Becks letzter Sommer

Christian Ulmen überzeugt als frustrierter Musiklehrer, der am mangelnden Interesse seiner Schüler zu zerbrechen droht. Er hängt den Erinnerungen an die erfolgreiche Zeit als gefeierter Newcomer-Musiker hinterher. Alles ändert sich, als er in einem seiner Schüler ein hochbegabtes Talent entdeckt. "Becks letzter Sommer" ist in großen Teilen eine warmherzig-melancholische Tragikomödie.

Webseite: www.becksletztersommer.de

Deutschland 2015
Regie: Frieder Wittich
Drehbuch: Frieder Wittich
Darsteller: Christian Ulmen, Friederike Becht, Nahuel Pérez Biscayart, Eugene Boateng
Länge: 99 Minuten
Verleih: Wild Bunch Germany
Kinostart: 23. Juli 2015

FILMKRITIK:

Robert Beck (Christian Ulmen) war gefeierter Musiker einer aufstrebenden Newcomer-Punkband. Doch das ist lange her. Nun arbeitet er als Musiklehrer und versucht, gelangweilten Teenagern, Brahms und Mozart näher zu bringen. Eines Tages entdeckt er durch Zufall das musikalische Talent eines seiner Schüler, des Außenseiters Rauli Kantas (Nahuel Pérez Biscayart). Schon bald engagiert sich Robert als dessen Förderer, die Beiden verbringen viel Zeit beim gemeinsamen Musizieren. Robert träumt von einer erfolgreichen Karriere Raulis – mit ihm als Songwriter im Hintergrund. Die Pläne werden jedoch durch Roberts besten Freund Charlie (Eugene Boateng) – ein drogenabhängiger Ex-Philosophie-Student – durchkreuzt. Der braucht Roberts Hilfe bei einer dringenden privaten An-gelegenheit. Und so brechen die Zwei zusammen mit  Rauli zu einer Fahrt ins Ungewisse nach Istanbul auf.

Der Stuttgarter Regisseur Frieder Wittich legt mit "Becks letzter Sommer" seinen zweiten Langfilm vor, sein erster war die Studentenkomödie "13 Semester" von 2009. "Becks letzter Sommer" basiert auf dem gleichnamigen, 2008 veröffentlichten Debüt-Roman des Schriftstellers Benedict Wells. Wells' Roman wurde damals von Kritik und Publikum sehr gut aufgenommen, die Wochenzeitung "Die Zeit" schrieb seiner Zeit sogar vom "interessantesten Debüt des Jahres."

"Becks letzter Sommer" hat eine sehr starke, überzeugende erste Filmhälfte und leider eine etwas konfuse, schwächere Zweite, in der Regisseur Wittich zu viel auf einmal will. Die ersten knapp 50 Minuten stehen ganz im Zeichen von der Beziehung zwischen Robert und Rauli. Christian Ulmen brilliert in seiner ersten echten "ernsten" Rolle als demotivierter, frustrierter Lehrer, der seiner lange zurückliegenden Musikkarriere hinterher trauert. Gelangweilt sitzt er am Lehrerpult und droht am mangelnden Interesse seiner Schüler zu verzweifeln. Das ändert sich, als er das Musik-Talent des Klassen-Außenseiters Rauli entdeckt.

Ab diesem Zeitpunkt passiert etwas mit Robert: wenn er mit Rauli immer öfter nach der Schule probt, ihn seine Songs auf der E-Gitarre spielen lässt und sich bald auch erste Erfolge (ein ausverkauftes Konzert und ein möglicher Plattendeal) einstellen, dann blüht Roberts Leidenschaft für die Musik wieder auf und er fasst neue Lebensfreude. Das Verhältnis von Robert zu seinem Schützling ist dabei geprägt von großer Zuneigung, tiefem Vertrauen und natürlich der unstillbaren Leidenschaft für die Kraft der Musik. Eine echte Entdeckung ist dabei der 29-jährige argentinische Schauspieler Nahuel Pérez Biscayart als hochbegabtes Musik-Wunderkind Rauli. Seine Figur ist zerbrechlich, hochemotional und steckt doch so voller Kraft und Zuversicht, es mit der Musik am Ende doch noch weit zu bringen – vor allem deshalb, um die finanziellen Probleme der Familie zu lösen.

In dieser ersten Filmhälfte funktioniert "Becks letzter Sommer" als sanft-melancholische, höchst charmante Komödie mit leisem Humor bestens – trotz der ein oder anderen Unglaubwürdigkeit in Handlung und Storyverlauf: so erscheint es z.B. wenig glaubwürdig, dass ein Lehrer schon nach kurzer Zeit einen Schüler ständig privat zu sich nach Hause einlädt und seine beruflichen Pflichten vernachlässigt oder dass bereits eine einzige Demo-CD genügt, um die Plattenlabels (u.a. ein Major-Label wie Universal Music) sich um Rauli reißen zu lassen.

Das größte Problem des Films ist aber der Bruch, der ihn nach etwas mehr als der Hälfte der Laufzeit ereilt. Gemeinsam begeben sich Robert, Charlie und Rauli auf einen Trip durch Osteuropa bis nach Istanbul. Dann will "Becks letzter Sommer" nicht mehr länger nur zarte Komödie sondern auch Roadmovie und Selbstfindungs-Drama sein. Die Ereignisse überschlagen sich und die Handlung wird zunehmend konfuser, wenn Charlie von einem örtlichen Drogenhändler als Kurier eingespannt oder Robert gleich zu Beginn in eine tragisch endende Prügelei verwickelt wird. Auch vor Surrealem schreckt der Film nicht zurück, wenn Robert in einer Bar nicht nur auf eine längst verstorbenen Person sondern auch auf den verhassten Universal-Mitarbeiter trifft, mit dem er einst gemeinsam musizierte.

Björn Schneider