Black Book

Nach der Rückkehr aus Hollywood hat sich Paul Verhoeven in seiner niederländischen Heimat gleich ein brisantes Thema vorgenommen: die Kollaboration seiner Landsleute mit den nationalsozialistischen Besetzern während des Zweiten Weltkriegs. Verhoeven bricht in „Black Book“ das Bild auf, das die guten Niederländer auf der einen Seite und die bösen Deutschen auf der anderen Seite verortet. Ihn interessieren die Grautöne, entsprechend sind seine Figuren angelegt, hinter deren Fassade selten das zu finden ist, was man vermutet. Bei aller Provokation und historischen Redlichkeit ist „Black Book“ ein Thriller mit Unterhaltungscharakter – was manche Zuschauer bei diesem Thema ebenfalls als Provokation empfinden können.

Webseite: www.blackbook-derfilm.de

D, GB, NL, B 2005
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: Gerard Soeteman, Paul Verhoeven
Darsteller: Carice van Houten, Sebastian Koch, Thom Hoffman, Halina Rejn, Waldemar Kobus, Derek de Lint, Christian Berkel
142 Minuten
Verleih: NFP
Kinostart: 10.5.2007

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Bei seinen Betrachtungen über die Unzulänglichkeiten menschlicher Moral stößt Verhoeven ins Zentrum derer vor, die als Hort der Guten während der Nazi-Besatzung gelten: die niederländischen Widerstandskämpfer. Mit ihnen kommt die junge hübsche Jüdin Rachel Stein (Carice van Houten) in Kontakt, nachdem im Jahr 1944 ihr Versteck ausgebombt wurde. Ein Mitglied des Widerstands vermittelt ihr die Möglichkeit, mit anderen Juden, darunter ihrer kompletten Familie, in den bereits befreiten Süden des Landes zu entkommen. Der nächtliche Schiffstransport fliegt auf. Ein deutsches Kommando unter dem deutschen SD-Offizier Franken (Waldemar Kobus) taucht auf und schießt alle Flüchtlinge über den Haufen – bis auf Rachel, die rechtzeitig ins Wasser gesprungen ist. Im Schilf beobachtet sie, wie die Deutschen den Toten die Wertsachen abnehmen, ehe sie die Leichen über Bord kippen, darunter auch ihre Angehörigen. 

Ein Albtraum, nachdem die junge Frau bereit ist, alles zu tun, um die Verräter in den eigenen Reihen aufzuspüren und an den Deutschen Rache zu nehmen. Aus Rachel Stein wird Ellis de Vries – blond bis zu den Schamhaaren und ein Blickfang für den deutschen SD-Chef Müntze (Sebastian Koch), für den sie bald arbeitet und dessen Hauptquartier sie verwanzt. Doch weiterhin scheitern alle Aktionen ihrer Widerstandsgruppe kläglich, auch wenn Rachels Verehrer Akkermans (Thom Hoffman), tut, was er kann. Zu allem Überfluss verliebt sich die junge Frau in den feinfühligen Müntze, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann die beiden auffliegen.

Es geht ordentlich zur Sache in diesem Drama. Während oben im SD-Quartier Rachel bei einem Fest singt – zu Frankens Klavierbegleitung, den sie natürlich sofort erkennt – werden ihre Kampfgenossen unten im Keller gefoltert. Bei den Widerstandsaktionen blitzt das Mündungsfeuer auf und fließt das Blut. Als Müntze Rachel zu enttarnen versucht, setzt sie auf die Schönheit ihrer Brüste, die doch nicht jüdisch sein können. 

Verhoeven scheint sich einen Spaß daraus machen zu wollen, die Dinge auf den Kopf zu stellen. Die Widerstandskämpfer mit ihren egoistischen (und selten judenfreundlichen) Interessen sind in ihren Aktionen nicht besser als die Nazis, die sich im Übrigen wie Müntze einige vernünftige Einsichten leisten, die eher den „Guten“ zugeschrieben werden. Viele Kämpfer sind nicht das, was sie zu sein vorgeben, und als der Krieg vorbei ist, benehmen sie sich so wie die, die sie drangsaliert haben. Rache geht vor Recht. Und Rachel, die furchtbar gedemütigt wird, macht da keine Ausnahme.

