Balkan Melodie

Als Film über die Musik, die aus dem Südosten Europas ihren Siegeszug durch die Welt startete, ist dies ein echtes Dokument: Erinnerung und Denkmal zugleich – eine warmherzige Begegnung mit Menschen und ihrer Kultur. Zu einer Zeit, als der Ausdruck „Weltmusik“ noch in weiter Ferne lag, als man im Westen von Volksmusiktradition wenig wissen wollte, reisten die Schweizer Marcel und Catherine Cellier mit Tonband und Kamera hinter den Eisernen Vorhang in die Balkanländer und fanden dort eine über Jahrhunderte gewachsene Musik, die sie nicht mehr loslassen sollte.
Ohne Marcel Cellier hätte der Panflötenspieler Gheorge Zamfir vielleicht niemals seine rumänische Heimat verlassen. Der Frauenchor „Le Mystère de Voix Bulgares“ kam über Cellier zu Weltruhm, und die Celliers haben ihre Leidenschaft für die Musik des Balkans zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Der Film handelt von ihrer Liebe zueinander und zur Musik, von ihren Entdeckungsreisen und Abenteuern, von Traditionen und Veränderungen. Das ist ein Hochgenuss für Musikfans und Kenner der Kultur des Balkans. Aber man kann sich durchaus auch einfach fallen lassen in diesen Film und mit der Musik träumen, staunen und zurückblicken auf eine Ost-West-Geschichte, die heute beinahe wie ein Märchen aus fremden Welten anmutet.
Eine bewegende musikalische Reise – einfach schön.

Webseite: www.ventura-film.de

Dokumentarfilm
Deutschland/Schweiz 2011
Regie und Buch: Stefan Schwietert
92 Minuten
Verleih: Ventura Film GmbH, Vertrieb: Die Filmagentinnen
Kinostart: 7. Februar 2013 (Berlin: 1. Februar 2013)

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Wer mitten im Kalten Krieg von der sicheren Schweiz aus freiwillig hinter den Eisernen Vorhang reiste und noch dazu in ländliche Gegenden Rumäniens oder Bulgariens, der musste dafür einen triftigen Grund haben oder ein bisschen verrückt sein. Marcel Cellier brachte beides mit, aber vor allem war und ist er ein leidenschaftlicher Fan der Musik vom Balkan. Ursprünglich aus beruflichen Gründen – er war ein international tätiger Kaufmann – kam er 1950 mit seiner späteren Frau Catherine nach Bulgarien und hörte dort auf einem kleinen Kofferradio zum ersten Mal die magischen Stimmen eines bulgarischen Frauenchors. Als begeisterter Musiker wollte Cellier sofort mehr darüber erfahren. Er kaufte ein Aufnahmegerät und begab sich auf die Suche nach den ursprünglichen Rhythmen, den traditionellen Instrumenten und nach den Menschen, die so selbstverständlich mit ihrer Musik lebten, die für westliche Ohren exotisch und aufregend klang. In den folgenden Jahrzehnten entdeckte und förderte er viele Künstler wie den Panflötenspieler Gheorge Zamfir, er managte sie, produzierte ihre Platten und verschaffte ihnen Auftritte in der ganzen Welt. Zwischen Kunst und Kommerz balancierte der Idealist und Geschäftsmann Marcel Cellier ebenso gekonnt wie zwischen den staatlichen Systemen. Stefan Schwietert hat den sympathischen Querdenker und seine Ehefrau in den Mittelpunkt seines Films über die heißblütigen Rhythmen inmitten des Kalten Krieges gestellt.

Mit Dokumentarfilmen über Musik und Musiker hat Stefan Schwietert sich in Musik- und Cineastenkreisen einen Namen gemacht – unvergessen HEIMATKLÄNGE, ACCORDION TRIBE und TICKLE IN THE HEART. Auch hier gelingt es ihm, wunderbare musikalische Impressionen mit einer guten Geschichte zu verbinden: Der inzwischen bald 90jährige Marcel Cellier (Jahrgang 1925) und seine ebenfalls noch rüstige Frau Catherine sind zwei unglaublich interessante Menschen, deren Verbundenheit nach mehr als 60 Jahren des Zusammenlebens etwas anrührend Selbstverständliches und Zärtliches hat. Ihre gemeinsame Leidenschaft für die Musik und ihre Protagonisten macht sie zu Abenteurern, die immer noch voller Enthusiasmus auf die Vergangenheit zurückblicken. Stefan Schwieters begibt sich auf die Spuren ihrer Reisen und findet veränderte Regionen und veränderte Menschen. Doch das alte Feuer brennt immer noch – bei den Celliers ebenso wie bei den Musikern, die manchmal mit Wehmut auf den Glanz vergangener Zeiten zurückblicken.

