Bastille Day

Bemerkenswert, teilweise erschreckend aktuell ist James Watkins "Bastille Day", der mit einem verunglückten Terroranschlag im Herzen von Paris beginnt und im folgenden auf vielfältige Themen wie Occupy, Anonymous, islamischen Terrorismus und Polizeikorruption anspielt. Ein in manchen Schwächen aber vor allem vielen Stärken exemplarisches B-Picture.

Webseite: www.studiocanal.de

USA 2015
Regie: James Watkins
Buch: Andrew Baldwin
Darsteller: Idris Elba, Richard Madden, Charlotte Le Bon, Kelly Reilly, José Garcia, Thierry Godard
Länge: 92 Minuten
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 23. Juni 2016
 

FILMKRITIK:

Mit Taschendieben verdient der Amerikaner Michael Mason (Richard Madden) in Paris seinen Lebensunterhalt. Doch trotz seiner kriminellen Aktivität ist er ein Guter, der eigentlich nur das Geld für sein Medizinstudium, nun ja, zusammensparen möchte. Insofern ist Michael besonders schockiert, als er unwissentlich eine Tasche stiehlt, in der sich eine Bombe befindet, deren Explosion eine Kette von Ereignissen in Gang setzt.

Transportiert hat die Bombe die ebenfalls unwissende und reichlich naive Zoe (Charlotte Le Bon), die im Glauben war, ein Zeichen im Kampf gegen den Kapitalismus zu setzen. Verfolgt wird Michael bald vom raubeinigen CIA-Agenten Sean Briar (Idris Elba), der für seine oft überharten Methoden bekannt ist. Während Sean schnell realisiert, dass Michael kein Terrorist ist, heftet sich die französische Polizei an seine Fersen, zumal Unbekannte im Netz Videos veröffentlichen, die einen großen, verehrenden Anschlag am französischen Nationalfeiertag ankündigen: Am 14. Juli, dem Bastille Day.

Gab es in den 80er Jahren noch regelmäßig Filme wie diesen, ist das B-Picture heutzutage weitestgehend aus den Kinos verschwunden. Das ist Schade, denn James Watkins "Bastille Day" zeigt, was ein kurzer, kaum 90 minütiger, roher Actionthriller leisten kann, wie viel mehr er unterschwellig über die Belange der Gegenwart erzählen kann, als gutgemeinte Prestige-Filme, die ihre wichtigen Themen offensiv in den Vordergrund stellen.

Im Kern ist "Bastille Day" ein Buddy-Picture, der zwei ungleiche Typen unfreiwillig zusammenbringt. Anfangs Gegner, beginnen sie bald, sich zu respektieren und aufeinander zu verlassen. Schnörkellos inszeniert James Watkins diese Genrevariation, wie er es schon in dem Horrorthriller "Eden Lake" und dem Gruselfilm "Die Frau in Schwarz" getan hat. Doch unter der Oberfläche, unter der oft absurden, kaum glaubwürdigen Geschichte erzählt "Bastille Day" egal ob beabsichtigt oder nicht, viel über die Belange der Gegenwart.

Der islamische Terrorismus ist eine zunehmende Bedrohung, die gerade Paris schon mehrmals getroffen hat und in den nächsten Jahren fraglos häufiges Thema unterschiedlichster Filme sein wird. Hier ist diese Bedrohung nur Fassade, nur ein Schein, um die wahren Absichten der Täter zu kaschieren. Unter falscher Flagge werden die angeblichen Terroranschläge durchgeführt, um Reaktionen zu erzeugen. Ähnliches gilt für die scheinbar spontanen Proteste der Demonstranten, die von im Netz veröffentlichten Videos zum Protest gegen das System angestachelt werden. Unweigerlich erinnern diese Bilder einer Person hinter einer Maske, der mit scharfen Parolen die Masse agitiert, an die Anonymous-Videos, die seit Jahren im Netz kursieren. Im Schatten der Guy Fawkes-Maske kann auch hier, in der Realität, jeder Videos veröffentlichen, doch wer dahinter steckt kann man nicht wissen.

Gerade die Beiläufigkeit, mit der diese Themen angerissen werden, macht die Qualität eines B-Pictures aus. Im Gegensatz zu dezidiert anspruchsvollen Filmen, die sich oft zu moralischen Positionen oder gar Belehrungen hinreißen lassen, die allzu oft unterkomplex bleiben, benutzt ein B-Picture wie "Bastille Day" diese Themen nur als Hintergrund und spiegelt damit die Realität viel realistischer: Terrorismus, Anonymous, antikapitalistischer Protest stehen weder in diesem Film noch in der Realität im Mittelpunkt, und doh bestimmen sie das Leben der Menschen, in der Wirklichkeit – und im Kino.
 
Michael Meyns