Be natural

Alice Guy-Blaché drehte 1896 im Alter von 23 Jahren ihren ersten Film – rund 1000 weitere sollten folgen, die sie als Regisseurin, Autorin, Produzentin oder Cutterin realisierte. Doch obwohl Guy-Blaché als erfinderische Pionierin Wegweisendes für das Kino geleistet hat, ist ihr Name kaum bekannt. Die minutiös recherchierte Doku „Be natural“ ändert dies. Der faktenreiche, detailliert umgesetzte Film beleuchtet das Talent einer emanzipierten Frau, die stets im Schatten früher Filmemacher wie den Lumières-Brüdern oder Georges Méliès stand.

Website: www.filmperlen.com/filme/be-natural/

USA 2019
Regie: Pamela B. Green
Drehbuch: Pamela B. Green, Joan Simon
Darsteller: Alice Guy-Blaché, John Bailey, Geena Davis,
Julie Delpy, Ava Du Vernay, Patty Jenkins,
Länge: 103 Minuten
Kinostart: noch kein Termin
Verleih: Filmperlen

FILMKRITIK:

Sie gilt als wahre Filmpionierin und erste Regisseurin der Welt: Alice Guy-Blaché. Wie wenige andere trieb sie die Entwicklung des fiktionalen Spielfilms voran und etablierte sich im Laufe der Jahre auch in weiteren Bereichen sowie Sparten des Films. Ab 1897 leitete sie zudem das Filmproduktionsunternehmen Gaumont. Ihr letztes Werk drehte sie 1920, im Alter von 47 Jahren. Der Dokumentarfilm „Be natural“ lenkt das Interesse auf eine bedeutende Künstlerin, die von der Filmwissenschaft lange Zeit sträflich missachtet wurde.

Pamela B. Green, die hier ihr Filmdebüt vorlegt, arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Film-Marketing sowie als Produzentin von Titel-Sequenzen und visueller Effekte. Sie war unter anderem an Erfolgen wie „Operation: Kingdom“ oder „The Cabin in the woods“ beteiligt. Ihr Talent für gestalterische Elemente und kunstvolle Animationen ist etwas, das einem in „Be natural“ früh auffällt. Eine großartig animierte Reise führt den Zuschauer zurück zu den Anfängen des neuen Mediums ins Jahr 1895, nimmt ihn mit in die USA der 10er-Jahre (Hollywood entwickelte sich allmählich zur Welthauptstadt der Filmindustrie) und gelangt über Umwege schließlich wieder nach Europa.

Dorthin kehrte Guy-Blaché zu Beginn der 1920er-Jahre nach der Scheidung von ihrem Mann zurück. Nach zwei Misserfolgen hatte sie sich vom Film abgewandt. Bis zu ihrem Tod 1968 sollte sie weitestgehend mittellos leben – und nahezu völlig in Vergessenheit geraten. Wie unbekannt Guy-Blaché tatsächlich ist zeigt sich in einigen der Interviews, die Green mit erfolgreichen (männlichen wie weiblichen) Hollywood-Regisseuren führte. Darunter Catherine Hardwicke und Peter Farrelly. „Alice Guy-Blaché? Nein, nie von ihr gehört“, so lautet meist die Antwort.

Dass ist nicht zuletzt deshalb tragisch, da Guy-Blaché Film als Chance begriff, phantasievolle Geschichten zu erzählen. Sie erfand gewissermaßen den Erzählfilm. Eine spannende Einordnung genau zu diesem Aspekt liefert der versierte Filmhistoriker Anthony Slide. Vor Guy-Blaché gab es ausschließlich (Kurz-) Stummfilme, die die Realität abbildeten. Ereignisse wurden dokumentarisch „abgefilmt“. So zum Beispiel die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat oder die Fabriktore durchschreitende Arbeiter, die ihre Schicht beendet hatten (beides Werke der Brüder Lumière, aus denen Green Ausschnitte zeigt). Fraglos revolutionär, doch Guy-Blaché wollte mehr. Sie wollte die Zuschauer mit märchenhaften Stoffen und einer ausgeklügelten Dramaturgie fesseln.

Darüber hinaus legt „Be natural“ weitere Pionierleistungen der Porträtierten offen, darunter ihre Beiträge zur Weiterentwicklung und allgemeinen Akzeptanz vor allem auch technischer Stilmittel (Naheinstellungen, die Ton-Synchronisation). Detektivisch geht Green im weiteren Verlauf bei der Frage vor, wie es sein kann, dass heute fast niemand je von Guy-Blaché gehört hat. Als Kinobesucher ist man fortan ganz dicht bei Green: wenn sie alte Briefe durchforstet, angestaubte Fotoalben begutachtet, in Guy-Blachés Tage- und Adressbüchern nach Informationen sucht und Telefonate führt, etwa mit Archiv-Mitarbeitern. In diesen Momenten entwickelt sich „Be natural“ fast schon zu einem mitreißenden Thriller.

Letztlich kann man Greens aufwendig recherchierter Doku zu eines vorwerfen: die schiere Fülle an Informationen. Denn das detaillierte Hintergrundwissen, welches der Film rund um Guy-Blachés Leben und Wirken sowie das Thema „frühe Filmgeschichte“ vermittelt, droht einen gelegentlich zu erschlagen. Dieses erschöpfende Sperrfeuer an Fakten erfordert Durchhaltevermögen und Konzentration.

Björn Schneider