Bedingungslos

Genre-Filmer Ole Bornedal („Nachtwache“) präsentiert seine Variante eines Film noir. In der clever konstruierten Thriller-Groteske „Bedingungslos“ verstrickt sich der (Anti-)Held in einem gefährlichen Netz aus Lügen und falschen Identitäten. Obwohl nicht jeder Winkelzug des Drehbuchs immer glaubhaft erscheint, geht die Rechnung am Ende auf. In einem spannenden Finale zieht Bornedal schließlich alle Register seines Könnens. „Bedingungslos“ war der erfolgreichste Film des Jahres 2007 in Dänemark.

Webseite: www.mfa-film.de

OT: Kaerlighed pa film
Dänemark 2007
Regie & Drehbuch: Ole Bornedal
Darsteller: Anders W. Berthelsen, Rebecka Hemse, Nikolaj Lie Kaas, Dejan Cukic, Charlotte Fich
Laufzeit: 100 Minuten
Kinostart: 9.4.2009
Verleih: MFA

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es schüttet sprichwörtlich wie aus Eimern. Wir erblicken einen Mann, der nahezu regungslos auf dem nassen Asphalt liegt. Blut, vermutlich sein eigenes, bildet sich rings um ihn und vermischt sich allmählich mit dem Regen. Plötzlich eilt eine Frau herbei. Sie kann nicht glauben, was sie da sieht. Sie kniet über ihm, zieht an ihm, fleht ihn an. Dazu hören wir einen lakonischen Kommentar aus dem Off. Mit dieser filmreifen Pose eröffnet Dänemarks Thriller-Spezialist Ole Bornedal („Nachtwache“) seine verschachtelte Noir-Spielerei „Bedingungslos“, in der das Ende augenscheinlich am Anfang steht. Die Szene wirft intuitiv eine Vielzahl an Fragen auf. Wer war dieser Mann, der hier auf offener Straße verblutet? Wer hat ihm das angetan und – vor allem – aus welchem Grund?

 

Auf manche Antworten muss man nicht lange warten, auf andere dagegen schon. Bei dem zunächst namenlosen Opfer handelt es sich um Jonas (Anders W. Berthelsen), einem zweifachen Familienvater, der als Polizeifotograph sein Geld verdient. Der Zufall will es, dass Jonas in einen schweren Autounfall verwickelt wird, bei dem sich eine junge Frau (Rebecka Hemse) lebensbedrohliche Verletzungen zuzieht. Julia liegt im Koma, als Jonas sie das erste Mal im Krankenhaus besucht. Er fühlt sich mitschuldig an dem, was geschehen ist. Noch im Krankenhaus kommt es daraufhin zu einer folgenschweren Verwechslung. Julias Familie hält ihn für Sebastian, ihren Freund, den sie auf einer Asien-Reise kennen gelernt hat. Unfähig den Irrtum umgehend aufzuklären, nimmt Jonas nach und nach die Identität des ihm unbekannten Sebastian an.

„Eine schöne Frau mit einem Geheimnis…fängt nicht so jeder Film noir an?" wird Jonas von seinem Kumpel Frank (Dejan Cukic) einmal gefragt. Auch ohne eine solch selbstreflexive Geste ließe sich erahnen, dass die Geschichte schon bald nicht mehr der Logik einer Mainstream-tauglichen Liebes-Romanze folgen dürfte. Bornedal spielt vielmehr von Beginn an mit offenen Karten, in dem er „Bedingungslos“ erkennbar als Genrefilm positioniert, der für alle Beteiligten kein gutes Ende nehmen soll. Der Weg dorthin repräsentiert in diesem Zusammenhang das eigentliche Geheimnis und das für jeden Film noir so charakteristische Mysterium, welches sich Szene für Szene zu einem immer klareren Bild zusammenfügt. Als auch Jonas schließlich die Gefahr erkennt, ist es im Grunde schon zu spät.

