Banksy – Exit Through The Gift Shop

Der englische Street Art-Star Banksy, bekannt durch seine subversiven Graffitis und Kunstaktionen, erweitert sein Repertoire und legt erstmals einen Film vor. Das Doku-Feature von und über den Künstler, den noch niemand zu Gesicht bekommen hat, mutiert in seinem Verlauf zu einer gelungenen Satire über die Kommerzialisierung des Kunstbetriebes und zeigt, wie schnell jemand zum Künstler ernannt werden kann, wenn er nur verrückt genug ist und es ein wenig geschickt anstellt.

Webseite: www.alamodefilm.de

Großbritannien 2010
Regie: Banksy
86 Min.
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 21. Oktober 2010
 

PRESSESTIMMEN:

Doku? Kunstprojekt? Egal. Faszinierend.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Banksy, der weltbekannte Street Art-Künstler, inszenierte mit „Exit Through The Gift Shop“ einen Film, der raffiniert zwischen amateurhafter Dokumentation und Mockumentary wechselt. Die Aufnahmen eines verrückten Franzosen aus Los Angeles, der sich mit naiver Begeisterung in die internationale Street Art-Szene stürzt, landen angeblich bei Banksy, der sie darauf im zweiten Teil zur humorvollen Demontage des Kunstbetriebes montiert. „Ein Film über einen Mann, der versucht hat, einen Film über mich zu drehen“, so beschreibt Banksy seinen ersten Spielfilm.

Banksy ist ein international gefeierter Street Art-Künstler. Bekannt sind seine Schwarzweißbilder von sich küssenden Polizisten und Straßenkämpfern, die mit Blumen um sich werfen. Im Westjordanland bemalte der Brite die monströse Mauer der Israelis mit künstlerischen Durchbrüchen. Mittlerweile sind seine Guerilla-Arbeiten, die in meist nächtlichen Aktionen mit unterschiedlichsten Materialien im Öffentlichen Raum erstellt wurden, in Museen wie dem MoMA oder der Tate Modern zu sehen.

Wie Street Art selbst spielt auch „Exit Through The Gift Shop“ mit der Wahrnehmung der Zuschauer. Aber wie realisiert man mit den Mitteln des (in seiner Produktion wesentlich aufwändigeren) Films etwas anscheinend Beiläufiges, das im Alltäglichen gründet? Der erste (Spiel-?) Film Banksys sieht erst einmal aus wie eine Dokumentation: Wir erleben den französischen Boutiquenbesitzer Thierry Guetta aus Los Angeles, der schon immer alles gefilmt hat, was ihm vor die Linse kam. Als er irgendwann Street Art entdeckt, weil der bekannte Künstler Invader sein Neffe ist, dringt er immer mehr in die Szene rein, lernt viele der Stars wie Shephard Fairey kennen und findet in dieser Dokumentation ein Ziel für die emsige Aufnahme seiner Umwelt.

Der ungeschickte Trottel Thierry, bei dem man befürchten muss, dass er bei einer Klebeaktion vom Dach fällt, ist selbst dabei, wenn eine Guantanamo-Szene in Disney Land nachgestellt wird und Panik bei der Security auslöst. Er schafft es sogar, das Filmmaterial heraus zu schmuggeln. Doch all dieses Material stapelt sich nur in Thierrys Wohnung. Eine hektisch zusammengehauene Schnittfassung für Banksy, der das Projekt eigentlich unterstützen wollte, erweckt bei diesen den Eindruck „einer Person mit geistigen Problemen und einer Kamera“. Also übernimmt Banksy die Regie und wir erleben nun, wie Thierry selber zum Künstler Mr. Brainwash wird, beziehungsweise die vorher dokumentierten Street Artisten ziemlich dreist und platt kopiert.

