Blackhat

Ein neuer Film von Michael Mann („Heat“, „The Insider“) bietet eigentlich immer Gründe, genauer hinzusehen. Selbst wenn sich die Synopsis wie im Fall von „Blackhat“ wie ein generischer Hollywood-Hochglanz-Thriller liest, wird man am Ende meist überrascht – so auch dieses Mal. Mit Star-Aufgebot (u.a. Chris Hemsworth, Viola Davis und „Gefahr und Begierde“-Star Tang Wei) drehte Mann einen von Minute zu Minute intensiveren Trip, der von Chicago über Hongkong nach Jakarta führt und den Zuschauer dabei zwischen virtuellen und realen Welten in ein Netz aus Gefahren, berührendem Drama und großartiger Suspense verstrickt.

Webseite: www.blackhat-film.de

USA 2014
Regie: Michael Mann
Drehbuch: Morgan Davis Foehl
Darsteller: Chris Hemsworth, Leehom Wang, Tang Wei, Viola Davis, John Ortiz
Verleih: Universal
Kinostart: 5.2.15
 

FILMKRITIK:

Wie sehr unser Alltag inzwischen von Computersystemen, Algorithmen, Bits und Bytes bestimmt wird, bleibt uns meist verborgen. Nicht nur dass wir unsichtbare Spuren im weltweiten Netz hinterlassen, die meist nur nach Datenskandalen in unser Bewusstsein rücken, das Internet regelt, steuert, kontrolliert und beeinflusst heute praktisch sämtliche Lebensbereiche – von der Arbeit der Behörden, über das Fundament der Wirtschaft bis hinein in das Privatleben jedes Einzelnen. Gerade weil das so ist, drängt sich eine Frage förmlich auf: Wie sicher ist dieses virtuelle Geflecht? Wie leicht lässt es sich angreifen, hacken oder gar zerstören?
 
An einer Antwort versucht sich nun „Blackhat“, ein Hacker-Thriller aus Hollywood mit großem Budget, großen Stars und einem Meister-Regisseur, dessen Markenzeichen es ist, immer wieder mit einem unglaublichen Auge für visuelle Feinheiten und realistische Settings in geschlossene Systeme und fremde Parallelwelten vorzudringen. Die Rede ist von Michael Mann, der in Filmen wie „Heat“, „The Insider“ oder zuletzt „Public Enemies“ ganz unterschiedliche Formen von Verbrechen erkundete und dabei zwischen Action, Charakterstudie und Drama scheinbar mühelos wechselte. Genau diese Zutaten zeichnen auch seinen neuen Film aus, in dem ein scheinbar sorgsam geplanter Angriff auf verschiedene Computersysteme eine folgenschwere Kettenreaktion auslöst.
 
Als sich ein Unbekannter mit einem modifizierten Malware-Programm in das Intranet eines Hongkonger Atomkraftwerks hackt, kommt es zunächst zum Ausfall der Kühlsysteme und wenig später zur Beinahe-Katastrophe. Die chinesischen Behörden sind alarmiert. Mit Captain Chen (Leehom Wang) haben sie jedoch einen am Bostoner MIT bestens ausgebildeten Experten für Cyberkriminalität in den eigenen Reihen. Chen sucht Kontakt zu seinen Kollegen beim FBI, die nach kurzer Bedenkzeit zu einer Zusammenarbeit bereit sind. Schließlich wurden auch die USA Opfer eines ausgeklügelten Hackerangriffs. So kam es an der Chicagoer Terminbörse kurz zuvor zu einer unerklärlichen Explosion des Sojapreises. FBI Special Agent Carol Barrett (Viola Davis) fasst Vertrauen zu Chen, der darauf besteht, einen alten Studienfreund vom MIT ins Team zu holen. Chen ist davon überzeugt, dass ausgerechnet der geniale, wegen einer Bankenattacke zu 15 Jahren Gefängnis verurteilte Blackhat-Hacker Nicholas Hathaway (Chris Hemsworth), den Gesuchten wird aufspüren können.
 
Damit beginnt eine fesselnde Jagd rund um den Globus. Von Chicago geht es über Hongkong weiter nach Jakarta und Malaysia, wo die Fäden zusammenlaufen und Mann einen beeindruckend intensiven, harten und kinetischen Showdown inszeniert. Tatsächlich benötigt das Drehbuch von Debütant Morgan Davis Foehl eine Weile, um in Gang zu kommen. Vor allem die Einführung von Hathaway, sein lange Zeit eher behauptetes Interesse an der schönen Lien Chen („Gefahr und Begierde“-Star Tang Wei), fühlt sich seltsam leidenschaftslos an. Auch Hemsworth – bislang der Posterboy in Superhelden-Verfilmungen wie „Thor“ – muss zunächst gewisse Hürden überspringen. So ganz will man ihm den Superhacker nicht abnehmen. Erfreulich ist jedoch, dass Mann und Foehl ihren Helden nicht entlang der üblichen Klischees eines nerdigen Einzelgängers entwickeln. Hathaway ist durchtrainiert, ein Frauentyp und Team-Player. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum man als Zuschauer die Glaubwürdigkeit seiner Figur anfangs anzweifelt.
 
So sehr „Blackhat“ auf Suspense, intensive Shootouts und Action setzt – Mann beweist in diesen Szenen, dass er sein „Heat“-Handwerkszeug noch immer sicher beherrscht –, im Kern erzählt der Film doch von zwischenmenschlichen Beziehungen, Loyalität und Liebe und das vor der beklemmenden Kulisse einer zunehmend verletzlichen Welt, in der mit ein paar Codes gewaltige Krisen und Katastrophen ausgelöst werden können. Für Mann, dessen Interesse sich mehr auf die Konsequenzen als auf die Funktionsweise eines solchen Cyberterrorismus konzentriert, ist es die perfekte Bühne, um seine mächtige Bildsprache zusammen mit Kamerakünstler Stuart Dryburgh in hochauflösendem HD auf die Kinoleinwand bringen zu können. „Blackhat“ sieht zu jeder Zeit einfach unglaublich gut aus. Dryburgh spielt mit Licht, Blenden, Perspektive und Bokeh und etabliert so eine intensive Unruhe und Schönheit. Mehr als einmal ziehen uns Mann und Foehl dazu den fragilen, brüchigen Boden regelrecht unter den Füßen weg. Und plötzlich wird aus der kühlen Hackerjagd ein packendes Drama, das von Rache, Schmerz und Verlust erzählt.
 
Marcus Wessel