Ungeachtet seiner visuell überzeugenden Aufbereitung – Bornedal vertraute einmal mehr seinem Stamm-Kameramann Dan Lautsen, der in wechselnden Aufnahmen die Tristesse eines Kopenhagener Neubaugebiets mit der Postkarten-Idylle Thailands kreuzte – leidet „Bedingungslos“  bisweilen unter der typischen Film noir-Krankheit. Nicht immer erscheint jede Reaktion der Figuren unmittelbar glaubhaft und nachvollziehbar. Warum Jonas, der uns zunächst als Familienmensch vorgestellt wird, Hals über Kopf seine Frau und die beiden Kinder verlässt, mag Bornedal nicht hinreichend zu beantworten. Sicherlich, Jonas ist gelangweilt von einem Leben im Wohlstands-Mittelmaß, und er empfindet mehr als nur Freundschaft für seine Femme fatale, allein das erscheint als Erklärung letztlich nicht tragfähig.

Zum Glück weiß Bornedal um diese und andere Stolpersteine. So reichert er seine zunehmend groteske Geschichte mit mehr als nur einer Prise schwarzen Humor an, der manche scheinbar ernst gemeinte Wendung wieder relativiert. Auch wenn das Augenzwinkern nicht zu übersehen ist, baut der Film im letzten Akt doch eine ungemein düstere Suspense auf. Die Leinwand färbt sich (blut-)rot, als Jonas schließlich mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen und Lügen konfrontiert wird. Bornedal holt in diesem Moment das gefräßige Krokodil auf die Bühne, das zuvor im Verborgenen auf seinen großen Auftritt lauerte.

Marcus Wessel

Jonas lebt mit seiner Frau Mette und zwei Kindern in Kopenhagen. Er hat einen sehr speziellen Beruf, er ist nämlich kriminaltechnischer Photograph. Meistens hat er also Leichen zu photographieren. Das Auto der Familie ist schrottreif. Und genau das beschwört den Abgrund herauf, in den in diesem Film alle gestürzt werden.

Der Wagen bleibt wieder einmal stehen, und dadurch wird ein fürchterlicher Unfall verursacht. Leidtragende ist die aus einer vermögenden dänischen Familie stammende Julia, soeben aus Kambodscha zurückgekehrt, wo sie mit Sebastian ein feuriges, aber auch gefährliches Liebesabenteuer durchlebte, weil beide sich „bis in den Tod“ verbinden wollten. Dass Sebastian ein Psychopath, ein Gewaltmensch und ein Diamantenschmuggler ist, konnte Julia nicht ahnen. 

Julia verliert durch den Unfall ihr Gedächtnis und 90 Prozent ihrer Sehkraft. Durch ein Missverständnis wird Jonas von Julias Familie, als er die Verletzte besuchen will, für Sebastian gehalten und händeringend gebeten, bei der Kranken zu bleiben, um die Gesundung zu fördern. Jonas kann nicht anders – und ist fortan Sebastian. Seine Ehe geht in die Brüche.

„Sebastian“ fängt an, Julia zu lieben. Sie verbringen in einem Haus am Meer eine schöne Zeit. Die allerdings dauert nicht lange. Denn der echte Sebastian, der zeitweise für tot gehalten worden war, kehrt zurück. Hat er mit dem geheimnisvollen Rollstuhlfahrer zu tun, der Julia vergewaltigte, als sie noch im Koma lag? Und was sind das für Geschäfte, die Sebastian mit asiatischen Kriminellen tätigte?

Jedenfalls steuert der Film jetzt auf den dramatischen Höhepunkt zu. Und der ist auch mit Mord und Totschlag verbunden.

Ein der Phantasie und Träumereien des Autors und Regisseurs Ole Bornedal entsprungener film noir, der irrational, exzessiv, am Verstand rüttelnd und kompliziert daherkommt, der aber auch spannend ist und menschliches Mitgefühl hervorruft. Inszeniert ist das mit Verve – und einer Portion Verrücktheit. Pures Kino halt. 

Anregend ist die Kameraarbeit, anregend auch das Spiel der Hauptdarsteller Anders W. Berthelsen (Jonas), Rebecka Hemse (Julia), Nikolaj Lie Kaas (Sebastian), Charlotte Fich (Mette) und Dejan Cukic (Jonas’ Freund Frank).

Thomas Engel