Im real existierenden Sozialismus war die Folklore ein wirksames Propagandamittel, sie wurde intensiv gefördert und war Bestandteil des kulturellen Lebens. Die Musiker wurden großzügig unterstützt, ihre Musik und die Texte wurden bei Bedarf an die politischen Strömungen angepasst. Heute ist die Staatstreue ebenso verebbt wie das Interesse an den Traditionen. Die wunderbaren Frauenstimmen von „Le Mystère des Voix Bulgares“ sind nur noch selten live zu hören. Stefan Schwieters begleitet den Chor und erzählt die manchmal ergreifende, oft komisch anmutende Geschichte der Frauen, die dank Marcel Cellier und seinem Engagement auf den größten Bühnen der Welt auftraten. Er findet mitten in der Provinz eine ehemalige Folkloretruppe wieder, deren Mitglieder sich heute in erfrischender Offenheit über ihre Karriere als verstaatlichte Musiker äußern. Auch sie spielen noch gemeinsam, ihre Instrumente sind alt, der Lack ist abgeblättert, doch sie lassen sich nicht unterkriegen. Die Begegnung mit dem desillusionierten Gheorge Zamfir hat etwas Tragisches: Der Künstler, einst so etwas wie der Vorzeigemusiker des rumänischen Staates, ist einer der wenigen, der sich mit Marcel Cellier entzweit hat.

Doch für Melancholie bleibt keine Zeit, denn die Musik lebt weiter und damit die Lebenslust und die ursprüngliche Kraft der Menschen, die sie spielen, tanzen und singen…

Gaby Sikorski

In der Schweiz gibt es einen Glücksfall in der Person des heute bereits über 80jährigen Marcel Cellier, der in seinem Leben etwas unternommen hat, das musikgeschichtlich und regionalgeschichtlich von Bedeutung ist.

Ihn hatten eines Tages die Vokal- und Instrumentalklänge Südosteuropas stark berührt, und deshalb machte er sich in den 50er bis 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, also mitten im Kalten Krieg und mitten in der kommunistischen Herrschaft, mit seiner Frau Catherine viele Male auf nach Rumänien und Bulgarien, um diese Musik festzuhalten. Die beiden waren mit dem Auto unterwegs, die Reisen waren beschwerlich. Die Aufnahmeinstrumente waren noch verhältnismäßig primitiv, die Verkehrsinfrastruktur erbärmlich.

Aber Cellier ließ sich nicht abhalten. Er sammelte und sammelte, bewältigte die nötige Technik selbst, machte unzählige Aufnahmen und vertrieb Millionen von Tonträgern – zu jener Zeit etwas Besonderes. Seine Super-8-Filmaufnahmen kommen in Schwieterts Dokumentarfilm zur Geltung.

Ein spezielles Kapitel war dabei, dass er den Panflötisten Gheorghe Zamfir entdeckte, der später in allen Hauptstädten, ja der ganzen Welt (sogar im Vatikan) berühmt wurde. Der Ausnahmekünstler und Cellier waren lange eng befreundet – bis Zamfir der gigantische finanzielle Erfolg offenbar über den Kopf wuchs und der Ruin folgte. Heute ist es still um ihn. Er unterrichtet in Bukarest junge Musiker. Cellier über ihn: „Sein Spiel war so großartig, dass man nicht unberührt bleiben konnte. Es gab nichts Vergleichbares.“

In Bulgarien gibt es Frauenchöre besonderer Art. Ihre Musik, unter dem Namen „Le Mystère des Voix Bulgares“ („Das Geheimnis der bulgarischen Stimmen“) von Cellier veröffentlicht, beinhaltet slawische, türkische, ja sogar byzantinische Elemente. Sie wurde während der kommunistischen Zeit, in der die „Kultur“ (auch zu einer gewissen Überwachung der Bevölkerung) eine wichtige Rolle spielte, durch russische (auch moderne) Tonfolgen ergänzt und führte zu einer absolut einmaligen musikalischen Form, die archaisch, exotisch und manchmal sogar skurril klingt. Das gilt analog für den Rhythmus.

Die damalige staatliche Rolle in der Bewahrung dieser Kunst ist übrigens nicht zu unterschätzen, weder im Aufwand noch in den veranstalteten Shows. Auch in der Archivierung solcher Aufführungen hat Cellier große Verdienste. Seine einmalige Sammlung umfasst über 5000 Aufnahmen, Tagebücher, Fotos.

Gipsy-Musiker und andere Gruppen ergänzen den dokumentarischen Teil dieses Films.

Marcel Cellier erzählt, Gheorghe Zamfir erzählt, viele Archivbilder lassen die Arbeiter-und-Bauern-Chor-und-Tanz-Kultur wiederaufleben. Und immer wieder osteuropäische Musik, Musik, Musik der vielfältigsten Art. Heute haben westliche Einflüsse einen großen Teil jener Musikformen verdrängt. Umso wichtiger ist Marcel Celliers Lebenswerk und umso wichtiger ist, dass alles in diesem Film festgehalten wurde.

Thomas Engel