Bohemian Rhapsody

Aller Produktionsschwierigkeiten zum Trotz ist Bryan Singer und Dexter Fletcher mit „Bohemian Rhapsody“ ein Musiker-Biopic gelungen, bei dem Freddie Mercury höchstpersönlich Tränen verdrücken würde. Das hier ist genau das filmische Denkmal, das sowohl der legendäre Queen-Sänger, als auch seine Band verdient haben.

Webseite: www.BohemianRhapsody-derFilm.de

USA 2018
Regie: Bryan Singer (Dexter Fletcher)
Darsteller: Rami Malek, Joseph Mazzello, Lucy Boynton, Mike Myers, Gwilym Lee, Tom Hollander
Länge: 110 Minuten
Verleih: 20th Century Fox
Kinostart: 31. Oktober 2018

FILMKRITIK:

Im Jahr 1970 gründen Freddie Mercury (Rami Malek), Brian May (Gwilym Lee), Roger Taylor (Ben Hardy) und John Deacon (Joseph Mazzello) die Band Queen, die später zu einer der legendärsten Rockbands aller Zeiten werden sollte. Songs wie „Killer Queen”, „Bohemian Rhapsody”, „We Are The Champions” und „We Will Rock You“ machen die Musiker unsterblich, doch hinter der Fassade des Leadsängers Freddie Mercury macht sich langsam eine emotionale Zerrissenheit bemerkbar. Nicht nur mit seiner für ihn lange Zeit nicht definierbaren Sexualität muss sich der aus Sansibar stammende Parse arrangieren. Immer häufiger scheint sein Umfeld etwas Anderes zu wollen, als er selbst. Spätestens als sich seine große Liebe Mary (Lucy Boynton) von ihm trennt, bricht auch Freddie den Kontakt zu seinen Bandmitgliedern ab und versucht, solo genauso erfolgreich zu sein. Erst viel zu spät begreift er, dass er in diesen eigentlich längst eine Familie gefunden hat, mit der er 1985 beim legendären Live-Aid-Konzert spielen will – dem größten Konzert der Welt!
 
Erst ersetzte Rami Malek („Papillon“) „Borat“-Star Sacha Baron Cohen für die Hauptrolle des Freddie Mercury, dann wurde Regisseur Bryan Singer („X-Men: Apocalypse“) 16 Tage vor Abschluss der Dreharbeiten gefeuert und Dexter Fletcher („Terminal“) musste für das Großprojekt „Queen-Biopic“ in die Bresche springen. Genau genommen stehen also alle Zeichen auf Katastrophe, doch von all diesen produktionsinternen Problemen bekommt man als Zuschauer absolut nichts mit. „Bohemian Rhapsody“ ist das großgedachte Porträt einer noch größeren Band, bei dem zu gleichen Anteilen die zarte Seele des legendären Leadsängers Freddie Mercury im Mittelpunkt steht, als auch die Musik selbst. Damit das beides so hervorragend zueinander findet, wurde sich nicht eins zu eins an den Fakten orientiert. „Bohemian Rhapsody“ funktioniert nach filmischen Maßstäben, wozu eben auch gehört, dass zu Gunsten erzählerischer Übergänge schon mal ein wenig geschummelt wurde, was die Abbildung der Realität angeht. Doch es ist letztlich völlig egal, ob die verschiedenen Songs alle tatsächlich so entstanden sind, wie hier geschildert, genauso wie es dramaturgisch einfach wesentlich klüger ist, im Finale Spannung aus der Frage zu ziehen, ob das Live-Aid-Konzert der Band funktioniert, obwohl die Mitglieder zuvor jahrelang nicht miteinander musiziert haben (was in Wirklichkeit nicht so war). Am Ende geht es um den Sog, den „Bohemian Rhapsody“ entwickelt – und was das für einer ist!
 
„Es ist kein Biopic, es ist ein Film über Freddie und Queen, bei dem wir uns kreative Freiheit herausgenommen haben!“ – das sagte Queens Leadgitarrist Brian May selbst nach einem Konzert in Hamburg über „Bohemian Rhapsody“ und erklärt damit innerhalb eines Satzes, was den Reiz des Films ausmacht. Zwar folgt Drehbuchautor Anthony McCarten („Die dunkelste Stunde“) schon ziemlich penibel den typischen Stationen eines klassischen Leinwandporträts, doch umso klarer macht er deutlich, dass eventuell als Ungenauigkeiten (fehl-)interpretierte Details sehr wohl gewollt sind. Und so ist „Bohemian Rhapsody“ nicht bloß ein sehr musikalischer und emotionaler Film, sondern auch ein verdammt unterhaltsamer geworden, der das ganz große Lebensdrama um den im November 1991 an AIDS verstorbenen Mercury ausspart. Den beiden Regisseuren – ganz gleich, wer nun welche Passagen des Films gedreht hat – gelingt ein hochsensibler, aber nie voyeuristischer Film, in dem es in erster Linie darum geht, den Geniestatus der den musikalischen Zeitgeist prägenden Band hervorzuheben. So gehören ausgerechnet die Szenen zwischen Queen und den hinter den Kulissen agierenden Produzenten und Musiklabelchefs zu den ganz großen Highlights des Films; immerhin wissen wir heute sehr genau, wie erfolgreich die Band später wurde – und zwar, obwohl sie sich mit ihrem Stil betont davon wegbewegt hat, was sich im Radio gerade gut verkauft. 
 
