Bis an die Grenze

In den vergangenen Jahren geriet die Polizei in Frankreich vor allem unter Macrons polarisierender Regierung immer mehr in Verruf. Gelbwestenproteste, Umgang mit Terror und aktuell die rigiden Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus trugen zum angeschlagenen Image bei. Filme wie Ladj Lys sozialrealistisches, kompromittierendes und vielfach preisgekröntes Werk „Les Misérables – Die Wütenden“ über die harte Arbeit der Ordnungshüter in den Banlieues, kann als kritisch-aufklärerische Reaktion auf den Diskurs verstanden werden, der sich rund um die polizeiliche Arbeits- und Vorgehensweise spinnt. Auch Anne Fontaines „Bis an die Grenze“ verfolgt einen quasi aufklärerischen Ansatz und zeigt die Polizei „in Aktion“. Anlehnend an die gleichnamige Novelle von Hugo Boris, verdichtet sie Fragen rund um die Ethik und Hörigkeit der Polizei auf die Geschehnisse einer langen Nacht. Dramaturgisch verbleibt ihr Film eher im Leichtverdaulichen, was ihm ein wenig an Sprengkraft raubt.

Website: www.studiocanal.de/kino/

Originaltitel: Police
Frankreich 2020
Laufzeit: 97 Min.
Regie: Anne Fontaine.
Darsteller: Omar Sy, Virginie Efira, Grégory Gadebois
Verleih: StudioCanal Deutschland
Sprache: Französisch
Kinostart: n.n.

FILMKRITIK:

Im Fokus befinden sich die drei Pariser Polizisten Virginie (Virginie Efira), Erik (Grégory Gadebois) und Aristide (Omar Sy). Eines Nachts werden sie mit einer Mission betraut, die ihre gewöhnliche Routine durchkreuzt. Ein Asylbewerber soll abgeschoben werden und es ist an ihnen, ihn zum Flughafen zu eskortieren. Während der Autofahrt treten bei Virginie Zweifel auf, da sie versteht, dass es für den Inhaftierten den sicheren Tod bedeutete, wenn man ihn in sein sogenanntes Heimatland Tadschikistan zurückverfrachten würde. Mit dieser Gewissheit bringt sie auch langsam ihre Kollegen ins Wanken. Dass die drei Polizisten außerdem ihre eigenen privaten Probleme mit sich herumschleifen, macht die Autofahrt nicht unbedingt unkomplizierter.

Bereits in der ersten Hälfte des Films weckt Fontaine Empathie für ihre drei Hauptfiguren, indem sie einen „normalen“ Arbeitstag aus deren jeweiligen Perspektiven beleuchtet. Kindesmissbrauch, Chauvinismus und Randalen sind Tagesordnung. In dieser raffinierten Aufschlüsselung erfährt man nicht nur, welch ungeheuren Stresssituationen die Beamten kontinuierlich ausgesetzt sind, sondern auch, dass Virginie eine Affäre mit Aristide hat und ungewollt schwanger von ihm ist. Dieser Umstand führt bei der späteren gemeinsamen Odyssee durch die Nacht zu einigen zusätzlichen Spannungen. Erik indes ist ein pflichtbewusster Cop, der einfach nur seine Arbeit hinter sich bringen will, ohne weitere Probleme auf sich zu laden, da die psychisch labile Frau daheim sein Gemüt ohnehin schon stark in Mitleidenschaft zieht. Nach ihrer ausführlicheren Etablierung der drei Protagonist*innen konzentriert sich Fontaine im zweiten Abschnitt des Films ganz auf die daraus entstehenden Dynamiken und Dilemmata, die aus dieser ungleichartigen Menschenkonstellation entstehen. Während die moralischen Konflikte, persönlichen Ängste und Nöte der Polizisten sukzessive immer mehr an die Oberfläche gekehrt werden, intensiviert sich auch die geladene Atmosphäre: vor allem, weil der völlig verstörte Flüchtling die von seinen Bewachern intendiert dargebotenen Möglichkeiten zur Flucht konsequent ausschlägt.

Abgesehen vom wie immer sympathisch gegen den Strich spielenden Omar Sy vermag der Film auch handlungstechnisch einige unerwartete Haken zu schlagen und fesselt vor allem in der zweiten Hälfte, als sich die Spannung während der nächtlichen Pariser Irrfahrt peu à peu steigert. Die finale Message, dass sich humane Prinzipien auch entgegen gewisser Obligationen und Credos à la „Ausführen und Klappe halten“ durchsetzen lassen, gerät dann insgesamt aber doch ein bisschen zu artig bzw. versöhnlich, wodurch „Bis an die Grenze“ sein Potenzial zur nachwirkenden ethischen Reflexion teilweise unangetastet lässt. Die im Grunde clevere Erzählstruktur kann also nicht vollständig kaschieren, dass Härten und Problematiken des polizeilichen Berufsalltags zwar angeschnitten, aber nicht allzu sehr vertieft werden.

Nathanael Brohammer

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