Bolschoi Babylon

Das berühmte Bolschoi-Theater in Moskau geriet im Januar 2013 in die Schlagzeilen, als der damalige künstlerische Leiter Sergej Filin einem Säureattentat zum Opfer fiel, das einer der Tänzer in Auftrag gegeben hatte. Der Vorfall lenkte den Blick auf die teils bitter geführten Konkurrenzkämpfe innerhalb des Ensembles. Die Regisseure Nick Read und Mark Franchetti, die bereits ihre Doku „The Condemned“ über ein Hochsicherheitsgefängnis in Russland gedreht haben, gehen in „Bolschoi Babylon“ den Hintergründen des Attentats auf den Grund – und werfen einen aufschlussreichen Blick hinter die Kulissen des Theaterbetriebs.

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OT: Bolshoi Babylon
Großbritannien 2015
Regie: Nick Read, Mark Franchetti
Mitwirkende: Maria Alexandrova, Maria Allash, Sergei Filin, Anatoliy Iksanov, Anastasiya Meskova, Vladimir Urin
Länge: 86 Min.
Verleih: polyband
Kinostart: 21.07.2016
 

FILMKRITIK:

Das ehrwürdige Bolschoi-Theater liegt nur rund 500 Meter Luftlinie vom Kreml entfernt. Die räumliche Nähe zum russischen Politikbetrieb steht stellvertretend für die politische Dimension des weltberühmten Schauspielhauses für Oper und Ballett, das für die Machthaber als Aushängeschild russischer Kultur fungiert. Im prachtvoll ausgestatteten Bolschoi, dessen allabendlich ausverkaufte Ränge Platz für rund 2000 Zuschauer bieten, waren bereits politische Schlüsselfiguren wie Stalin oder Fidel Castro zu Gast, was Nick Read und Mark Franchetti eher beiläufig in schwarzweißen Archivaufnahmen resümieren.
 
Für die politische Tragweite des Bolschoi-Theaters und die Verquickung von Kunst und Staat interessieren sich die Filmemacher eher am Rande. Vielmehr lenkt ihr Dokumentarfilm den Blick auf die Querelen innerhalb des rund 250-köpfigen Ensembles, das während der Aufführungen zwar wie ein Uhrwerk im Takt funktioniert, hinter den Kulissen jedoch so manchen Konkurrenzkampf austrägt. „Die Theaterwelt ist grausam,“ erklärt eine der Ballerinas. Und damit meint sie nicht nur die körperlichen Anstrengungen während der Proben und Aufführungen, sondern auch die Intrigen in den Reihen der Tänzer, die um jeden Preis auftreten oder auf eine der prestigeträchtigen Welttourneen gehen wollen. Und bald gewinnt man den Eindruck, dass beruflicher Neid, Missgunst und Konkurrenz im Bolschoi schlichtweg dazu gehören.
 
Als dramatischer Aufhänger für den Dokumentarfilm dient der Schwefelsäure-Anschlag auf den künstlerischen Leiter Sergej Filin, der im Januar 2013 vom Solotänzer Pawel Dmitritschenko in Auftrag gegeben wurde und im Vorspann mit dem rot eingefärbten „Babylon“ im Titel angeteasert wird. Das wohl aus verletzter Eitelkeit begangene Attentat kostet Filin beinahe das Augenlicht und verweist auf die bitteren Konkurrenzkämpfe in der Theatermannschaft. In Interviews geben Tänzer und Kollegen Auskunft über ihre Sichtweise auf den Zwischenfall, wobei die Schuldfrage das Ensemble spaltet. Manche wollen nicht glauben, dass Dmitritschenko der Täter sein soll, der indes bald geständig ist und zu sechs Jahren Strafkolonie verurteilt wird.
 
Zwischen den Interviews zeigen Nick Read und Mark Franchetti blauchstichige Aufnahmen von mitreißenden Tanzaufführungen oder ausgedehnten Proben und begleiten manche der Tänzer in ihren Alltag nach Hause. Einen neuen Fokus bekommt „Bolschoi Babylon“, als der Intendant Sergej Filin nach einem langen Krankenhausaufenthalt ins Theater zurückkehrt. Der neue Direktor Vladimir Urin kennt den künstlerischen Leiter aus einer gemeinsamen Theatervergangenheit, die unglücklich verlaufen ist. Und auch bei seinen ehemaligen Tanzkollegen stößt der in der Hierarchie aufgestiegene Filin auf wenig Gegenliebe. So hat die Doku ihre stärksten Momente, wenn Sergej Filin, der seine noch nicht ausgeheilten Augen hinter einer Sonnenbrille verbirgt, wie verloren durch die langen Theaterflure schleicht.
 
Christian Horn