Blown Away – Music, Miles and Magic

Der Erfolg von „Weit“ hat die kleine Reise-Doku groß gemacht. Nun präsentieren die beiden Freunde Hannes Koch und Ben Schaschek ihren bebilderten Segeltörn rund um den Globus. 75.000 Kilometer hat das Duo nach seinem Studienabschluss in vier Jahren zurückgelegt, um in fremden Ländern freundliche Musikanten zu finden. Deren Songs nehmen die gelernten Tontechniker auf, am Ende der musikalischen Expedition kamen 130 Stücke zusammen, die als Soundtrack der etwas anderen Art veröffentlicht werden sollen. Sympathische Typen auf einem lässigen Trip mit coolen Begegnungen sorgen für den Chill-Faktor. Etwas mehr Hintergründe, Innenansichten und Konflikte hätten indes kaum geschadet, um das Publikum auf dieser Reise emotionaler mitzunehmen. Trotz solcher „Reisemängel“ gelingt ein hübsches Expeditions-Tagebuch, das durch die Energie und Lebensfreude der Musiker zu überzeugen vermag.

Webseite: blownaway-movie.de

D 2019
Regie: Micha Schulze
Darsteller: Hannes Koch, Ben Schaschek
Filmlänge: 119 Minuten
Verleih: Jackhead, Vertrieb: Filmagentinnen
Kinostart: 23.5.2019

FILMKRITIK:

„We are sailing“, sagten sich die jungen Musiker Ben Schaschek und Hannes Koch. Nach dem gemeinsamen Tontechnik-Studium wollten die zwei „irgendetwas Abgefahrenes“ machen. In 80 Tagen um die Welt reichte den beiden nicht, sie planten gleich vier Jahre für den Segeltörn um den Globus. Ein echter Sprung ins kalte Wasser, denn vom Segeln haben sie keine Ahnung. Das Boot wird per Internet gekauft und auf den Salomon-Inseln abgeholt. Die „Marianne“ entpuppt sich prompt als viel kleiner als gedacht. „Man muss nur stauen können!“ lacht Neu-Matrose Koch optimistisch, mit Tetris-Erfahrung wird das winzige Bad komplett voll gestopft mit Gepäck und Proviant.
 
15.000 Euro aus einem Erbe haben die Freunde in Boot, Proviant und Ausrüstung investiert. In jedem besuchten Land sollen lokale Musiker aufgenommen werden, so der Plan. Pro Tag und Person haben sie 12 Euro ausgegeben, „so günstig könnte ich in Berlin nicht leben“, erzählt Koch. Über Papua-Neuguinea, Australien und Singapur geht es im kleinen Segelboot nach Indien. Nach sechs Wochen auf See sind die Vorräte fast aufgebraucht. Per Zug reist man zum Abstecher in den Himalaja. In Kaschmir trifft man den ersten Musiker, der bei dem Projekt gerne mitmacht. Mehr als Hundert bereitwillige Sänger werden auf dem Trip durch 31 Länder folgen. Die entspannte Art der bärtigen Globetrotter öffnet schnell alle Türen. Musik-Aufnahmen finden da auch schon mal direkt am sonnigen Strand statt oder nach der fröhlichen Besichtigung einer Hanf-Plantage: Hippies 2.0!
 
Das filmische Reisetagebuch überzeugt durch sympathische Protagonisten und die angenehme Erzählerstimme. Bei den Begegnungen mit geselligen Gastgebern rund um den Globus kommt zuverlässig kuschelige „Couchsurfing“-Stimmung auf: Offenheit statt Eigennutz. Helfen, lachen, Musik machen. Bei so viel Happiness hätten ein bisschen Problembewusstsein und mehr Hintergründe nicht geschadet. Von den neuen Bekanntschaften erfährt man selten mehr als dass sie allesamt ziemlich coole Typen sind. Von den fremden Ländern zumeist Postkarten-Ansichten. Da gibt es überfüllte Züge in Indien oder ein weiser Indianer warnt vor dem Raubbau an der Erde – aber das war’s fast schon mit dem Blick auf die Lebensverhältnisse. Auch die Reise selbst verläuft verblüffend harmonisch. Außer dem gelegentlichen Ausfall des Motors der betagten „Marianne“, einer zerbrochenen Gitarre oder einem kleinen Läusebefall scheint es wenig Stolpersteine auf der abenteuerlichen Reise gegeben zu haben. Monatelang verbringen die beiden Freunde einsam auf einem sieben Quadratmeter kleinen Boot – alles ohne jeden Streit? Ganz ohne Gequatsche über Gott und die Welt und die letzten Fragen der Menschheit?  
 
Trotz solcher „Reisemängel“ gelingt ein hübsches Expeditions-Tagebuch, das durch die Energie und Lebensfreude der Musiker zu überzeugen vermag. Das Reiseziel von Globetrotter Hannes Koch wird erreicht: „Wir glauben, dass wir mit unserem Film Menschen inspirieren können, sich auf das Unbekannte einzulassen. Sich selbst und anderen zu vertrauen. Das haben wir auch getan und sind als andere Menschen zurück gekehrt…“.
 
Dieter Oßwald