Being and Becoming

"enn Kinder sechs sind, werden sie eingeschult. Seit langem ist das die weitestgehend akzeptierte Norm der Gesellschaft – die in manchen westlichen Ländern jedoch hinterfragt wird. Was wäre, wenn man Kinder nicht zur Schule schickt, sondern sie in Freiheit, ohne Noten und mit großer Offenheit lernen lässt?, das fragt Clara Bellar in ihrer Dokumentation „Being and Becoming“ und findet nur euphorische Antworten.

Webseite: www.beingandbecoming.com

Frankreich 2014 – Dokumentation
Regie: Clara Bellar
Länge: 99 Minuten
Verleih: Pourquoi Pas
Kinostart: ab 20. November 2014
 

FILMKRITIK:

Als die französische Schauspielerin Clara Bellar ihr erstes Kind bekommen hatte, es langsam älter und die Wahl der Schule immer drängender wurde, begann sie sich die Frage zu stellen, was das Richtige für ihr Kind sei. Bislang pendelte die Familie zwischen Brasilien, Frankreich und den USA, wurde geprägt von vielfältigen kulturellen Einflüssen, Möglichkeiten und Inspirationen. All das hätte bald vorbei sein müssen, wenn Bellar für ihr Kind den in der Gegenwart normalen Weg gewählt hätte: Schule, weiterführende Schule, Universität. Gerade in Frankreich ist dieser Weg oft so rigide, hängt der spätere Berufserfolg so sehr von der Wahl des „richtigen“ Gymnasiums ab, das auf die „richtige“ Universität führt, dass der Eindruck eines fast schon im Kindergarten vorgezeichneten Lebensweges entsteht, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Außer man wählt die Methode, die Bellar in ihrer Dokumentation „Being and Becoming“ vorstellt, ein unverhohlenes Plädoyer für eine alternative Form des Lernens. Die Reise beginnt bei der Bestsellerautorin Naomi Aldort, die zahlreiche Bücher zu dem geschrieben hat, was vor allem auf Englisch viele Begriffe hat: Homeschooling, autonomous learning, informal learning oder unschooling. Gemein ist all diesen Begriffen der Grundgedanke, dass das Leben selbst der beste Lehrer ist, das Kinder nicht zum strikten Lernen nach Lehrplan angeleitet werden sollen, sondern das Lernen sollen, was sie interessiert. In dieser offenen Struktur werden die Kindern dann zwangsläufig auf das stoßen, was sie wirklich interessiert und am Ende zu einem glücklichen und erfüllten Leben führen.

Im Fall der beiden Kinder von Naomi Aldert trifft dies fraglos zu, sie sind erfolgreiche Musiker. Und auch die zahlreichen anderen Beispiele aus Amerika, Frankreich, England und Deutschland, die Bellar aneinanderreiht, sind eine Erfolgsgeschichte nach der Anderen. Und fraglos hat es auch etwas für sich, Kinder viel mehr Freiheiten zu lassen, als es das System von Schule, Klassen und Noten erlaubt. Doch den vielfältigen Fragen, die aus dieser anderen Art des Lernens erwachsen, weicht Bellar konsequent aus.

Als universell übertragbare Form des Lernens will Bellar dieses freie Lernen verstanden wissen, als Form, die überall einsetzbar ist, die von allen Menschen umgesetzt werden kann. Dass ihre Interviewpartner dabei keineswegs einen Abriss auch nur der westlichen Gesellschaft abgeben, sondern sich im Gegenteil aus einem winzigen, privilegierten Teil der Bevölkerung speisen, scheint ihr entgangen zu sein: Stets sind es gutbürgerliche Familien mit zwei Elternteilen, die, so weit man das erfährt, als Architekten, Autoren, Künstler oder Lehrer arbeiten und somit nicht zuletzt die finanziellen Möglichkeiten haben, ihren Kindern ein völlig freies, von Erfolgsdruck und Karrieredenken unabhängiges Leben zu bieten. Dass ist ohne Frage in den jeweiligen Einzelfällen erfreulich, aber ist es auch auf eine breitere Masse der Bevölkerung anzuwenden? Auf allein erziehende Väter oder Mütter? Auf Eltern, die Bürojobs haben oder in Fabriken arbeiten? Von Familien in weniger entwickelten Teilen der Welt ganz zu schweigen.

Es stimmt natürlich – wie Naomi Aldert anmerkt –, dass Schule für alle ein in der menschlichen Geschichte relativ neues Konzept ist. Ebenso richtig ist, dass Schule für manche Kinder zu restriktiv ist, zu viele Einschränkungen mit sich bringt. Andererseits hat die Schulpflicht dazu geführt, dass weite Teile der Bevölkerung in den Genuss von zumindest einigen Jahren Schulbildung gekommen sind, dass Lernen, Wissen und die Möglichkeit auf intellektuelle Stimulation nicht mehr eine elitäre Beschäftigung war. Ein Elitismus, der sich nun in neuer Form durch Clara Bellars Dokumentation zieht, die zwar spannende Einzelfälle zeigt, dabei das gesellschaftliche Ganze jedoch konsequent außer Acht lässt.
 
Michael Meyns