Bohnenstange

Inspiriert vom Buch “Der Krieg hat kein weibliches Gesicht” der belarussischen Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch erzählt “Bohnenstange” aus weiblicher Sicht von den Schrecken des Krieges.
Leningrad 1945: Die faschistische Belagerung ist vorüber, doch der tägliche Überlebenskampf geht weiter. Die Krankenschwester Iya ragt im Kriegsversehrten-Hospital Leningrads durch enorme Größe und Gutmütigkeit hervor. Ein Jahr nach Ende des 2. Weltkrieges stirbt aber der kleine Sohn ihrer Freundin, den sie durch die Entbehrungen der durch die Deutschen furchtbar zerstörten Stadt gebracht hat, in ihren Armen. Die Schuld führt zu atemberaubenden Handlungen, vom russischen Regietalent Kantemir Balagov in exzellenter Ästhetik gezeigt.

Russische Einreichung für den Oscar als bester Fremdsprachiger Film, Gewinner “Beste Regie” Cannes / Un certain Regard

Website: www.eksystent.com/bohnenstange.html

Originaltitel: Dylda
Russland 2019
Regie: Kantemir Balagov
Darsteller: Viktoria Miroshnichenko, Vasilisa Perelygina, Andrey Bykov, Igor Shirokov, Konstantin Balakirev, Ksenia Kutepova
Länge: 139 Min.
Verleih: eksystent Filmverleih
Kinostart: 22.10.2020

FILMKRITIK:

Ein Jahr nach Ende des 2. Weltkrieges zeigt sich das von der deutschen Invasion besonders zerstörte Leningrad in „Bohnenstange“ als ein Hospital der Schrecken des Krieges. Unter den körperlich und geistig Invaliden sticht die Krankenschwester Iya hervor. Nicht nur wegen ihrer Größe und dem hageren Körper – sie wird Bohnenstange genannt. Sie ist auch bei den Patienten besonders beliebt. Und, das zeigt direkt die erste faszinierende Einstellung, eine magische Kino-Szene, weil sie nach ihrem Fronteinsatz als Soldatin immer wieder das Bewusstsein verliert und regungslos auf der Stelle erstarrt. So erleben wir sie in mitten des Treibens der anderen Krankenschwestern in Schockstarre.

Unter erbärmlichen Umständen, unter Hunger und Raumnot in den typischen russischen Wohngemeinschaften hat Iya den kleinen Sohn ihrer Freundin Masha als ihren ausgegeben und durch den Krieg gebracht. Aber durch ein still schockierendes Ereignis stirbt er doch. Auch die Rückkehr Mashas ist bestimmt durch eine ruhige, heftig ergreifende Intensität. Es dauert ewig, bis Iya der Mutter die Wahrheit sagen kann, bis sie überhaupt spricht. Masha reagiert
scheinbar ungerührt, nimmt eine Stelle im gleichen Krankenhaus an und verschweigt, dass es eigentlich ihr Kind war.

Neben der ästhetischen Brillanz von „Bohnenstange“, neben dem exzellenten Schauspiel fesseln auch die erstaunlichen Reaktionen, die Menschen mit atemberaubenden Wünschen und Entscheidungen um Leben und Tod. Denn mit erstaunlicher, eiskalter Entschlossenheit bestimmt die mittlerweile unfruchtbare Masha, dass Iya für sie ein Ersatz-Kind bekommen soll. Ist das nun ein Beziehungsdrama oder grausam ausgeführte Rache? Dass der kleine, schüchterne Mann, den Iya liebt, nur an Masha interessiert ist, stellt dabei nur ein oberflächliches Drama dar. Die Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegs-Zeit in Leningrad scheinen auch die Farben des Films ausgemergelt zu haben. Gelblich schmutziges Licht dominiert. Ein seltener roter oder grüner Kleiderstoff ist kaum Grund zur Freude. Irgendwann erinnert nicht nur diese Viragierung des Bildes an Lars von Trierschen Horror, den Menschen einander antun.

Man sieht in „Bohnenstange“ für einen Nachkriegsfilm erstaunlich wenig verlassene oder zerstörte Gebäude. Dafür „die Folgen des Krieges durch Gesichter, Augen, Körper und Körper der Menschen“, wie es der 1991 in Nalchik, Russland, geborene Regisseur Kantemir Balagov exakt beschreibt. „Bohnenstange“ ist sein zweiter Spielfilm. Sein Regiedebüt war „Closeness“ (2017), bei den Filmfestspielen von Cannes (Un Certain Regard) mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet. „Bohnenstange“, inspiriert durch das Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ der belarussischen Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexjiewitsch, lief 2019 dort und wurde mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet.

„Bohnenstange“ ist ein ästhetisches Meisterwerk, eine psychologische Tour de Force. Das Krankenhaus versammelt gleich eine ganze Reihe bewegender menschlicher Verwerfungen in diesem starken Antikriegs-Film. (Wobei das nichts mit der Fließband-Schnellabfertigung moderner Krankenhaus-Serien zu tun hat.) Die konstante Irritation – auch für die Kamera – des enormen Größenunterschiedes zwischen Iya und Mascha wird eine Randnotiz im Abgrund menschlicher Beziehungen. Und trotz dieser dunklen Seiten ist der großartige und geniale Film eine beglückende Kino-Sensation.

Günter H. Jekubzik