Berlin Bouncer

Das Berliner Nachtleben ist legendär, ebenso die Türsteher, die entscheiden wer mitfeiern darf und wer nicht. Bouncer heißt dieser oft ambivalent betrachtete Job auf Englisch und drei dieser Spezies porträtiert David Dietl in seiner Dokumentation „Berlin Bouncer“, die allerdings weniger vom Job der Türsteher erzählt, als von einem langsam vergehenden Berliner Lebensgefühl.

Webseite: berlinbouncer.de

Dokumentation
Deutschland 2019
Regie & Buch: David Dietl
Länge: 87 Minuten
Verleih: farbfilm Verleih
Kinostart: 11. April 2019

FILMKRITIK:

Ihre Position verleiht ihnen ungeahnte Macht, sie entscheiden, ob ein Abend schon an der Tür endet oder ob man reinkommt und sich ungeahnte Möglichkeiten eröffnen. Als härteste Tür der Stadt, ach was: Der Republik, gilt der Einlass am legendären Techno-Club Berghain, an der schon immer der inzwischen ebenso legendäre Sven Marquardt herrscht. Mit seinen markanten Gesichtstattoos und den unzähligen Piercings ist der aus Ost-Berlin stammende Marquardt nicht zu übersehen und inzwischen auch durch seine eigentliche Berufung, die Photographie, bekannt.
 
Aus dem westdeutschen Hanau stammt Frank Künster, der kurz vor der Wende ins damalige Westberlin kam, eigentlich Betriebswirtschaft studieren wollte, dann aber in den Berliner Nächten verschwand und immer noch nicht wirklich aufgetaucht ist. Inzwischen eine dicke Wampe vor sich herschiebend, begann Künster in sich in der 90er Jahre-Szene herumzutreiben: Er trinkt nicht und so schied der Job hinter der Bar aus, auch von Musik versteht er nach eigener Aussage wenig, also blieb nur der Job als Türsteher. Bei Clubs wie dem Cookies oder Delicious Doughnuts stand er an der Tür, allesamt längst verschwundene Orte, ebenso wie das King Size, eine winzige Schachtel an der Friedrichstraße, die während der Dreharbeiten zu diesem Film die Türen endgültig schloss. „Raus mit euch, ihr nutzloses Gesindel!“ erschallte es zu später bzw. früher Stunde ein letztes Mal, Künsters liebevoller aber resoluter Rauswerfsatz.
 
Dritter im Bunde ist Smiley Baldwin, der von den amerikanischen Virgin Islands stammt, Mitte der 80er als Militärpolizist bei der in Berlin stationierten US-Armee arbeitete und nach dem Mauerfall nach neuen Aufgaben suchte. Vielleicht war er für den Türsteher-Beruf prädestiniert, in jedem Fall gründete er bald eine Sicherheitsfirma, die auch heute noch an vielen Orten des Berliner Nachtlebens zu finden sind.
 
Eine Nabelschau ist David Dietls Dokumentation – die in der Perspektive Deutsches Kino der diesjährigen Berlinale ihre Premiere feierte – nicht geworden. Aus dem Nähkästchen erzählen die drei unterschiedlichen Charaktere kaum etwas, weder von Stars noch von Skandalen ist die Rede, auch die Klischees und Vorurteile, die über Türsteher verbreitet werden, werden weder bestätigt noch widerrufen.
 
Weniger um den Beruf an sich geht es, als um das alltägliche Leben dieser drei wohl nicht wirklich exemplarischen Türsteher. Nicht nur Marquardt betätigt sich künstlerisch, auch Künster fotografiert, spielt in Filmen mit, hat nach der Schließung des King Size ein Buch mit Texten über die Bar herausgegeben. Ihn begleitet Dietl in seine Heimat nach Hanau, Baldwin bei einem Besuch auf den Virgin Islands, Marquardt bei Reisen in Rostock oder Turin, doch der eigentliche Schauplatz ist Berlin.
 
Viel Melancholie und Nostalgie ist im Spiel, wenn Künster und Baldwin die Orte längst geschlossener Bars und Clubs besuchen, an deren Stelle nun die Gentrifizierung ihre Spuren hinterlassen hat. Verwaschene Videoaufnahmen aus den 90er Jahren ergänzen dieses Bild und evozieren eine vergangene Epoche, von der nicht mehr viel übriggeblieben ist. Zu den Überlebenden zählen die drei Türsteher, die in „Berlin Bouncer“ so sehr im Mittelpunkt stehen, wie sie es beruflich nie sollten, aber unweigerlich taten.
 
Michael Meyns