Bildbuch

In Jean-Luc Godards „Bildbuch“ verschmelzen Realität und Fiktion. Die Regielegende nimmt sich für ihren neuesten Film alle nur erdenklichen künstlerischen Freiheiten und kreiert einen collagenartigen Gedankenfluss, der mitreißt. Voraussetzung: man lässt sich voll und ganz darauf ein und ist offen für Experimentelles. Das bildgewaltige, essayistische Werk untersucht die Verantwortung der Kunst, die Folgen gewaltverherrlichender Bilder und das Abgründige im Menschen.

Webseite: grandfilm.de

Schweiz 2018
Regie: Jean-Luc Godard
Länge: 85 Minuten
Kinostart: 04. 04. 2019
Verleih: Grandfilm

FILMKRITIK:

Der französisch-schweizerische Regisseur Jean-Luc Godard befasst sich in „Bildbuch“ mit den Themen Krieg, Gewalt und der Verrohung der menschlichen Rasse. Dafür nutzt er Szenen von Gewalt und Terror aus Filmen, der Kunst und Realität. So entsteht eine Aneinanderreihung von Atomexplosionen, Bombardierungen, Erschießungen. Darüber spricht Godard selbst aus dem Off zum Publikum. Er wirft provozierende aber wichtige Fragen auf: Trägt die Kunst, die all diese Bilderwelten von Zerstörung und Tod kreiert, eine Mitschuld an realem Krieg und Terror in der Welt? Gehen Filme, Malerei und Literatur zu lapidar mit Gewaltdarstellungen und Motiven wie Folter um?

Der mittlerweile fast 90-jährige Godard war in den 60er-Jahren einer der wichtigsten Vertreter der französischen „Nouvelle Vague“. Mit gesellschaftkritischen, stilistisch innovativen Filmen wie „Außer Atem“ oder „Elf Uhr Nachts“ sicherte sich der 2010 mit dem Ehren-Oscar fürs Lebenswerk prämierte Regisseur seinen Platz in der Filmgeschichte. Seit einigen Jahren widmet sich Godard assoziativen Arbeiten. Mit „Bildbuch“ führt er diese Tradition fort.

 „Bildbuch“ wurde beim Filmfestival von Cannes im vergangenen Jahr mit der „Palme d’or speciale“ ausgezeichnet. Genau genommen aber fällt es schwer, „Bildbuch“ überhaupt als Film zu begreifen. Zuschauer, die eine klare Handlung und einen stringenten Spannungs-aufbau erwarten, werden mit „Bildbuch“ nichts anfangen können. Es gibt keine handelnden Figuren, inhaltlich ist der Film schwer zu greifen. Godard spielt vielmehr mit Andeutungen, entwirft einen Strom aus Impressionen sowie Tönen und lässt den Zuschauer so an seinen Gedankenspielen teilhaben. Die Art und Weise wie er diese bebildert und auf die Leinwand bannt, sprengt jegliche Seh- und Hörgewohnheiten.  

Sieht man „Bildbuch“ aber als eigenständiges Kunstwerk oder besser noch, als Kunstinstallation (die im Museum vielleicht besser aufgehoben ist als im Kino), dann entfaltet das experimentelle Konstrukt eine ganz eigene Sogwirkung. Godard montiert Stummfilm-szenen (u.a. mit Buster Keaton) neben Sequenzen aus Klassikern des Tonfilms. Nicht immer sind die Spielszenen eindeutig zuzuordnen, dafür geht alles viel zu schnell und dafür sind die Bilder oft zu verfremdet, zu stark digital überarbeitet, überbelichtet oder (absichtlich) zerstört. Szenen aus „Vertigo“, aus einigen von Godards Filmen oder auch aus Pier Paolo Pasolinis Skandalfilm „Die 120 Tage von Sodom“ sind zu erkennen. Kim Novak, Henry Fonda und Marylin Monroe erscheinen in dem Wust aus schnellen Schnitten und Überblendungen für wenige Sekunden auf der Leinwand. Dazwischen: Original-Aufnahmen aus verschiedenen Kriegen (etwa dem Zweiten Weltkrieg und dem Vietnamkrieg), IS-Hinrichtungen, NS-Vernichtungslagern.

Durch die Tonspur sorgt Godard zusätzlich für Verwirrung, wenn er Musik und Sprache unvermittelt abbrechen lässt oder der Ton neben der Spur läuft. Hinzu kommen Verweise auf den Kommunismus und Zitate einiger seiner wichtigsten Vertreter und Vordenker. In der zweiten Hälfte erzählt Godard zudem die Geschichte eines erfundenen arabischen Königreichs, das keine Rohstoffe besaß und daran zugrunde ging. Wie all diese Fragestellungen, Thesen, Eindrücke, kaleidoskopartigen Bilderfluten und Kommentare nun genau zusammenhängen, weiß nur Godard selbst. Darüber nachzudenken und zu rätseln ist eine enorme Herausforderung, fast ein intellektueller Kraftakt. Die Frage ist, ob Godard damit ein Publikum erreicht und findet. Zu wünschen wäre es ihm allemal.

Björn Schneider