Blue My Mind

Die 15-jährige Mia stürzt sich kurz nach dem Umzug in eine neue Stadt in ein exzessives Leben voller Alkohol, Drogen und Sex. Damit versucht sie vor allem eines zu verdrängen: Die Metamorphose ihres Körpers, die aus dem Teenager ein geheimnisvolles Wesen macht. Die schweizerische Produktion „Blue my mind“ verbindet Coming-of-Age-Versatzstücke mit Horror-Elementen zu einer ganz und gar ungewöhnlichen Geschichte. Trotz aller Genrekonventionen überzeugt der Film dank seiner stark durchkomponierten, hypnotischen Bilderwelten und der exakten Milieu-Zeichnung.

Webseite: www.meteor-film.com

Schweiz 2017
Regie & Drehbuch: Lisa Brühlmann
Darsteller: Luna Wedler, Zoë Pastelle Holthuizen, Regula Grauwiller, Georg Scharegg
Länge: 97 Minuten
Kinostart: 01. November 2018
Verleih: Meteor Film

FILMKRITIK:

Die Welt von Mia (Luna Wedler) steht Kopf: Zum einen ist sie mit ihrer Familie gerade erst umgezogen. Da fällt es ihr zunächst alles andere als leicht, Anschluss zu Mitschülern zu finden. Am liebsten würde sie zur Clique der erfahrenen, selbstbewussten Gianna gehören. Hinzu kommt, dass sich Mias Körper seit kurzem immer mehr verändert. Ihre Zehen wachsen zusammen und ihre Beine werden fleckig. Bald stellt sie ihre ganze Existenz in Frage. Während Mias Transformation immer weiter und unaufhaltsam voranschreitet, versucht sie sich auf Partys abzulenken.

Mit „Blue my mind“ legt Lisa Brühlmann ihr Langfilm-Debüt vor. Während ihres Regie-Studiums an der Zürcher Hochschule der Künste inszenierte sie bereits einige Kurzfilme. „Blue my mind“ wurde unter anderem auf den Filmfestivals in San Sébastian und Zürich gezeigt. In Zürich erhielt er den Kritikerpreis der Schweizer Filmjournalisten. Hauptdarstellerin Luna Wedler wurde in diesem Jahr durch „Das schönste Mädchen der Welt“ bekannt.

„Blue my mind“ ist ein akkurat recherchierter (Brühlmann verbrachte einige Tage mit einer Jugendclique), inhaltlich zunächst allerdings recht konventioneller Film. Er behandelt all jene Themen, die sich auch in den meisten anderen  Teenager-Dramen finden. Dramen über die Sorgen und Nöte von Pubertierenden und die mit der beginnenden Adoleszenz einhergehenden Verlockungen. So sehen wir Mia dabei zu, wie sie sich im Alkohol- und Drogenrausch verliert, sich sexuellen Experimenten hingibt, mit ihren Eltern streitet und nach der ersten Periode das vertraute Gespräch mit der Hausärztin sucht.

Dennoch zeichnet der Film ein sehr realistisches Bild des Teenie-Milieus, in dem er verortet ist. „Blue my mind“ legt schonungslos offen, wie sehr der Alltag von Heranwachsenden heute von den sozialen Medien bestimmt wird und sich im digitalen Raum abspielt: Mia etwa verabredet sich gefühlt stündlich mit irgendwelchen Jungs über What’s App, nimmt über eine Online-Plattform Kontakt zu einem 20 Jahre älteren Mann auf und konsumiert mit ihren Freundinnen pornografische Filme, die im Internet jederzeit auf Abruf bereitstehen.

Trotz der generischen Inhalte, an denen sich „Blue my mind“ abarbeitet, unterscheidet sich der Film in einem ganz bestimmten Aspekt von thematisch ähnlich gelagerten Werken. Denn durch Mias Transformation in ein anderes Wesen, reichert Brühlmann ihren Erstling mit Versatzstücken aus dem surrealen und phantastischen Film an. Dabei gelingen ihr oftmals schwelgerische, fast hypnotische Bilder, zum Beispiel wenn Mia immer wieder in eine Art Traumwelt abdriftet und sich so der Realität (also der Verwandlung) zu entziehen versucht. In jenen traumwandlerischen Momenten weckt der Film Erinnerungen an Horrormärchen wie Guillermo Del Toros „Shape of Water“ oder  „When Animals dream“, in dem aus einer pubertierenden Dänin allmählich ein Werwolf wird.

In welche Kreatur sich Mia verwandelt, lässt der Film lange offen. Auch wenn er gekonnte Fährten legt und recht frühzeitig klar macht: Das Element Wasser muss eine zentrale Rolle spielen. Die Art und Weise, wie sich die Jugendliche zu Beginn noch mit aller Kraft gegen die körperliche Wandlung wehrt, dann aber doch ihr wahres Wesen zu akzeptieren lernt, lässt sich auf das Erwachsenwerden als solches übertragen: Es ist ein mühsamer, mitunter extrem steiniger Weg zum eigenen Ich.

Björn Schneider