Berlin Rebel High School

Die selbstverwaltete „Schule für Erwachsenenbildung“ (SFE) in Berlin-Kreuzberg ermöglicht jungen Menschen auf dem zweiten Bildungsweg die Prüfungsvorbereitung auf den mittleren Schulabschluss und das Abitur. Alexander Kleider, selbst Absolvent der SFE, porträtiert den Schulalltag in seinem Dokumentarfilm „Berlin Rebel High School“, wobei neben unbeschwerten Momenten auch Knatsch nicht ausbleibt. Die Diskussion um eine Reform des Bildungssektors regt die herkömmlich gefilmte Doku mit vielen inhaltlichen Anknüpfungspunkten an – und gefällt mit den grundsympathischen Protagonisten. Die Wiesbadener Filmbewertungsstelle verlieh dafür das Prädikat „Besonders Wertvoll“, zudem erhielt der Film 2017 eine Nominierung beim Deutschen Filmpreis.

Webseite: www.berlin-rebel-high-school.de

Deutschland 2016
Regie & Drehbuch: Alexander Kleider
Mitwirkende: Hanil Altunergil, Alex Bäke, Lena Christof, Florian Geissler, Mimy Girnstein, Marvin Metag, Klaus Trappmann, Beate Ulreich
Laufzeit: 91 Min.
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 11. Mai 2017

Pressestimmen:

"Null Bock auf stures Büffeln – Alexander Kleider feiert in seiner Feelgood-Doku „Berlin Rebel High School“ die freie Schule für Erwachsenenbildung in Kreuzberg.“
Der Tagesspiegel Berlin

FILMKRITIK:

Alexander ist Anfang zwanzig und hat schon mehr als zehn Schulen besucht, überall gab es Ärger, denn mit Autoritäten kommt er nicht klar. Lena schmiss die Schule für eine Flucht aus ihrem einengenden Heimatdorf, und Hanil aus Aachen war zu faul und bekifft, um das Abi zu schaffen. Die drei Teenager und ihre Mitschüler wollen die Hochschulreife nun nachholen und besuchen die Kreuzberger „Schule für Erwachsenenbildung“, wo engagierte Lehrer sie auf die Prüfungen vorbereiten.
 
Das Besondere an der 1973 gegründeten SFE ist die Selbstverwaltung: 142 Euro Schulgeld pro Schuljahr sichern der Bildungsanstalt finanzielle Unabhängigkeit. Die Angestellten von der Bürokraft bis zum Lehrer erhalten einen Bruttostundenlohn von 12,50 Euro, die Schüler dürfen auf den Vereinsversammlungen mitbestimmen. Noten gibt es in dem anti-autoritären Bildungsverein nicht, auch keinen Direktor, dafür Feedbackrunden und einen persönlichen Kontakt zum Lehrpersonal. Die Prüfungsvorbereitung findet zwischen Graffitis und dem Hund der Klassenkameradin statt.
 
Ob die Schüler ihre zweite Chance nutzen, liegt in ihrer eigenen Verantwortung. Nicht alle können ohne äußeren Druck bei der Sache bleiben. Eine Lehrerin betont, die SFE sei kein Paradies für Hänger, doch die anfängliche Euphorie bröckelt so stetig ab wie der Putz an den Wänden des Gebäudes, das Hanil als „heruntergekommen“ bezeichnet. Manche Schüler fassen Vertrauen zu den Lehrern, finden im Klassenverbund ein soziales Netz und verfolgen ihr Ziel konsequent, andere bleiben der Schule immer öfter fern. Bald kommt es zu einer Motivationskrise: Nur eine Handvoll Leute nimmt an der Klassenkonferenz teil, gerade im Sommer bricht sich Faulheit Bahn, und am anderen Ende der Fahnenstange Unmut über die allgemeine Trägheit.
 
Es ist ein zentrales Thema des Films, wie unterschiedlich die Jugendlichen mit dem fehlenden Druck umgehen, inwieweit sie die nötige Reife mitbringen. Die Struktur folgt den Phasen, die eine Lehrerin als typisch beschreibt: Auf die anfängliche Begeisterung folgt erst schleichende Ernüchterung, dann (zumindest bei den meisten) die produktive Panik vor der Prüfung. Gerade im letzten Kapitel merkt man, wie sehr einem die Protagonisten ans Herz gewachsen sind.
 
Von der Machart her fällt Alexander Kleiders Doku konventionell aus. Die Schüler und Lehrer kommen in klassischen Interviewsituationen zu Wort, Kurzausflüge in die Heimatstädte spüren der Vergangenheit der Schüler nach, und Kamerafahrten über die Dächer Berlins schaffen hergebrachte Szenenübergänge. Am besten trifft noch der verspielte Soundtrack aus elektronischer Popmusik den rebellischen Geist der SFE, deren basisdemokratischer Ansatz auf jeden Fall bedenkenswert ist.
 
Christian Horn