Beyto

Schweizer Coming-out-Drama um einen jungen Türken, der sich in seinen Schwimmtrainer verliebt. Das sieht seine konservative Familie ganz und gar nicht gern. Kaum erwischen geschwätzige Tanten den Titelhelden beim Zürich Pride, folgt beim Heimaturlaub die arrangierte Zwangsehe mit einer Cousine. Gekonnt erzählt, mit glaubwürdigen Figuren sowie überzeugenden Schauspielern – ein Glanzlicht beim diesjährigen Zürich Film Festival.

Webseite: https://salzgeber.de

Schweiz 2020
Regie: Gitta Gsell
Darsteller: Burak Ates, Dimitri Stapfer, Beren Tuna, Serkan Tastemur, Zeki Bulgurcu
Filmlänge: 98 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: Frühjahr 2021

FILMKRITIK:

„Bist du schwul oder was? – „Ja! Hast du Angst vor einer Schwuchtel?“ so klingen die Dialoge zwischen dem jungen Türken Beyto (Burak Ates) und seinem Schwimmtrainer Mike (Dimitri Stapfer). Nach anfänglichen Hürden sind die schwer verliebten Jungs ein Paar. Nur die konservativen Eltern von Beyto dürfen von der sexuellen Orientierung ihres Sohnes nichts wissen. Solche familiäre Ablehnung hat Mike längst hinter sich gelassen. „Weißt du warum ich schwul bin? Weil es schön ist!“ macht er seinem neuen Lover mit lächelnder Lässigkeit Mut. Kaum werden die beiden Turteltauben von Beytos geschwätzigen Tanten auf dem Zürich Pride gesichtet und sofort verpetzt, nimmt das Drama seinen Lauf. Ein Heimaturlaub wird eingefädelt, dort folgt die Zwangshochzeit mit einer Cousine. „Es zählt die Familie, nicht die Liebe“, erzählt die Mutter. Der überrumpelt Sohn fügt sich widerwillig in sein Schicksal. Nach der Rückkehr in die Schweiz werden die Liebeskarten freilich neu gemischt. Happy End der etwas anderen Art voraus!

Für den gelernten Produktionsmechaniker Burak Ates, 1994 in Solothurn geboren, war die Hauptrolle eine ganz neue Erfahrung, stand er doch zum ersten Mal vor der Kamera. Für Regisseurin Gitta Gsell geriet der Laie zum Glücksfall. „Wir suchten nach einem jungen Mann, der in der Schweiz aufgewachsen ist, aber auch die türkische Kultur verinnerlicht hat und somit den Konflikt nachvollziehen kann“, erzählt sie. Und berichtet über etliche Absagen bei der Suche nach dem passenden Kandidaten: „Viele, die wir gecastet haben, lehnten ab, als sie erfuhren, dass ein schwuler junger Mann verkörpert werden soll. Das taten sie nicht, weil sie selber ein Problem mit Homosexualität gehabt hätten, sondern weil sie sich vor der Reaktion ihrer Eltern oder anderen Familienmitgliedern fürchteten.“ Solche Ängste plagten Ates nicht. Seinen Job als Produktionsmechaniker hat er mittlerweile aufgegeben und studiert Schauspiel in Zurich. Der leinwandpräsente Auftritt als verzweifelter Liebhaber in dieser Roman-Verfilmung von „Der Hochzeitsflug“ von Yusuf Yesilöz dürfte allemal eine exzellente Visitenkarten abgeben. Die Balance zwischen Coolness und Verletzlichkeit gelingt dem Newcomer mit großer Lässigkeit.

Die erfahrene, mehrfach preisgekrönte Filmemacherin Gitta Gsell ließ beim Dreh in der Türkei die Offiziellen und Statisten lieber im Unklaren über den wahren Inhalt ihres Dramas. Ganz so weit her ist es mit der Liberalität dann doch nicht. Aber auch die dritte Generation von Migranten hat es in der Schweiz nicht einfach, nach eigenen Vorstellungen zu leben. Ein Aufklärungsfilm in Sachen Toleranz hat da allemal gesellschaftlichen Mehrwert – erst recht, wenn er ohne Zeigefinger, dafür mit trotziger Fröhlichkeit und unangestrengt unterhaltsam daherkommt.

Dieter Oßwald