Verhoeven führt die kalte Mechanik der Macht vor bis zum bitteren Schluss. Doch es bleibt ein Unbehagen. Schöne Menschen strampeln in farbensatten Dekors um ihr Leben und das Publikum folgt ihnen gebannt. Irgendwie spannend, dieses Nazi-Gemetzel. Bei Carice van Houten, die als Rachel Erstaunliches leistet, wird das sehr deutlich. Gut ist, dass sie nicht das stereotype Opfer ist, das in Lumpen geht. Doch gerade ihr mangelt es an Grautönen. Dem Film fehlt ein wenig die Seele, so wie Rachel die Tränen fehlen, als sie alles verliert.

 

Volker Mazassek

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Der lange Jahre in den Vereinigten Staaten tätige holländische Regisseur Paul Verhoeven gibt sich nicht mit gewöhnlichen Projekten ab. Er will neben einer exklusiven Geschichte auch die formale Besonderheit, möglichst die Sensation, das Ganze verbunden mit Unterhaltung, denn, so sagt er, nur dann ist einem Film Erfolg garantiert. Nach diesem Rezept gingen Verhoeven und sein Drehbuchautor Gerard Soeteman auch dieses Mal vor. Die Geschichte ist wahrlich eine Besonderheit. Es geht um den Widerstand der Niederländer während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg.

Die Jüdin Rachel Stein, deren Versteck ausgebombt wurde, will in den bereits befreiten Teil Hollands fliehen. Es ist der September 1944, der Krieg nähert sich dem Ende. Die Flüchtlingsgruppe, der Rachel angehört, wird verraten. Alle außer Rachel kommen um. Da beschließt sie, sich dem Widerstand anzuschließen. Sie gerät dabei in die Höhle des Löwen, wird die zuerst unfreiwillige (und später romantische) Geliebte des SS-Offiziers Müntze. Ihre Aufgabe besteht darin, das SS-Hauptquartier auszuhorchen. Müntze ist einer, der vernünftige und menschliche Regungen zeigt. Andere beteiligte SS-Offiziere wie der Nazi-Fanatiker Günther Franken sind reine Henkersknechte.

Die Widerstandsgruppe um Gerben Kuipers will Gefangene befreien, die vor der Hinrichtung stehen. Doch Frankens Soldaten warten schon. Der Befreiungsversuch misslingt. Kuipers’ Männer wurden verraten. Von wem? Hier hakt Verhoeven ein. Er rückt der Verklärung des niederländischen Widerstandes auf den Leib. Es gab eben auch Verräter, Habgierige, Judenhasser, Zwielichtige, Profiteure. Und zwar sowohl während der Besetzung als auch bei den Rachefeldzügen nach der Befreiung. Kein Wunder, dass Verhoeven mit seinem 17-Millionen-Euro-Film nicht nur auf Zustimmung stieß.

Es geht vor allem im zweiten Teil des Films drunter und drüber. Ein wenig zuviel des Guten. Wahrscheinlich ist es das, was Verhoeven unter Unterhaltung und Sensation versteht. Gegen Ende überschlagen sich die Ereignisse derart, dass man Mühe hat, dem Ganzen zu folgen. Verrat, Verwirrung, Verfolgung, Flucht, Rache und Mord lösen sich ab.

Ein großer Pluspunkt sind die schauspielerischen Leistungen. Carice van Houten als Rachel ist Spitze. Aber auch Sebastian Koch als Müntze, Christian Berkel als General Käutner, Waldemar Kobus als Franken, Halina Reijn als Ronnie oder Thom Hoffman als Hans Akkermans geben ihr Bestes.

Ein historisch, politisch und gesellschaftlich nicht uninteressanter Film, der auf vielen Fakten beruht und der auch einiges zurechtrückt. Allerdings auch ein lauter, turbulenter, überladener Film, der mit einem problematischen und kritischen Thema „unterhalten“ will.

Thomas Engel