Bande de filles

In den Banlieues von Paris siedelt Céline Sciamma ihren dritten Spielfilm „Bande de filles“ an, der auf naturalistische, fast dokumentarische Weise das Leben seiner jungen Heldin Marieme schildert, die zwischen Schule, Straßengang und erster Liebe nach ihrem Weg durchs Leben sucht. Ein stark gefilmtes, mitreißend gespieltes Drama, das nicht bewertet sondern zeigt.

Webseite: www.peripherfilm.de

Frankreich 2014
Regie, Buch: Céline Sciamma
Darsteller: Karidja Touré, Assa Sylla, Lindsay Karamoh, Marietou Touré
Länge: 112 Minuten
Verleih: peripher
Kinostart: 26. Februar 2015
 

Pressestimmen:

"Klauen, tanzen, prügeln: Der französische Film "Bande de Filles" erzählt von einer Mädchengang, die sich in der Banlieue behaupten muss. Ein kraftvolles, ungeschöntes Bild vom Heranwachsen unter verschärften Bedingungen."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Filme, die in den Banlieues von Paris angesiedelt sind, bilden inzwischen fast ein eigenes Genre. Seit Mathieu Kassovitz vor nunmehr 20 Jahren mit „Hass“ für Furore sorgte, sind unzählige Filme gedreht worden, die das Leben in den Ghettos der Großstadt schildern, in denen oft Menschen aus Afrika oder dem Maghreb leben, meist ignoriert von der französischen Mehrheitsgesellschaft und sich mehr schlecht als recht durchs leben schlagen. In so einem Kontext nicht moralisch zu werden, die sozialen Ungerechtigkeiten zu beklagen, oder den Kodex des Ghettos zu verklären ist nicht leicht doch Céline Sciamma gelingt dieser schwierige Spagat.

Dabei beginnt „Bande de filles“ nicht einmal besonders subtil: Mit einem American Football Spiel, an dem vor allem schwarze Mädchen teilnehmen. Der Schauplatz dieser Metapher für den ewigen Überlebenskampf ist die Mittelschule von Marieme (Karidja Touré), ein 16jähriges Mädchen, das mit ihrer allein erziehenden Mutter und drei Geschwistern, ein Bruder und zwei Schwestern, in einem Vorort von Paris aufwächst. Eigentlich würde Marieme gern auf der Schule bleiben, etwas richtiges lernen, doch ihre Noten sind zu schlecht und so scheint ihr Weg vorgezeichnet: Eine Ausbildung machen, wenn sie Glück hat, einen schlecht bezahlten Job bekommen, alles Optionen, die einen Ausweg aus dem Betonblock, in dem sie lebt, praktisch unmöglich machen. Doch dann lernt Marieme die drei Mädchen Lady (Assa Sylla), Adiatou (Lindsay Karamoh) und Fily (Marietou Toure) kennen und wird bald Teil ihrer Gang.

Gemeinsam zieht man durch die Straßen, fährt mit der U-Bahn nach Paris, legt sich mit anderen Mädchengangs an, klaut Klamotten und tanzt in einer großartigen Szene selbstverloren zu Rihannas „Diamonds“. Doch bald ist auch dieses Leben nicht genug für Marieme, die sich in einen Freund ihres besitzergreifenden Bruders verliebt, der dadurch seine männliche Autorität verletzt sieht.

In grellen Farben inszeniert Sciamma diese Szenen, gefilmt in oft langen Plansequenzen in denen ihre Kamerafrau Crystel Fournier den Figuren ganz nahe kommt. Mitreißend ist das gefilmt, naturalistisch, aber auch mit fast dokumentarischem Duktus, der das Leben im Großstadtghetto mit der passenden Mischung aus Neugier, Faszination und Distanz schildert. So euphorisch manche Momente gefilmt sind, so stark die Mädchen in manchen Situationen auch wirken, verklärt wird ihr Leben am Rand der Gesellschaft nie.

Stattdessen zeigt Sciamma mit subtiler Beobachtung, wie die Gesellschaft ein Mädchen wie Marieme in bestimmte Bahnen lenkt, in bestimmte Schubladen steckt, aus denen es kaum ein entkommen gibt. So eigenständig und selbstbestimmt Marieme oft auch wirkt, in gewisser Weise ist ihr Weg vorgezeichnet, geprägt, eingeschränkt sowohl von den Konventionen des bürgerlichen Frankreichs, als auch von der patriarchalischen Kultur, in der sie aufwächst. Am Ende erlaubt sich Sciamma dennoch ein Moment der Hoffnung: Bevor sie endgültig aus dem Bild tritt, in eine ungewisse Zukunft, bewegt sich Marieme vom Unscharfen ins Scharfe, verharrt für einen Moment und geht so selbstbewusst wie nie zuvor ihres Weges. Wie es weitergeht würde man gerne erfahren, vielleicht in ein paar Jahren, in einer Fortsetzung dieses herausragenden Films.
 
Michael Meyns