Bergfest

Mit einem bescheidenen Budget von 50.000 Euro und ohne Fördergelder und S enderbeteiligung hat Florian Eichinger mit vier Schauspielern auf einer Berghütte ein psychologisches Kammerspiel inszeniert. Auf Festivals kam sein Spielfilmdebüt und Drama um eine vorbelastete Vater-Sohn-Beziehung bislang gut an. Nun darf das reguläre Kinopublikum über die Hintergründe einer nicht immer ganz einfachen Familienaufstellung urteilen.

Webseite: www.bergfest-film.de

Deutschland 2008
Regie: Florian Eichinger
Darsteller: Anna Brüggemann, Peter Kurth, Martin Schleiß, Rosalie Thomass
89 Minuten
Verleih: Bergfilm
Kinostart: 8.7.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Das junge, frisch verlobte Paar Hannes (Martin Schleiß) und Ann (Anna Brüggemann) will ein Wochenende auf der winterlich verschneiten Berghütte in den oberbayrischen Alpen verbringen. An Zweisamkeit aber ist nicht zu denken. Hans-Gert (Peter Kurth), der Vater von Hannes, hatte wohl die gleiche Idee und hat die familieneigene Hütte zusammen mit seiner Freundin Lavinia (Rosalie Thomass) bereits vorgeheizt. Lust auf gemeinsame Tage auf engstem Raum mit dem Vater, zu dem er seit acht Jahren keinen Kontakt mehr hatte, hat Hannes aber nicht. Ann wiederum findet die Idee, auf diese Weise den künftigen Schwiegervater kennen zu lernen, ganz reizvoll. Sie hofft durch diese Konfrontation, neue Aufschlüsse über bereits vorhandene Beziehungsprobleme mit Hannes zu erhalten. Ein Aspekt, den auch die blutjunge Lavinia reizvoll findet.

Der Schauplatz Berghütte ist ein klug gewählter Ort, um eine Konfrontation der lange Jahre totgeschwiegenen, bzw. teils verdrängten, teils ignorierten Ereignisse zu erzwingen. Wie in einem Boxring müssen sich die Protagonisten ihren Dämonen und Ängsten stellen, verbal ausfechten, was ihre Seele belastet. Ein Ausweichen ist nicht möglich, selbst beim Spaziergang durch den knietiefen Schnee nicht. Ein Ansatz, den mit ähnlichem Schauplatz auch Stefan Krohmer und Autor Daniel Nocke („Dutschke“) im Jahr 2003 mit „Sie haben Knut“ verfolgten. Wurden darin jedoch auch politische Ansichten diskutiert, geht es hier ganz allein um eine private Auseinandersetzung. Die Reduktion auf vier Personen erlaubt es dabei, auf die einzelnen Figuren und ihre Probleme und Lebenslügen besonders dediziert eingehen zu können.

Es ist ein zunächst vorsichtiges Abtasten der sich fremden, bzw. entfremdeten Paare. Die Männer erweisen sich dabei als eher in sich gekehrt und zurückgezogen, dennoch aber auch emotionaler, die Frauen als offen und selbstbewusst. Entscheidend für die Entwicklung der immer wieder um Metaphern angereicherten Geschichte aber sind immer wieder auch die Zwischentöne, mit denen der Film die Trennlinie zwischen körperlicher und seelischer Gewalt – von Missbrauch in frühen Jahren ist die Rede, eine unverständliche Affäre zwischen Sohn und Vater-Freundin deutet sich an – aufzuweichen sucht. Wie beim mehrfach von Lavinia vorgeführten Kartentrick steigt man aber oft nicht sofort hinter die Gedanken der Protagonisten. Miträtseln ist also angesagt.

Das Spiel der Schauspieler ist wie zu erwarten intensiv, manchmal vielleicht eine Spur zu theatralisch oder wie im Fall von Martin Schleiß in manchen Szenen auch ungeschliffen (was aber umgekehrt auch wieder seinen Reiz ausmacht). Manchmal fühlt man sich an Dramen von Fassbinder erinnert, den der als erfolgloser Theaterregisseur tätige Vater für einen der „wichtigsten deutschen Nachkriegsdramatiker“ hält. Schade, dass häufig Nebengeräusche wie das Rascheln einer Zeitung oder das Plätschern beim Tellerspülen die oft spröden und genuschelten Dialoge nur schwer verstehbar machen (vielleicht lag das aber auch nur an der Tonmischung der Sichtungs-DVD).

Erfreulich immerhin ist, dass Eichinger – trotz des Vorbilds „Das Fest“ von Thomas Vinterberg im Hinterkopf – nicht auf ein in gegenseitiger (seelischer) Zerstörung endendes Finale aus ist. In gewisser Weise deutet er dies auch schon mit dem Titel „Bergfest“ an, der ja die Halbzeit eines langwierigen Projektes bzw. Prozesses bezeichnet. Insofern ist dem Film nach seiner bisher erfolgreichen Festivalpräsenz durchaus zu wünschen, dass ihm auch beim Weg durch die regulären Kinos entsprechendes Interesse entgegen gebracht wird.

Thomas Volkmann

Es ist Winter, der Stimmung des Films angemessen. Hannes und seine Verlobte Ann wollen ein paar Tage auf der Berghütte der Familie verbringen. Doch dort haben sich bereits, ohne dass dies vorher bekannt gewesen wäre, Hannes’ Vater Hans-Gert mit seiner jungen Freundin Lavinia einquartiert. Das Problem: Hannes und sein Vater haben sich seit acht Jahren nicht gesehen. Der „verlorene“ Sohn will Hans-Gert überhaupt nicht begegnen, denn er hat eine abgrundtiefe, fast gewalttätige Abneigung gegen ihn. Einst, als Hannes von seinem Stiefvater Rolf missbraucht wurde – wie wird nicht gesagt – und das Kind sich an den leiblichen Vater um Hilfe wandte, wurde es im Stich gelassen. Seither sind die Verletzung und die

Es ist Freitag. Bis Sonntag bleiben Ann und ihr Verlobter, obwohl der sofort wieder verschwinden wollte. Wird in dieser kurzen Zeit das Verhältnis zwischen Sohn und Vater sich ändern können?

Ann findet den „alten Sack“ sympathisch. Also wird ausgeharrt. Es wird gespielt, herumgealbert, gestritten, zynisch diskutiert, gemeinsam gegessen, miteinander geschlafen – Hannes in einer schwachen, mit Ann problematischen Stunde sogar mit Lavinia, was Hans-Gert mit ansehen muss -, über den Theaterberuf von Vater wie Sohn gefachsimpelt. Ein intensives Nachtgespräch zwischen Hans-Gert und Hannes bringt neben der verworrenen Situation eine Annäherung aber wohl keine wahre Lösung.

Ein Kammerspiel, ein Vater-Sohn-Beziehungsdrama, ein eher explosiver Berghüttenaufenthalt, ein psychologisch intendiertes und ausgeführtes Stück, mehr vom Dialog als vom Kinobild lebend, im wesentlichen von Peter Kurth (Hans-Gert), Anna Brüggemann (Ann), Rosalie Thomass (Lavinia) und Martin Schleiß (Hannes) flüssig gespielt. Aber will letzterer sich in künftigen Projekten verständlich machen, wird er viel deutlicher sprechen und artikulieren müssen.

Thomas Engel