Berlin Alexanderplatz

Nach dem Berlinale-Erfolg mit „In den Gängen“ und dem Kassen-Coup „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ folgt nun der nächste Streich des schwäbischen Arthaus-Produzenten Jochen Laube. Er traute Regisseur Burhan Qurbani, 39, zu, in seinem dritten Spielfilm den Jahrhundertroman von Alfred Döblin zu verfilmen. Der Sohn afghanischer Flüchtlinge verlegt den Klassiker in das Berlin von heute. Aus Franz Biberkopf wird Francis (Welket Bungué), ein Flüchtling aus Westafrika. Er möchte ein guter Mensch sein. Doch die Verhältnisse, die sind nicht so. An seiner Seite Escort-Girl Mieze (Jella Haase), das Sinnbild aufrichtiger Liebe. Sowie als fieser Verführer der mephistophelische Freund Reinhold (teuflisch gut: Albrecht Schuch). Stolze drei Stunden dauert das wuchtige Lehrstück über das Fressen und die Moral. Eine rigorose Zumutung – die sich freilich in jeder Minute lohnt. Deutsches Kino in Bestform! Den Goldenen „Bär-lin Alexanderplatz“ gab es zwar nicht. Aber nach der Berlinale ist vor dem Deutschen Filmpreis.

Webseite: www.berlinalexanderplatz-derfilm.de

D 2020
Regie: Burhan Qurbani
Darsteller: Welket Bungué, Jella Haase, Albrecht Schuch, Joachim Król, Annabelle Mandeng, Nils Verkooijen
Filmlänge: 183 Minuten
Verleih: Entertainment One Germany GmbH
Vertrieb: Paramount
Kinostart neu: 16. Juli 2020

FILMKRITIK:

Nach „Fack Ju Göhte“ heißt es für Jella Haase nun ‚Love you Döblin’. Ihre „Chantal, heul leise!“-Zeiten sind vorbei. Nun gibt die Haase, nicht minder leinwandpräsent, die hübsche Hure Mieze. Das selbstbewusste Escort-Girl verliebt sich heftig in den attraktiven Flüchtling Francis (Welket Bungué). Die pure Romantik jedoch wird von der Realität alsbald reichlich ramponiert. Reinhold (Albrecht Schuch), der vermeintliche Freund des Helden, entpuppt sich als höchst raffinierter Verführer. Der Mephisto verspricht seinem arglosen Opfer das schnelle Geld mit Drogenhandel. Zunächst vergeblich, schließlich gelobte Francis nach seiner dramatischen Flucht aus Afrika, fortan ein guter Mensch zu sein. Er schuftet lieber als illegaler Arbeiter auf einer Baustelle. Seine spontane Hilfe bei einem Arbeitsunfall bezahlt er prompt mit der Entlassung. Solidarität der Kollegen? Fehlanzeige! Dann halt doch ins Dealer-Milieu im Drogenpark. Der Einbruch im Juwelier-Geschäft lässt nicht lange auf sich warten. Ganoven-Ehre zählt nur wenig. Reinhold wirft Frances skrupellos über Bord, mit dramatischen Folgen. Sein Körper erleidet massiven Schaden, das Seelenheil steht auf dem Spiel.

Mit dem Gangster-König Pums (Joachim Król in gewohnter Lässigkeit) findet Frances einen fast väterlichen Freund. Reinhold macht gute Miene zum bösen Spiel, doch längst plant er teuflische Rache am Rivalen. Mit List und Tücke torpediert der Intrigant gleichfalls die Lovestory zwischen dem ahnungslosen Helden und seiner Mieze. Als Erzählerin aus dem Off lässt diese das Publikum mit Döblins Worten immer wieder wissen, dass ein Happy End in diesem Drama wohl wenig wahrscheinlich ist.
Mit visuellem Einfallsreichtum und großer Stilsicherheit präsentiert sich Regisseur Burhan Qurbani bei seinem erst dritten Spielfilm. Hyper-Realismus und poetische Momente wechseln sich gekonnt ab. Beim nächtlichen Raubzug tragen die Täter Masken in leuchtenden Neon-Farben. Mit Drohnen wird die Razzia in der Hasenheide aus der Vogelperspektive inszeniert. Derweil die Baustelle im Untergrund wie ein Moloch aus „Metropolis“ erscheint. Ergänzt werden die exquisiten Bilder durch einen exzellenten Soundtrack, wie man ihn im deutschen Film selten hört.

Welket Bungué, in seiner portugiesischen Heimat in über 40 Filmen aufgetreten, präsentiert sich bei seinem deutschen Debüt mit grandioser Leinwandpräsenz und überzeugender Sensibilität. Als teuflischer Gegenspieler Reinhold gibt Albrecht Schuch dem Affen gehörig Zucker. Mit stets gebückter Haltung, seltsam toupierter Frisur sowie dünner Fistelstimme porträtiert er den perfekten Psychopathen, der es mit jedem Bond-Bösewicht aufnimmt.

Bei aller Kino-Wucht bleibt Platz für hübsche Anspielungen. „Neue Welt“ etwa nennt sich die schummrige Bar. „Hipster zahlen das Doppelte“ heißt die Anweisung im Drogen-Park. Und im deutschen Pass bekommt Francis den Nachnamen Cabeza de castor – das portugiesischen Wort für Biberkopf. Last not least lautet die Telefonnummer von Reinhold 0177 10081878 – das entspricht dem Geburtsdatum von Alfred Döblin!

Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit bei „Wir sind jung. Wir sind stark“ vor sechs Jahren, erweist sich Regisseur Burhan Qurbani und Produzent Jochen Laube mit dieser rigorosen Klassiker-Verfilmung als dynamischstes Duo des deutschen Kinos.

Dieter Oßwald