Berlin Falling

Erschreckend real: „Berlin Falling“ handelt von einem traumatisierten Ex-Soldaten, der mitten in die Anschlagspläne eines Terroristen gerät. Das Ziel des Attentäters: der Berliner Hauptbahnhof. Regie-Debütant und Hauptdarsteller Ken Duken legt seinen Film als Mischung aus Roadmovie und Thriller an. Die immer wieder kammerspielartige, fesselnde erste Hälfte ist das Prunkstück des Films, der von zwei mitreißend agierenden Darstellern getragen wird. Sie gleichen die stellenweise wenig plausiblen Handlungsverläufe und Wendungen wieder aus.

Webseite: www.berlinfalling.de

Deutschland 2016
Regie: Ken Duken
Darsteller: Ken Duken, Tom Wlaschiha, Marisa Leonie Bach, Kida Ramadan, Amelie Plaas-Link
Länge: 91 Minuten
Verleih: NFP
Kinostart: 13. Juli 2017

FILMKRITIK:

Vor einiger Zeit war Frank (Ken Duken) als Elitesoldat in Afghanistan. Die dort erlebten Schrecken des Krieges haben aus ihm einen traumatisierten Trinker gemacht. Hoffnung gibt ihm die Aussicht, seine kleine Tochter bald wieder zu sehen. Diese lebt bei seiner Ex-Frau Claudia (Marisa Leonie Bach). Am Berliner Hauptbahnhof wollen sie sich treffen. Also macht sich Frank auf zu einer längeren Autofahrt, denn er selbst wohnt in einer Kleinstadt in Brandenburg. An einer Tankstelle wird er von Andreas (Tom Wlaschiha) angesprochen, der eine Mitfahrgelegenheit nach Berlin sucht. Frank erklärt sich bereit, den Mann mitzunehmen, ohne zu ahnen, dass er einem gefährlichen Terroristen Zutritt zu seinem Auto verschafft. Denn: der Taliban-Sympathisant plant einen Anschlag in Berlin, bei dem Frank eine wichtige Rolle spielen soll. Die Bombe dafür befindet sich in Andreas‘ Rucksack.

Der Plot weckt traurige Erinnerungen an den fatalen Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz im Dezember des vergangenen Jahres. Die Ähnlichkeiten waren von Regisseur und Hauptdarsteller Ken Duken aber keinesfalls beabsichtigt: das Drehbuch entstand Jahre vor dem Attentat und die Dreharbeiten begannen bereits Ende 2015. „Berlin Falling“ ist das Langfilm-Debüt von Schauspieler Ken Duken („Nachtschicht“, „Tatort“), der zuvor bereits einige Musikvideos und Kurzfilme inszenierte. Im wahren Leben sind Duken und seine Ex-Frau im Film, Marisa Leonie Bach, seit dem Jahr 2000 verheiratet.

Schon in dem Augenblick, in dem Andreas Frank anspricht und nach einer Mitfahrgelegenheit fragt, merkt man dem ehemaligen Soldaten an, dass er nicht wirklich Lust auf einen Mitfahrer hat. Nur widerwillig und nachdem er erklärte, im Auto laut Musik zu hören und nicht viel reden zu wollen, darf der – zunächst – sympathische Andreas dann aber doch einsteigen. In der folgenden Dreiviertelstunde, entspinnt sich in Franks Auto ein fiebriges, pulsierendes Thriller-Drama auf engstem Raum. Eine Art Kammerspiel auf vier Rädern, bei dem man nie sicher sein kann, was als nächstes passiert. In dieser ersten Hälfte ist „Berlin Falling“ mit Abstand am stärksten, auch deshalb, da es sich bei den Kontrahenten um zwei höchst impulsive, temperamentvolle Charaktere handelt, die jederzeit zu Explodieren drohen.

Ken Duken und Tom Wlaschiha („Games of Thrones“) verkörpern ihre Figuren authentisch und intensiv. Da spielt es auch keine Rolle, dass man wenig bis nichts über die Hintergründe von Andreas erfährt, der später noch die Notwendigkeit des Heiligen Krieges proklamiert. Ihre Beziehung zueinander ist geprägt von einer gehörigen Schlagkraft, und das im wahrsten Wortsinne. Denn nicht nur einmal kommt es zwischen dem psychisch labilen Ex-Soldat und dem Terrorist zu ziemlich blutigen, körperbetonten Schlägereien. Die Kamera fängt diese Auseinandersetzungen unmittelbar und auf dringliche Art und Weise ein. Vor allem das erste „Handgemenge“ im Auto ist von derartiger Wucht und Intensität, dass man die Schläge auch als Zuschauer fast am eigenen Leib spüren kann.

All diese positiven Aspekte können aber nicht über ein paar Unglaubwürdigkeiten im Handlungsverlauf sowie einige wenig plausible, unmotivierte Entscheidungen der Figuren hinwegtäuschen. Schwer nachvollziehbar ist z.B., dass Frank sich erst kurz vor Schluss seinem Widersacher widersetzt und zuvor alles mitmacht, was dieser von ihm verlangt – bis hin zur Ermordung von Polizisten. Natürlich ist das Druckmittel, das Andreas einsetzt, ein Gewaltiges. Dennoch ist die Frage, ob man sich so einfach seinem Schicksal fügt und einen verblendeten Terroristen kreuz und quer durch Berlin fährt.

Das radikale, überraschende Ende, zeugt aber wiederum von viel Mut und Konsequenz. Franks Vorgehen am Schluss liegt sicher auch in seiner Unfähigkeit begründet, nach den schrecklichen Kriegserlebnissen noch ein normales Leben zu führen.

Björn Schneider