genauer gesagt ein kleines Dorf bzw. eine Ansammlung von Hütten, die zum Teil aus Weltraumschrott gebaut sind. Diesen zu suchen und an Altmetallhändler zu verkaufen scheint neben der Viehzucht die einzige Beschäftigung der Dorfbewohner zu sein. Immer wenn im nahe gelegenen Weltraumbahnhof Baikonur ein Raketenstart ansteht setzt sich der junge Funker Iskander, genannt Gagarin, an sein Funkgerät und ermittelt den Ort in der Steppe, an dem die abgebrannten Raketenteile landen werden. Nach altem Brauch gehört dem Finder was vom Himmel fällt – früher wohl eher auf Äpfel und Birnen gemünzt, heute eben auf Raketenteile. Aber auch auf eine wunderschöne, blonde Frau, die eines Tages vom Himmel fällt und Iskanders Leben ändert. Es ist Julie, eine französische Weltraumtouristen, die bei der Rückkehr von der Internationalen Raumstation verloren gegangen ist. Schon als er Bilder von Julie im Fernsehen sah, hatte sich Iskander in die fremde Schöne verguckt, jetzt liegt sie im Koma in seiner Jurte und wird durch einen Kuss wieder zum Leben erweckt. Sehr zum Unwillen von Nazira, einer heißblütigen jungen Dorfbewohnerin, die erklärte Gegnerin der Raumfahrt ist, seit ihre Eltern von herunterfallendem Weltraumschrott getötet wurden. So steht Iskander zwischen zwei Frauen, die zwei unterschiedliche Lebensvorstellungen symbolisieren.

Mutig ist die Art des Filmemachens, wie Veit Helmer sie bevorzugt, in jedem Fall. Im Gegensatz zu allzu vielen deutschen Filmen, die nicht zufällig so aussehen, als wären sie fürs Fernsehen gemacht, sind seine Filme voller eindrucksvoller Bilder, trauen sich aus den bekannten und unendlich oft abgefilmten deutschen Gefilden hinaus und versuchen die Welt mit anderen Augen zu sehen. Das lässt sich auch über „Baikonur“ sagen, der die Weiten der kasachischen Steppe ebenso eindrucksvoll in Szene setzt, wie die Möglichkeit im Rauffahrtzentrum Baikonur zu filmen, wo bislang kaum jemand drehen durfte. Auch seine beiden Hauptdarstellerinnen sind überaus sehenswert, was dann aber schnell zu einem der Probleme von Helmers Film führt: Selbst unter Berücksichtigung des Märchenhaften Ansatzes ist das in „Baikonur“ gezeigte Frauenbild überaus antiquiert, und das ist noch vorsichtig ausgedrückt. Das mag nicht intendiert sein, zeigt aber, wie holprig die Geschichten sind, die Helmer erzählt: Seine Figuren sind wenig mehr als Chiffren, deren Verhalten oft kaum nachvollziehbar ist; statt auf Psychologie setzt er auf malerische Bilder, eine schöne Einstellung ist hier immer wichtiger als Logik. In den besten Momenten ist „Baikonur“ tatsächlich poetisches Kino mit eindrucksvollen Bildern. Nur zwischen diesen Momenten stottert die Geschichte ein wenig unbefriedigend durch die kasachische Steppe.

Michael Meyns

Baikonur. Früher jahrzehntelang eine streng abgeschirmtes, sogar geographisch geheim gehaltenes sowjetisches Weltraum- und Raketenzentrum, heute eher zugänglich. Veit Helmer erhielt denn auch nach langem Warten die Genehmigung, dort sein halbdokumentarisches Spielfilmmärchen zu drehen.

In einem kasachischen Dorf nahe Baikonur, dessen Bewohner sich mit nach dem Start vom Himmel gefallenem Raketenschrott über Wasser halten, lebt der junge Iskander, den alle Gagarin nennen, weil er zwar Schäfer ist, sich jedoch als Amateurfunker Tag und Nacht mit der Raumfahrt beschäftigt. Die rassige Nazira lässt Interesse an Iskander durchblicken, der aber hat momentan nur Augen für die französische Weltraumtouristin Julie, die gerade mit Kosmonauten ins All fliegt.

Nach einigen Tagen kehrt Julie zurück, landet in der kasachischen Steppe und wird von Iskander alias Gagarin gefunden. Sie hat wegen zu großen Drucks, vielleicht auch wegen der Schwerelosigkeit ihr Gedächtnis verloren, weshalb Gagarin sie zu seiner „Verlobten“ machen kann und der Dorfbevölkerung sie auch als solche vorstellt.

Nach einer intimen Nacht gewinnt Julie, offenbar wegen des intensiven sexuellen Erlebnisses, ihr Gedächtnis zurück, wird von den Suchtrupps endlich gefunden und nach Baikonur gebracht. Gagarin, nicht dumm, lässt sich deshalb im Raketenzentrum anstellen, um ihr möglichst nahe zu sein. Er steigt schließlich bis zum Kandidaten des Simulationstrainings auf.

Nach einer gewissen Zeit aber wird er wieder „normal“ und kehrt zu seinem Beruf als Schäfer ins Dorf zurück. Denn da ist schließlich auch noch Nazira.

Technische Dokumentation, kasachisches Dorfmilieu, märchenhafte Einbildung eines Verblendeten, Liebesgeschichte, Erwachen aus dem unerreichbaren Wunschtraum und Rückkehr ins gewöhnliche Leben – von Veit Helmer alles gemixt in seinem bereits aus früheren Filmen bekannten teils originellen, teils disparaten Stil.

Beachtung verdienen Marie de Villepin als aparte Julie, Alexander Asochakow als Gagarin, Sitora Farmonova als Nazira und ein wenig auch Erbulat Toguzakow als Gagarins Großvater und Sprecher des Dorfes.

Thomas Engel