Blackbird

Die Oscar-Ladies Susan Sarandon und Kate Winslet, dazu Sam Neill gönnt sich „Notting Hill“-Macher Roger Michell als exquisites Ensemble für sein Remake des dänischen Familiendramas „Silent Heart“ von Bille August. Die unheilbar kranke Lily will ihrem Leben selbstbestimmt ein Ende setzen. Ein letztes Mal versammelt sie im Landhaus die Familie, doch nicht alle sind bereit, den Abschied der Mutter zu akzeptieren. Das Kammerspiel um Liebe, Tod und Sterbehilfe hält souverän die Balance im Wechselbad der Gefühle. Trotz heikler Themen bleibt Raum für Komik – und Überraschungen. Ein bewegendes Drama, das auf präzise Figuren setzt, Kitsch gekonnt vermeidet sowie Schauspieler in Bestform präsentiert.

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USA, UK 2019
Regie: Roger Michell
Darsteller: Susan Sarandon, Kate Winslet, Mia Wasikowska, Sam Neill, Bex Taylor-Klaus, Rainn Wilson, Lindsay Dunca
Filmlänge: 97 Minuten
Verleih: Leonine
Kinostart: 24. September 2020

FILMKRITIK:

Diese Weihnachten ist anders. Zum einen ist es noch gar nicht Winter. Zum anderen lädt Lily (Susan Sarandon) die Familie und ihre beste Freundin ins elegante Landhaus, um Abschied zu nehmen. Sie ist unheilbar krank, hat nicht mehr lange zu leben. Deshalb hat sie entschieden, ihrem Leben selbstbestimmt ein Ende zu setzen, so lange sie noch kann. Unterstützt wird sie von Ehemann Paul (Sam Neill), einem Arzt, der den Todescocktail vorbereitet hat. Der Mediziner und die beiden erwachsenen Töchter Jennifer (Kate Winslet) und Anna (Mia Wasikowska) haben dem Plan von Lily zugestimmt. Im Angesicht der Mutter scheint die einstige Entschlossenheit freilich zu schwinden. Zudem belasten die Schwestern noch ganz andere Probleme.

„Ich bin es müde zu fragen: Wie geht’s?“, mit lakonischem Humor empfängt Lily die angereisten Gäste. Die eine Tochter hat ihre Partnerin mitgebracht. Die andere kommt mit Ehemann und Enkel. „Wie willst du es machen?“ fragt der Teenager neugierig die Oma. „Bist du schwul, transgender oder etwas, was ich noch nicht kenne?“, will Lily später einmal vom Enkel wissen. So unverkrampft geht es zwischen den anderen Familienmitgliedern selten zu. Zwischen der biederen Jennifer und ihrer rebellischen Schwester Anna werden alte Rivalitäten wach, die weder durch gemeinsames Kiffen im Familienkreis noch durch gutes Zureden der jeweiligen Partner beigelegt werden können. Je mehr die emotionale Krise eskaliert, desto entschlossener ist die Tochter, ihre einstige Zustimmung zu den Freitod-Pläne der Mutter zurückzuziehen. Sollte Lily den geplanten Todescocktail zu sich nehmen, droht sie, sofort den Notarzt zu verständigen. Die Karten werden dramaturgisch radikal neu gemischt, als die ahnungslose Tochter überraschend mit einem familiären Geheimnis konfrontiert wird, das sie schier aus der Bahn wirft.

Krankheit, Tod und Sterbehilfe sind denkbar heikle Themen. Doch wie schon Bille August im dänischen Original „Silent Heart“, gelingt auch seinem südafrikanischen Kollegen Roger Michell, die drohenden Kitsch-Klippen gekonnt zu umgehen. Der „Notting Hill“-Regisseur vertraute dem Autor des Originals den Remake-Auftrag an, prompt revanchierte sich Christian Torpe mit einem einfallsreichen Aufguss, der durch die lesbische Tochter eine neue Beziehungsfarbe in das Familiendrama bringt.

Klug dosierte Komik-Einlagen sorgt für die notwendige Leichtigkeitspausen im schwierigen Stoff. Vom chaotischen Fällen einer Weihnachtstanne über den gemeinsamen Joint bis zu ziemlich ungewöhnlichen Präsenten. Ganz zu schweigen vom trockenen Humor der selbstbewussten Mutter. Wie in jedem guten Kammerspiel sind die Figuren psychologisch plausibel entwickelt und präsentieren sich mit reichlich Empathie-Potenzial. Entscheidend für den Erfolg ist freilich das Ensemble. Kate Winslet und Mia Wasikowska liefern sich als ungleiche Schwestern furiose Streitgefechte, Versöhnung inklusive. Sam Neill sorgt als verständnisvoller Ehemann für den ruhenden Pol – und ist für eine emotionale Überraschung gut. Susan Sarandon schließlich verleiht der Lily eine wunderbare Würde und bietet glaubhafte Emotionen statt naheliegender Sentimentalitäten. Taschentücher nicht vergessen!

Dieter Oßwald