Beuys

Andres Veiel („Black Box BRD“) legt mit “Beuys” die erste Kino-Dokumentation über den großen Aktionskünstler und Kunsttheoretiker Joseph Beuys vor. Der Sichtungsaufwand für den Film war enorm, insgesamt dauerte die Arbeit an dem vielschichtigen, kunstvoll montierten Werk drei Jahre. Es hat sich gelohnt: „Beuys“ ist eine gehaltvolle, handwerklich herausragend umgesetzte und immer wieder auch unterhaltsame Annäherung an den Jahrhundertkünstler. Veiel beleuchtet Beuys facettenreich und mit Hilfe einer Fülle an spannenden Archivaufnahmen und raren Bildern, viele davon bisher unveröffentlicht.

Webseite: www.beuys-der-film.de

Deutschland 2017
Regie & Drehbuch: Andres Veiel
Darsteller: Joseph Beuys, Caroline Tisdall, Rhea Thönges-Stringaris, Johannes Stüttgen, Klaus Staeck
Länge: 107 Minuten
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 18. Mai 2017

FILMKRITIK:

Er gilt einer der größten Künstler und Kunsttheoretiker des 20. Jahrhunderts, der zeitweise sogar größer als Andy Wahrhol war und mit seinen spektakulären Aktionen für Aufsehen sorgte: Joseph Beuys. Gerade durch jene Aktionskunst ging Beuys, der auch Mitglied der Grünen war, in die Geschichte ein. So brachte z.B. in einem Raum fünf Kilo Butter an und nannte sein Werk später „Fettecke“, er pflanzte in Kassel tausende Eichen und erklärte in den 60er-Jahren einem toten Hasen die Bedeutung einiger Bilder – während sein Gesicht mit Blattgold und Honig übersät war. Geprägt wurde der in Krefeld geborene Künstler auch von seinen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg. Als Bordfunker wurde er 1944 über der Krim abgeschossen. Regisseur Andres Veiel lässt in seiner Doku vor allem Beuys selber zu Wort kommen – anhand unzähliger Ton- und Bilddokumente.

„Beuys“ ist die erste Kino-Doku über den großen Künstler, der einst auch als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrte. Andres Veiel sichtete für den Film 400 Stunden Archivmaterial, über 20.000 Fotos und  knapp 300 Stunden Tondokumente. Drei Jahre dauerten die Arbeiten an dem Film, in deren Verlauf der Filmemacher 60 Zeitzeugen interviewte: ehemalige Weggefährten, Freunde, Künstlerkollegen und Studenten von Beuys. Bekannt wurde Veiel durch seine Polit-Doku „Black Box BRD“ (2001). Bis heute zählt „Black Box BRD“ zu jenen Kino-Dokumentationen, die am häufigsten im TV ausgestrahlt wurden.

 „Beuys“ ist ein beachtlicher, vielschichtiger Film, der sich ebenso deutlich wie auch positiv von anderen Künstler-Porträts und Dokumentarfilmen abhebt. Das liegt zum einen an der kunstvollen visuellen Gestaltung und der ganz außergewöhnlichen Montage der unzähligen Einzelszenen, Interview-Schnipsel und Ton-Dokumente. So sind z.B. immer wieder dutzende Kontaktabzüge zu sehen, die Veiel aus dem jeweiligen Bewegtbild-Archivmaterial erstellte. Beuys erscheint in der Folge in Form von kleinen Bildern, unzählige Male auf der Leinwand. Ab und an erfolgt dann der Zoom in eines dieser Einzelbilder und schließlich setzt die entsprechende Filmszene ein bzw. wird in Gang gesetzt.

Vergleichbar mit dem letztjährigen Film über den exzentrischen Musiker Frank Zappa, „Eat that question“, lässt Veiel auch in „Beuys“ in erster Linie den Künstler selbst zu Wort kommen. Und für sich selbst sprechen. Durch die im Film gezeigten Interviewpassagen mit Beuys, die ihn u.a. im Streitgespräch mit Politikern oder bei Diskussionen am Rande seiner teils heftig umstrittenen Aktionen zeigen, wird nicht zuletzt eines deutlich: Beuys war ein Visionär, um Jahrzehnte seiner Zeit voraus. Und: er, der Filzhut tragende Vordenker und Erneuerer des Kunstbegriffs, war vor allem auch ein politischer Mensch.

Denn der Künstler äußerte schon in den 60er- und 70er-Jahren, wie schädlich der Kapitalismus und auf Gewinn zielende Unternehmen für eine demokratischen Gesellschaft seien. Außerdem war er der Ansicht, dass jeder Mensch durch kreatives Handeln zum Wohle der Gesellschaft beitragen könne. Interessant sind auch die Interviews mit den Weggefährten und Künstlerkollegen. Diese setzt Veiel aber mit Bedacht und an sinnvoll platzierten Stellen ein. Obwohl er mit 60 Personen sprach, die Beuys allesamt kannten, finden sich nur wenige, aber dafür ausgewählte Äußerungen im Film wieder.

Spannend ist dabei auch, wie die Befragten die unmittelbare (visuelle) Wirkung von Beuys auf sein Umfeld, beschreiben. Er sei ein Mann gewesen, dessen Gesicht man nicht vergisst. So sagt es ein früherer Kollege. „Ein leicht deformiertes Gesicht, aufgrund der Kriegsverletzungen.“ Aber auch eines mit viel Ausstrahlung und Charisma. Und: gerade die menschliche Wärme, die Beuys überdeutlich ausstrahlte, bleibe ihm im Gedächtnis. Ebenso wie die unzähligen Kunstwerke und öffentlichkeitswirksamen Aktionen, von denen die wichtigsten im Film gezeigt werden.

Björn Schneider