Apropos Musik: Um das Gefühl der Authentizität zu verstärken, wird in „Bohemian Rhapsody“ nicht etwa Playback gesungen. Stattdessen wurden vorab alle Songs mit einem Sound-Alike aufgenommen. Anhand dieser Aufnahmen konnte Hauptdarsteller Rami Malek nicht bloß den Gesang proben, sondern auch sehen, wie sich beim Singen Gesicht und Körperhaltung verändern, damit der Gesang authentisch aussieht. Bei den Filmaufnahmen selbst hat der Schauspieler dann richtig gesungen, bevor in der Postproduktion wiederum das Sound-Alike verwendet. Für die Szenen in den Tonstudios wurden unzählige der ohnehin vorhandenen Originalprobeaufnahmen verwendet. Die Illusion vom völlig mit seiner Rolle verschmelzenden Rami Malek wird dadurch perfekt – wer in den letzten zwanzig Minuten keine Gänsehaut hat, der fühlt vermutlich gar nichts mehr (und dabei haben wir es hier einfach nur mit den nachgestellten Aufnahmen des Live-Aid-Konzerts zu tun!).
 
Antje Wessels

„We Are the Champions“, „We Will Rock You“ oder „Bohemian Rhapsody“ – wer kennt jemanden, der keinen Song von „Queen” kennt? Seit Mitte der 70er Jahre feierte die Band um Freddie Mercury, Brian May, Roger Taylor und John Deacon weltweit massive Erfolge. Sämtliche Studioalben belegten den Platz 1 der Charts. Über 200 Millionen Alben wurden verkauft. Mehr als 700 Konzerte spielte das britische Quartett, darunter auch ein Auftritt beim legendären „Live Aid” im Wembley Stadion. Charismatischer Kopf von „Queen” war der 1946 in Sansibar geborene Farrokh Bulsara – der zum Entsetzen der Eltern lieber den Namen Freddie Mercury annahm. Mit Mary Austin fand Mercury die Liebe seines Lebens, für sie schrieb er „Love of My Life“. Doch bald war beiden klar: Freddie ist schwul. Exzessiv lebt er sein promiskes Leben aus. Erst nach vielen Jahren findet er 1985 mit Jim Hutton seinen Lebenspartner.
 
Ein großer Coup gelingt 1988 mit „Barcelona“, ein pompöses Opus, das mit Opernstar Monserrat Caballé entsteht. Bei dessen Produktion hat Mercury unter den Folgen seiner HIV-Infektion zu kämpfen. Im Sommer 1991 spekulierten Boulevard-Blätter über AIDS-Gerüchte. Am 23. November gibt Mercury in einer Pressemitteilung seine Erkrankung öffentlich bekannt. Einen Tag später verstirbt er in seinem Haus in Kensington an den Folgen einer Lungenentzündung.
 
Die Idee eines „Queen“-Films entstand schon 2006. Gitarrist Brian May wollte Johnny Depp für die Hauptrolle, später war der Comedian Sacha Baron Cohen im Gespräch. Schließlich bekam der US-Darsteller Rami Malek, Sohn ägyptischer Einwanderer, die Rolle der Rock-Ikone. Inszeniert wird das Werk vom offen schwulen Regisseur Bryan Singer – der noch während der Dreharbeiten seinen Job verlor. Offiziell, weil er unentschuldigt mehrere Tage am Drehort nicht erschien. Singer rechtfertigt sein Fehlen mit der Krankheit seiner Eltern. US-Medien verweisen auf die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegen den 53-jährigen Regisseur. Die restlichen 16 Drehtage übernahm Produzent Dexter Fletcher die Regie. Gleichwohl gilt Singer als Regisseur, allein er wird im Abspann genannt.
 
Von einem schwulen Filmemacher hätte man sich bei diesem Biopic über einen schwulen Rock-Star schon ein bisschen mehr Gayness erwarten können. Die erste Begegnung mit einem LKW-Fahrer auf einer Toilette, die Besuche einer Lederbar oder die Jungs in der Münchner Villa – solche Szenen werden nur sekundenlang angedeutet. Verschämte Prüderie auch da, wo die Band-Mitglieder auf den schwulen Freddie reagieren oder später mit dessen AIDS-Krankheit umgehen.
 
Ein weiterer Minuspunkt ist das völlige Fehlen von „Barcelona“, das für Mercury so wichtig gewesen ist. Da spürt man deutlich, wem Produzent Brian May hier ein Denkmal setzen wollte. So viel Bravheit hat der Rock-Rebell nicht verdient. Völlig vergeigt und eine unfreiwillige Lachnummer schließlich das computergeniererte Publikum im Wembley-Stadion.
 
Sehr gelungen fallen derweil die Gesangsauftritte aus. Wie die Stimme von Malek mit jener von Mercury ersetzt wird, ist makellos. Allein schon sie machen das Biopic allemal zum lohnenden Kinoereignis. Wer wissen will, wie Mercury tickte, bekommt in der Doku auf ARTE allemal den besseren Einblick.
 
Dieter Oßwald