Zu sehen, wie ein Idiot Erfolg hat, wie er – mit der für klassischen Dramaturgie eines „Making Of…“ – eine Mega-Ausstellung trotz aller Probleme zum Event macht, liefert eine andere Art von Humor. Der Spaß an einer innovativen Kunstform mit ihren schillerenden Aktionisten macht Platz für eine deftige Farce des Kunstbetriebes, dem man scheinbar alles andrehen kann. Das ist im zweiten Teil dann ein klares Statement des Künstlers Banksy, der sich mit seiner Anonymität diesem Zirkus teilweise entzieht. Und ihn auch wiederum bedient, wie man bei der Berlinale-Aufführung des Films und dem Rummel um einen vielleicht inkognito anwesenden Star erleben konnte. (Die Anonymität gründet allerdings ursprünglich auf der Angst vor Strafverfolgung, denn Street Art ereignet sich wie Graffiti im Öffentlichen Raum und wird von einigen Menschen als Sachbeschädigung betrachtet.)

Auf seiner Website banksyfilm.com nennt Banksy sein Werk „The worlds first Street Art disaster movie“ – den ersten Street Art Katastrophen-Film! Der Film ist zumindest in Teilen so wie die Produktionsfirma heißt: Paranoid. In Thierry hat er eine Haupt- und Witz-Figur, die zu duchgeknallt ist, um nicht echt zu sein. Doch dann wird sie mit ihren Aktionen selbst zur Kunst-Figur – in doppelter Bedeutung. So gelang „Exit Through The Gift Shop“ vor allem im ersten Teil als informativer und spaßiger Ausflug in die Welt der Street Art, während die zweite Hälfte als Realsatire der Kunstwelt eher absurd wirkt und viel lachendes Kopfschütteln verursacht. Wie die anderen Arbeiten von Banksy ist auch sein erster Spielfilm ein unvergleichliches Unikat und nicht nur für Kunstfreunde lohnend.

Günter H. Jekubzik

Seine provokanten Kunstwerke zieren Fassaden und Mauern in aller Welt. Mit subversiven Aktionen im öffentlichen Raum machte er nicht nur die Kunstwelt, sondern auch die Polizei auf sich aufmerksam. Der bekannte britische Street Art-Künstler Banksy ist Phänomen und Phantom zugleich, denn da sich sein Schaffen meist am Rande der Legalität vollzieht, bleibt er lieber anonym.

Große Aufmerksamkeit erregte daher die Ankündigung, dass Banksy sein Repertoire um die Kunstform Film erweitert habe und erstmals als Regisseur in Erscheinung treten würde. Auf dem Sundance Filmfestival war es soweit, das Werk wurde erstmals vorgeführt und sorgte für große Begeisterung. Auf der Berlinale im Februar hatten auch die Filmfans jenseits des Atlantiks das Vergnügen, das viel diskutierte und umjubelte Debüt zu begutachten, und der ein oder andere hoffte, das Phantom doch noch persönlich zu Gesicht zu bekommen.

Doch leider war der Meister auch in Berlin wie in seinem Film nur als verhüllte Schattengestalt in einer Videobotschaft vor der Filmprojektion zu sehen, es hielten sich jedoch hartnäckig die Gerüchte, dass er in der Stadt sei, und so hielt jeder Ausschau, ob nicht doch eines seiner anarchistischen Kunstwerke an irgendeiner Häuserwand auftauchte.

Mehr Glück als die Berliner hatte augenscheinlich ein selbst ernannter französischer Dokumentarfilmer aus Los Angeles namens Thierry Guetta, wie EXIT THROUGH THE GIFT SHOP zeigt. Seit seiner Jugend besessen von der Idee, alles und jeden filmen zu müssen, stieß dieser eines Tages auf die Street Art Szene und setzte sich in den Kopf, den geheimnisvollen Banksy aufzuspüren. Beziehungen zum Szene-Star „Space Invader“ und ein Quentchen Glück führten schließlich zum Erfolg.

