Bob, der Streuner

Die bemerkenswerte Geschichte vom wohnungslosen, heroinsüchtigen Straßenmusiker James, der durch die Freundschaft zu seinem Kater Bob sein Leben ändern konnte, fand auch in deutschen Medien Aufmerksamkeit. Nach der Autobiographie folgt nun die Filmversion, die eigentlich nicht funktionieren dürfte, es aber doch tut, denn die märchenhaft wirkende Geschichte wird durch harschen Realismus kontrastiert.

Webseite: www.bobderstreuner-film.de

A Street Cat Named Bob
GB 2016
Regie: Roger Spottiswoode
Buch: Tim John und Maria Nation, nach dem Buch von James Bowen
Darsteller: Luke Treadaway, Ruta Gedmintas, Joanne Froggatt, Anthony Head, Beth Goddard, Darren Evans
Länge: 100 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 12. Januar 2017

FILMKRITIK:

Auf den Straßen Londons fristet James (Luke Treadaway) ein karges Dasein. Mit seiner Gitarre versucht er sich über Wasser zu halten, doch sein heruntergekommenes Äußeres lässt die meisten Menschen zurückweichen. Zudem ist er ein Junkie, der nach einer Überdosis im Krankenhaus aufwacht. Doch zu James Glück glaubt seine Sozialarbeiterin Belle (Joanne Froggatt) trotz allem an ihn und besorgt ihm eine Sozialwohnung.
 
Immerhin hat James nun ein Dach über seinem Kopf, doch schon am ersten Abend scheint ein Einbrecher seine Ruhe zu stören. Doch der Eindringling stellt sich als rothaarige Tigerkater heraus, die James bald Bob tauft. Eigentlich will James den Kater seinem Besitzer zurückgeben, doch da dieser sich nicht findet wird aus dem Provisorium bald ein Dauerzustand: James gibt sein letztes Geld für Bobs Medizin und Futter aus, doch dieser revanchiert sich und wird bald zum Maskottchen des Musikers. So zutraulich und entspannt ist der Kater, dass er auf James Schultern sitzt, während dieser Musik macht, was James bald erstaunliche Popularität verleiht. Doch der Weg aus der Sucht ist steinig und voller Versuchungen.
 
Kaum ein Drehbuchautor hätte es wohl gewagt, sich eine Geschichte wie die von James und Bob auszudenken, zu unglaubwürdig mutet die wundersame Rettung eines Junkies durch die Freundschaft mit einem Kater an. Doch selbst wenn man davon ausgeht, dass für diese Kinoversion manche Ereignisse ein wenig zugespitzt und dramatisch verdichtet wurden: Im Kern erzählt „Bob, der Streuner“ eine wahre Geschichte, in der sogar Bob, der Kater, als er selbst auftritt…
 
Dass diese märchenhaft anmutende Freundschaft nicht zu süßlich wird, ist die größte Qualität des Films von Roger Spottiswoode. Manche der Hürden, die James Werdegang in den Weg gelegt werden, muten zwar etwas konstruiert an, was man von den Bildern des Drogenentzugs nicht behaupten kann. Nach und nach gelingt es James den Entzug voranzutreiben, die Dosis Methadon zu reduzieren, doch wie labil er trotz allem ist, zeigt sich immer wieder. Sei es eine Konfrontation mit seinem Vater, der einst die Familie verlassen hatte und nun mit einer neuen Frau in einer heilen Welt lebt oder seine Nachbarin, mit der James zarte Bande knüpft, die durch das Verheimlichen der Sucht abrupt zerstört werden: Als sich nur langsam erholender Junkie ist James besonders empfindlich und verzehrt sich schon bei kleinen emotionalen Problemen nach dem Ausblenden der Realität durch Drogen.
 
Ein harsches Bild der Realität von auf der Straße lebenden Menschen zeichnet Spottiswoode hier und blendet die Muster einer Sucht keineswegs aus. So harsch wie etwa Mike Figgis „Nackt“ ist er dabei natürlich nie, dennoch sind es gerade diese Momente des Realismus, die verhindern, dass „Bob, der Streuner“ allzu märchenhaft wird und die wundersame Freundschaft zwischen Mensch und Kater ihre ganze Wirkung entfalten kann.
 
Michael Meyns