Blue Valentine

Reinstes amerikanisches Independent-Kino ist Derek Cianfrances Liebes-Drama „Blue Valentine“, in dem Ryan Gosling und Michelle Williams sich geradezu die Seele aus dem Leib spielen. Mit allen positiven wie negativen Konsequenzen, von subtilen Momenten bis hysterischen Ausbrüchen, die das gesamte Spektrum einer beginnenden und dann scheiternden Paarbeziehung abdecken.

Webseite: www.bluevalentinemovie.com

USA 2009
Regie: Derek Cianfrance
Drehbuch: Derek Cianfrance, Joey Curtis, Cami Delavigne
Musik: Grizzly Bear
Darsteller: Ryan Gosling, Michelle Williams, Faith Wladyka, John Doman, Mike Vogel, Ben Shenkman
Länge: 120 Min.
Verleih: Senator/ Central
Kinostart: 4. August 2011

PRESSESTIMMEN:

Eine besonders sehenswerte und bewegende Liebesgeschichte.
ARD Tagesschau

Ein herzzerreißend schöner Film… Vielleicht der schönste Film des Kinojahres.
BRIGITTE

Wie eine große Liebe entsteht und wie sie für immer zerbricht, erzählt Regisseur Cianfrance unaufgeregt und deswegen umso niederschmetternder am Beispiel eines Pärchens, das für einander bestimmt scheint und es doch nciht ist. Schauspielerische Galavorstellung, wunderschön und unendlich traurig.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Zwölf Jahre arbeitete Derek Cianfrance an diesem Projekt, das sein zweiter Spielfilm werden sollte. Auch Hauptdarstellerin Michelle Williams war schon sechs Jahre vor Fertigstellung an Bord, ihr Partner Ryan Gosling mit vier Jahren so etwas wie der Frischling. Das Verblüffende dieser langen Genese ist, dass der fertige Film dennoch so lebendig wirkt, fiebrig, mitreißend. Dabei ist die Geschichte auf den ersten Blick wenig originell: Williams und Gosling spielen Cindy und Dean, zwei Durchschnittstypen, irgendwo zwischen oberer Unterschicht und unterer Mittelschicht angesiedelt. In einem Altersheim, wo Cindys Großmutter lebt und Dean in seiner Funktion als Möbelpacker auftaucht, lernen sie sich kennen. Bald sind sie ein Paar, heiraten, der Alltag beginnt, die Liebe vergeht.

Der dramaturgische Clou des Ganzen ist nun, dass man Beginn und Ende der Beziehung quasi gleichzeitig sieht. Während die Erzählzeit des Films einen Tag beschreibt, an dem das Paar mit ihrem Kind einen Ausflug plant, aber immer wieder, bei jeder kleinen Irritation in lange, enervierende Diskussionen verfällt, erzählen eingeschobene Rückblenden von den Anfängen, der Entwicklung der Beziehung. Diese Form kulminiert in einem Finale, in dem Hochzeit und Trennung parallel geschnitten nebeneinander stehen.

Diese ungewöhnliche Form hätte schnell zum Selbstzweck werden können, deren hauptsächliche Funktion es wäre, zu kaschieren, dass hier eigentlich wenig Originelles erzählt wird. Dass dem nicht so ist, verdankt der Film weniger seinem Stil, der zwischen blau-durchtränkten Digitalbildern (in der Gegenwart) und farbgesättigten 16mm-Aufnahmen (in den Rückblenden) wechselt, sondern seinen beiden Hauptdarstellern.
Dass ihre expressiven Darstellungen schnell als Kandidaten für Oscar-Nominierungen galten, kann man ihnen nicht vorwerfen; typische Oscar-Rollen sind dies nur ansatzweise. Viel zu schonungslos spielen Williams und Gosling den Verfall einer Beziehung, viel zu echt wirkt die schleichende Einkehr der Normalität, das langsame Vergehen der Liebe, der Wandel von extremer Anziehung zu immer stärker werdender Aversion. Dass das nicht vollkommen unerträglich anzusehen ist, dafür sorgt letztendlich die von Cianfrance gewählte Struktur. So werden die wegen scheinbarer Nichtigkeiten begonnenen Diskussionen immer wieder von Momenten der Zärtlichkeit abgelöst. Schwer anzusehen bleibt „Blue Valentine“ dennoch – und gerade diese Konsequenz, mit der er Höhen und Tiefen einer Paarbeziehung schildert, macht ihn zu einem so bemerkenswerten Independent-Film, der zwar vielen Besuchern zu roh und deprimierend sein dürfte, für andere aber gerade deswegen so sehenswert ist.

Michael Meyns

Eine ergreifende Liebes- und Ehegeschichte.

Cindy, die Medizinstudentin, und Dean, der Transportarbeiter und Amateurmusiker, lernen sich in dem Altersheim kennen, in dem Cindy ihre Großmutter pflegt und Dean einen Umzug zu besorgen hat. Dean ist ein einfacher Mann, der jedoch das Mädchen durch seinen Witz und reizende Einfälle betört. Es dauert nicht lange, bis die beiden sich trotz Verlegenheit auslösender Fragen von Cindys Eltern verlieben und heiraten – obwohl das Kind, das Cindy erwartet und entgegen einer früheren Absicht nicht abtreiben lässt, von ihrem Ex-Lover Bobby stammt.

Frankie heißt das kleine Mädchen, das auf die Welt kam und das – inzwischen sind vier Jahre vergangen – seinen Vater, der nicht sein Vater ist, von Herzen liebt und umgekehrt.

Cindy arbeitet ziemlich gestresst als Frauenärztin, Dean geht ebenfalls einem Handwerk nach, lässt aber seinem kindlichen Gemüt immer mehr Spielraum.

Das Verhältnis der Ehegatten ist deshalb gespannt. Je mehr sich Cindy ablehnend verhält, desto größer wird Deans Sorge, dass die Familie gefährdet sein könnte. Er wird zudringlich. Gestritten wird jetzt nicht selten, und meistens reden die beiden aneinander vorbei.

Ein Versuch, zu retten, was zu retten ist: zur Erinnerung an früher eine (alkoholisierte) Nacht in einem Phantasiezimmer eines Hotels, die jedoch sehr negativ endet. Cindy verlässt den Ort allein, und Deans Zorn ist jetzt nicht mehr aufzuhalten. Er wird ausfällig.

Es sieht ganz und gar nicht so aus, als wäre die Beziehung noch zu retten.

Auf zwei Zeitebenen spielen sich zuerst ein vollkommenes Eheglück und dann ein tieftrauriges Ehedrama ab, ein Drama mit zwei Menschen, die sich lieben, aber nicht für einander geschaffen sind, mit zwei Menschen, die ständig aneinander vorbeireden. Deans Frage ist nur zu berechtigt: „Was soll aus der kleinen Frankie werden?“

Derek Cianfrance hat hier literarisch und filmisch so etwas wie ein Meisterstück abgeliefert, dessen kunstvolle Regiearbeit in Sundance berechtigterweise gebührend gefeiert wurde – und das will schon etwas heißen.

Michelle Williams (Cindy) und Ryan Gosling (Dean) spielen von Anfang bis Ende unübertroffen gut.

So gut wie alles stimmt in diesem milieuechten Film.

Thomas Engel