Beziehungsweise New York

Nach Barcelona, Paris und St. Petersburg zieht es den beziehungstechnisch schwer vermittelbaren Xavier nun nach New York. Auch der dritte Teil von Cédric Klapischs loser Trilogie um Beziehungen in der globalisierten Welt überzeugt durch komplexe Charaktere, vielfältige Beziehungsmodelle und vor allem eine Lebensklugheit, die die Reihe endgültig zu einer modernen Variation von Truffauts legendären Antoine Doinel-Filmen macht und zu einem absolut sehenswerten Film über das Leben und die Liebe.

Webseite: www.beziehungsweisenewyork.de

OT: Casse-tête chinois
Frankreich 2013
Regie, Buch: Cédric Klapisch
Darsteller: Romain Duris, Audrey Tautou, Cécile de France, Kelly Reilly, Sandrine Holt, Benoît Jacquot
Länge: 115 Minuten
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 1. Mai 2014
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PRESSESTIMMEN:

"Sehenswerte, kunterbunt vollgestopfte, transatlantische Beziehungskiste."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Es begann 2002 mit „Ein Jahr in Barcelona“, wurde drei Jahre später mit „Wiedersehen in St. Petersburg“ fortgesetzt und findet nun mit „Beziehungsweise New York“ ein (vorläufiges) Ende. Im Mittelpunkt von Cédric Klapischs Trilogie steht erneut der von Romain Duris gespielte Xavier, der inzwischen auf die 40 zugeht und zu Beginn des Films mit Wendy (Kelly Reilly) zusammen ist, mit der er zwei Kinder hat. Doch die Beziehung liegt in den letzten Zügen, Wendy ist auf dem Absprung nach New York, wo sie sich in einen neuen Mann verliebt hat. Um seinen Kindern nahe zu sein, wagt auch der inzwischen leidlich erfolgreiche Autor Xavier den Sprung über den großen Teich, schließlich kann er in der modernen Welt überall leben und arbeiten. Zumindest glaubt Xavier das, muss aber schnell feststellen, dass das Leben in New York wesentlich schwieriger ist, als er sich das vorgestellt hatte.

Immerhin ist inzwischen auch seine beste Freundin Isabelle (Cécile de France) in New York, lebt mit der amerikanisch-chinesischen Ju (Sandrine Holt) zusammen und scheint endlich angekommen zu sein. Bald hat auch Xavier ein eigenes Appartement und vor allem einen Anwalt: Den braucht er nicht nur für die Scheidung von Wendy, sondern vor allem, um die zahlreichen Unwägbarkeiten der amerikanischen Justiz zu umgehen, die ihm als Ausländer das Leben schwer machen: Ohne einen Job hat er keine Chance, doch ohne Aufenthaltsgenehmigung bekommt er keinen Job. Der einfachste Ausweg aus dieser Zwickmühle – man kennt es aus zahlreichen Filmen – ist eine Scheinheirat. Doch diese wirft ebenso viele Probleme auf, wie die Gegenwart von Xaviers alter Liebe Martine (Audrey Tautou), deren Beziehung ebenfalls gescheitert ist und die nun mit dem Gedanken spielt, es noch einmal mit Xavier zu versuchen.

In der Literatur findet man sie recht häufig: Zyklen von Romanen, die eine oder mehrere Figuren über Jahrzehnte begleiten und nach und nach verschiedene Phasen eines Lebens beschreiben. Das berühmteste filmische Beispiel dieser Form ist fraglos Francois Truffauts Zyklus um den von Jean-Pierre Leaud gespielten Antoine Doinel, den er von „Sie küssten und sie schlugen ihn“ bis „Liebe auf der Flucht“ über fast 20 Jahre begleitete. Eine moderne Variation dieser Form ist Richard Linklaters „Before…“-Reihe, die unlängst mit „Before Midnight“ einen vorläufigen Abschluss fand. Ganz ähnlich funktioniert auch Cedric Klapischs Reihe, die als WG-Film begann, sich inzwischen aber auf die Hauptfigur Xavier konzentriert, der für Klapisch wohl ein ähnlicher Alter Ego ist wie Leaud für Truffaut.

Kurz vor seinem 40 Geburtstag reflektiert Xavier über sein bisheriges Leben, zieht Bilanz, sinniert über Erfolge, vergebene Chancen, mögliche Fehler und Versäumnisse, vor allem aber darüber, wie und mit wem er die nächsten 40 Jahre verbringen will. Vor ähnlichen Fragen stehen auch die drei ihn umgebenden Frauen, was Klapisch ermöglicht, ein vielschichtiges Bild von Leben, Lieben und Beziehungen im 21. Jahrhundert zu zeichnen. Die Möglichkeiten und Fallstricke der globalisierten Welt werden dabei immer wieder betont: Mobiltelefone und Laptops sind ebenso omnipräsent wie Unterhaltungen per Skype, prekäre Lebensmodelle und Patchwork-Familien.

Dabei ist Klapischs Tonfall deutlich leichter als etwa der von Linklater in der „Before…“-Reihe. Während diese gerade im letzten Teil immer wieder die Schwierigkeiten langjähriger Partnerschaften analysierte, ja geradezu sezierte, finden sich für vergleichbare Probleme bei Klapisch stets schnelle und einfache Lösungen. Doch auch wenn in „Beziehungsweise New York“ der Humor – bisweilen auch der Klamauk – im Vordergrund steht: Klapischs Beziehungsreigen steckt voller kleiner Wahrheiten, hellsichtiger Momente und pointierter Szenen. Dass und das Ensemble spielfreudiger Schauspieler macht „Beziehungsweise in New York“ zu einem absolut sehenswerten Film über das Leben und die Liebe.
 
Michael Meyns