Berberian Sound Studio

Als „Giallo“ ist eine ganz eigene Unterform des Thrillers im Italien der 70er Jahre bekannt geworden. Nicht zuletzt die expressiven Tonspuren vieler dieser Filme sorgte für Gänsehaut – und genau darum geht es in Peter Stricklands „Berberian Sound Studio“, einer liebevollen, wenn auch etwas verkopften Hommage an ein ganz besonderes Genre.

Webseite: www.rapideyemovies.de

GB/Deutschland 2012
Regie, Buch: Peter Strickland
Darsteller: Toby Jones, Tonia Sotiropoulou, Cosimo Fusco, Suzy Kendall, Susanna Cappellaro
Länge: 92 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 13. Juni 2013

PRESSESTIMMEN:

"Ein liebevolles Kleinod für Genrenostalgiker."
CINEMA

FILMKRITIK:

Wie ein Fremdkörper wirkt der englische Toningenieur Gilderoy (Toby Jones) im Italien der 70er Jahre, wo er für den neuen Film des Star-Regisseurs Santini (Antonio Mancino) für eine nervenzerfetzende Tonspur sorgen soll. Doch zunächst hat er es mit dem umtriebigen Produzenten Francesco (Cosimo Fusco) zu tun, ein chauvinistischer Macho wie er im Buche steht. Gilderoy dagegen ist eine Figur, wie sie Hitchock hätte entwerfen können: Verklemmt, asexuell, von offensichtlichen Mutter-Problemen geplagt, mit der er in ständigem Briefkontakt steht. Die unheimliche Atmosphäre des Films überträgt sich schnell in das Tonstudio, in dem Gilderoy zunehmend Gespenster sieht.

Je weiter die Arbeit voranschreitet, je ausgefallener die Methoden sind, mit denen Gilderoy und seine Assistenten das Geräusch platzender Schädel, in Fleisch eindringender Messer und vor allem Schreie in allen Variationen auf hübsch altmodischen Tonbändern bannen, je mehr scheinen Film und Realität zu verschwimmen. Ist Gilderoy noch Mitarbeiter eines Films oder längst Hauptdarsteller eines Thrillers, in dem es sein Leben ist, das bedroht wird? Oder ist gar der ganze Film nur die bizarre Vision eines höchst verklemmten Mannes?

Mit seinem archaischen Rachedrama „Katalin Varga“ wurde Peter Strickland vor einigen Jahren bekannt. Sein zweiter Film „Berberian Sound Studio“ geht nun in eine völlig andere Richtung und hat mit seinem Debüt allein eine starke zentrale Darstellung gemein. Hier ist es Toby Jones, der den verklemmten Toningenieur, der zunehmend die Bodenhaftung verliert, mit großer Emphase spielt. Und das fast ohne Dialoge: Die Isolation Gilderoys wird zunehmend dadurch betont, dass die ihn umgebenden Italiener untereinander italienisch sprechen, was Gilderoy lange Zeit nicht versteht – bis er plötzlich selbst Italienisch spricht und der Film endgültig in surreale Ebenen abdriftet.

An vielfältige Vorbilder denkt man im Verlauf des Films, Hitchcock, Lynch kommen in den Sinn, auch die Genre-Variationen Brian de Palmas. Ein wenig zu sehr ist „Berberian Sound Studio“ dabei Hommage an Filme und Genres, die Strickland offensichtlich am Herzen liegen, etwas zu wenig Eigenes entsteht. Das Vergnügen, diesen oder jenen Giallo zu erkennen, hier eine Referenz an Meister des Genres wie Mario Bava, Aldo Lado oder den international wohl bekanntesten Vertreter Dario Argento zu erkennen, ist zwar amüsant, aber doch etwas eitel. Im Gegensatz zu dem ähnlich zwischen Hommage und Modernisierung angelegten „Amer“, der Anfang 2012 in den deutschen Kinos lief, gelingt es Peter Strickland nicht immer, über bloße Zitatenspielerei hinauszukommen.

Gerade was das Sounddesign angeht, beweist Strickland allerdings große Qualität. Ohne auch nur einen Ausschnitt aus dem Film im Film zu sehen, lassen sich allein durch Storyboard-Notizen und viele prägnante Geräusche die Handlung nachvollziehen. Dass mag zwar eine etwas kopflastige Hommage an eine ganz spezielle Phase der Filmgeschichte sein, für Freunde dieses Genres ist „Berberian Sound Studio“ ganz ohne Frage jedoch ein gefundenes Fressen.

Michael Meyns

Offenbar gab es im Italien der 70er Jahre eine Horrorfilmwelle, die „Giallo“-Welle“, und auf diese bezogen präsentiert sich dieser in jener Epoche spielende Film. Klassifizieren kann man ihn allerdings nicht.

Francesco ist der Produzent, Santini der Regisseur eines Films, in dem es um Horrorszenen mit Hexen, Morden und Trash geht – und in dem die Geräusche, Gesänge und Schreie eine besondere Rolle spielen. Denn bildlich vorgestellt wird der von Santini gedrehte Film so gut wie nicht, in erster Linie geben die Laute darüber Aufschluss.
Es war die nichtdigitale Zeit, die Geräusche und Sounds mussten auf traditionelle Art erzeugt werden, Messerstiche in einen Körper beispielsweise, indem man ein Messer in einen Krautkopf hieb, der dumpfe Krach, der entsteht, wenn ein menschlicher Körper zu Boden fällt, indem man Wassermelonen mit einem Hammer zerschlug („Ästhetik des Analogen“).

Santini und Francesco heuern für ihren Streifen „Il Vortice Equestre“ den englischen Tontechniker Gilderoy an, einen Meister seines Fachs, der beispielsweise mit einer Glühbirne das Geräusch einer Fliegenden Untertasse nachahmen kann (wenn man überhaupt wissen kann, wie sich ein solches Geräusch anhört).

Gilderoy ist ein beruflich perfekter aber stiller Mensch, ganz im Gegensatz zu dem, wie die italienischen Filmemacher miteinander und insbesondere mit den Frauen umgehen; viel anders als die Schreie im Film selbst ist das nicht. Eine der Frauen nimmt denn auch furchtbare Rache, indem sie das ganze bisher gestaltete Filmmaterial zerstört.
Dann kommt auch der Zeitpunkt, an dem der englische Tonmeister, nur durch die Briefe seiner Mutter getröstet, zum Gegenangriff übergeht.

Teils Horror-, teils Mystery-Film, teils eine Demonstration unterschiedlicher Charaktere, Temperamente (z. B. England und Italien) und menschlicher Verhaltensweisen, insbesondere Frauen gegenüber, teils ein Hinweis darauf, wie wichtig in einem Film Sound und Ton (Strickland: „und ihre Fähigkeit, den Zuschauer zu manipulieren, zu verblüffen und zu täuschen) sein können – auf jeden Fall etwas Spezielles.

Man mag sich mit dem Thema schwer tun, inszeniert ist es auf jeden Fall fabelhaft. Beim British Independent Film Award 2012 gab es denn auch die entsprechenden Preise, beispielsweise für Regie, Produktion und Tondesign.

Etwas Besonderes für Cineasten.

Thomas Engel