Fortan folgt Thierry mit dessen Erlaubnis Banksy auf Schritt und Tritt und filmt seine Aktionen. Banksy sprüht seine anarchistischen Ratten mit Peace-Demo-Schildern in den Pfoten an die Wände; er drapiert in Disneyland eine Guantanamo-Figur mitten in eine Adventure-Anlage oder hängt seine Werke unerkannt mitten in große Kunstmuseen in New York oder Paris; ja sogar an der israelischen Grenzmauer in der West Bank ist er mit seiner Sprühkunst aktiv – und immer ist Thierry mit der Kamera dabei. Es gibt nur ein Problem: Thierry entpuppt sich als dilettantischer Regisseur und als noch mieserer Cutter. Da dreht Banksy kurzerhand den Spieß um und fordert ihn auf, doch einmal selbst Kunst zu produzieren. Thierry fackelt nicht lange und beginnt unter dem Namen Mr. Brainwash munter mit der Produktion eigener Werke – ein Mix aus frech Geklautem aus der Kunstwelt und dessen eigenwilliger Verfremdung.

Nun folgt ein Rollentausch: Banksy übernimmt im zweiten Teil des Films Kamera und Regie und dokumentiert einen unglaublichen Aufstieg: der ehemalige Boutiquenbesitzer Guetta wird selbst zum Szene-Star und die eilig organisierte Ausstellung in L.A. zum lange Schlangen produzierenden Mega-Event, das dem Neu-Künstler Millionen beschert.

Bis zum Schluss bleibt offen, ob Thierry nur eine Kunstfigur ist, mit dem Banksy sich über die Kommerzialisierung der Street Art Bewegung und der Kunst allgemein lustig macht, oder ob dieser wirklich existiert. Doch gerade diese Unsicherheit erhöht den Reiz des Streifens und macht ihn zu einem ebenso subversiven Vergnügen wie die Kunst Banksys selbst, von der wir gerne noch mehr gesehen hätten.

Witzig und ironisch, stets mit der Wahrnehmung des Zuschauers spielend, war dieses „Mockumentary“ ein Höhepunkt der Berlinale, dessen Qualitäten sich auch beim deutschen Kino-Publikum schnell herumsprechen und die Kinos füllen werden.

Anne Wotschke

Ob man es will oder nicht, eine in unserer Zeit weit verbreitete Kunstrichtung ist die Gegenkunst, die Graffiti-Kunst, die Subkunst, die Straßenkunst. Besonders lebendig ist sie in den Vereinigten Staaten, etwa in New York, in Los Angeles.

Es geht nicht nur um gesprühte Graffitis, sondern auch um Plakate, Vervielfältigungen, Köpfe, Verfremdungen, Sprüche, Parolen, Figuren, um künstlerische Versuche aller nur denkbaren Art, die an den Fassaden der Städte veröffentlicht werden.

Banksy oder etwa Shepard Fairly gehören zu den bekanntesten Straßenkünstlern. Banksy verbreitete im Gegensatz zu Fairly seine Werke immer nur im Geheimen.

Der Franzose Thierry stieß eines Tages zu ihnen. Thierry hatte einen in seiner Kindheit verankerten Spleen: Er filmte alles und jedes. Jahrelang. Auf Hunderten von Filmen. All das geschah in den 90ern und in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts.

Thierry war zuerst Helfer (und Filmer) der Straßenkünstler. Dann kam ihm die Idee, alles selbst in die Hand zu nehmen. Er wuchs sozusagen über sich hinaus. Er mietete eine riesige Lagerhalle und ein paar Dutzend Arbeiter und stellte aus Kopien, Plagiaten, eigenen Entwürfen, Bluff-Bildern, völlig überteuertem Ramsch, aus allem, dessen er habhaft werden konnte, aus Hunderten von Objekten eine Ausstellung zusammen, um die er werbemäßig so viel Wind machte, dass Tausende kamen – und bezahlten.

Banksy war es schließlich, der das alles in diesem Dokumentarfilm festhielt.

Es ist ein unterhaltsamer, künstlerisch informativer Film über staunenswerte Kunstfertigkeiten, über die verschiedenen Formen
der Straßenkunst geworden, ein lustiger, anarchischer, einfallsreicher Streifen auch, ein Beispiel schließlich, wie
leicht die durch Werbung aufgeweckte und manchmal aufgepeitschte Menschenmasse an der Nase herumzuführen ist.

Einmal davon abgesehen, dass durch solche Straßenkunst zuweilen auch beträchtlicher materieller Schaden entsteht.

Immerhin kann bestes Bildmaterial bestaunt werden.

Thomas Engel