Beale Street

Zwei Jahre nach seinem überraschenden Oscar-Gewinner „Moonlight“ thematisiert Barry Jenkins in „Beale Street“ erneut die afro-amerikanische Gegenwart – auch wenn sein Film in den 70ern spielt. Basierend auf einem Roman von James Baldwin erzählt er von Liebe und Rassismus und vor allem der Ungerechtigkeit des amerikanischen Justizsystems.

Webseite: dcmworld.com

If Beale Street could talk
USA 2018
Regie: Barry Jenkins
Buch: Barry Jenkins, nach dem Roman von James Baldwin
Darsteller: Kiki Layne, Stephen James, Regina King, Colman Domingo, Brian Tyree Henry, Teyonah Parris, Michael Beach, Aunjanue Ellis
Länge: 119 Minuten
Verleih: DCM
Kinostart: 14. Februar 2019

FILMKRITIK:

Tish (Kiki Layne) und Alonzo (Stephan James) sind ein Traumpaar, jung, ein wenig naiv, voller Hoffnung und Liebe. Doch nun können sie sich nur noch durch eine Glasscheibe sehen, denn Alonzo sitzt im Gefängnis, angeklagt, eine Puerto-Ricanerin vergewaltigt zu haben. Niemand, der ihn kennt, glaubt an seine Schuld, zumal er am Abend der Tat mit Tish und seinem alten Kumpel Daniel (Brian Tyree Henry) zu Hause war.
 
Doch das Alibi seiner Freundin ist nichts wert und Daniel war gerade erst selbst im Gefängnis und kann vom weißen Staatsanwalt leicht unter Druck gesetzt werden. Zu allem Überfluss teilt Tish ihren Eltern Sharon (Regina King) und Joseph (Colman Domingo) auch noch mit, dass sie schwanger ist. Doch während ihre Eltern voller Vorfreude auf den Familienzuwachs sind, reagiert Alonzos Mutter weit weniger freundlich. Sie habe schon immer gewusst, dass Tish Alonzos Unglück ist.
 
1974 schrieb James Baldwin seinen Roman „If Beale Street could talk“, in dem er die fiktive Straße im New Yorker Stadtteil Harlem zum Symbol der afro-amerikanischen Geschichte und Gegenwart macht. Jeder Schwarze, so schreibt Baldwin, der in Amerika geboren wurde, kennt Beale Street, was bedeutet, dass jeder Schwarze Rassismus und Polizeiwillkür kennt, Vorurteile und die Versuche, in einem von weißen Institutionen geprägten Land zu leben. Auch Jenkins Film spielt zwar Anfang der 70er, aber er könnte auch heute spielen. Das sich an der Situation der schwarzen Bevölkerung Amerikas in fast einem halben Jahrhundert so wenig geändert hat, war auch das Thema von Raoul Pecks Essay-Film „I am not your Negro“, der ebenfalls auf einem Text von James Baldwin basierte und immer wieder Bezüge von der Geschichte in die Gegenwart zog.
 
Ähnlich geht auch Jenkins vor, der seinen Film zwar eindeutig in seiner Zeit verortet, in grellen Farben und Kostümen das Design der 70er evoziert, aber gleichzeitig einen bewusst zeitlosen Film inszeniert hat. Immer wieder blendet er schwarz-weiße Fotografien ein, die Polizeibarrikaden zeigen, Demonstrationen, Verhaftungen, dokumentarische Aufnahmen, die keiner Ära genau zuzuordnen sind und dadurch den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart schlagen.
 
Die massenhafte Inhaftierung von Schwarzen (aber auch von sozial schwachen Weißen), die sich keinen vernünftigen Anwalt leisten können, die dem System hilflos ausgeliefert sind, ist eines der größten sozialen Probleme Amerikas. Das vor allem auch außerhalb der Gefängnisse folgen hat: Kinder, die ohne Vater aufwachsen, Mütter, die mehrere meist schlecht bezahlte Jobs annehmen müssen, um ihre Kinder durchzubringen.
 
Eine Spirale der Not entsteht, die der nächsten Generation von Anfang an viele Chancen nimmt und kaum zu durchbrechen scheint. Doch so harsch und düster will Jenkins die Realität nicht zeigen, im Gegenteil. In satte Farben und weiches Licht taucht er seine Figuren, erzählt in lyrischen Rückblenden von der idealisierten Liebe zwischen Tish und Alonzo, einer Liebe, so scheint es, die alle Hindernisse überstehen wird. Man mag das als kitschiges Märchen betrachten, als Illusion, die die Realität von Gefängnis, Rassismus und alleinerziehenden Müttern ignoriert. Vielleicht ist es aber auch eine notwendige Illusion, mit der eine bessere Welt beschworen wird und der Ungerechtigkeit der Realität eine zumindest im Kino mögliche Alternative entgegengesetzt wird.
 
Michael Meyns