Bombshell – Das Ende des Schweigens

Mit großem Staraufgebot rekonstruiert Filmemacher Jay Roach („Trumbo“) die Missbrauchsaffäre, die 2016 den mächtigen Geschäftsführer des rechtskonservativen US-Fernsehsenders Fox News zum Rücktritt zwang. Obschon das Tatsachendrama manchmal fahrig und unentschlossen wirkt, macht es das bedrückende Klima, in dem die Übergriffe jahrelang gedeihen konnten, greifbar und hat als Beitrag zur #MeToo-Debatte seinen Wert.

Webseite: www.wildbunch-germany.de

USA 2019
Regisseur: Jay Roach
Darsteller: Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie, John Lithgow, Kate McKinnon, Allison Janney, Rob Delaney, Mark Duplass, Liv Hewson u. a.
Länge: 109 Minuten
Verleih/Vertrieb: Wild Bunch Germany
Kinostart: 13.02.2020

FILMKRITIK:

Seitdem im Oktober 2017 die ersten Enthüllungen im Skandal um den einstigen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein veröffentlicht wurden, brach eine umfassende Diskussion über die Missbrauchsstrukturen in der Filmbranche und das Verhältnis der Geschlechter im Allgemeinen los. Bereits ein Jahr zuvor sorgte ein ähnlich gelagerter Fall beim einflussreichen US-Nachrichtensender Fox News für Schlagzeilen. Regisseur Jay Roach und Drehbuchautor Charles Randolph (oscarprämiert für „The Big Short“) arbeiten zusammen mit der auch als Produzentin fungierenden Hauptdarstellerin Charlize Theron die damaligen Geschehnisse auf und orientieren sich in Erzähl- und Inszenierungsstil an der Finanzmarkt-Satire „The Big Short“ und dem Politiker-Biopic „Vice – Der zweite Mann“, die beide unter der künstlerischen Leitung von Adam McKay entstanden.
 
„Bombshell – Das Ende des Schweigens“ beginnt mit einem direkt an den Zuschauer gerichtete Monolog der Starmoderatorin Megyn Kelly (Charlize Theron), die als Fox-News-Aushängeschild gilt und uns auf eine kurze Tour durch das Sendergebäude mitnimmt. Eben jene Journalistin erlebt einen Spießrutenlauf, nachdem sie während einer Veranstaltung im Rahmen des Präsidentschaftswahlkampfes den Kandidaten Donald Trump zu dessen frauenverachtenden Äußerungen befragt hat. Nicht nur muss sich Kelly Beschimpfungen des Anwärters und mediale Häme gefallen lassen. Ihr Chef Roger Ailes (John Lithgow) sieht zu allem Überfluss keine Notwendigkeit, sie öffentlich zu stärken. Die Quoten stimmen. Und noch dazu ist Trump sein Vertrauter.
 
Während die Ereignisse Kelly zusetzen, ergeht es ihrer Kollegin Gretchen Carlson (Nicole Kidman) nicht besser. Früher gehörte auch sie zur Top-Riege des Senders. Da sie mit ihren Meinungen die hausinterne Linie zunehmend unterhöhlt,  findet sie sich nun allerdings im unattraktiven Nachmittagsprogramm wieder. Eines Tages erhält sie, begleitet von fadenscheinigen Begründungen, ihre Kündigung und beschließt, Roger Ailes wegen sexueller Belästigung zu verklagen. Daraufhin bildet sich rasch eine breite Unterstützerfront für den Beschuldigten. Megyn Kelly wiederum hält sich zunächst bedeckt. Und auch die ehrgeizige Jungredakteurin Kayla Pospisil (Margot Robbie), die ebenfalls unangenehme Erfahrungen mit dem Senderboss gemacht hat, weiß zunächst nicht, ob sie Carlson zur Seite springen soll.
 
Dass der Film stellenweise ordentlich Schwung aufnimmt, liegt weniger an den Anleihen bei „The Big Short“ und „Vice – Der zweite Mann“, die die Macher eher inkonsequent einsetzen. Die Schnittfrequenz zieht zwar regelmäßig an. Und die vierte Wand wird ein ums andere Mal durchbrochen. Mit letzter Entschlossenheit gehen Roach und Randolph jedoch nicht zu Werke. Weil sich die Hauptdarstellerinnen – besonders Charlize Theron und Margot Robbie (beide sind für einen Oscar nominiert) – mit Engagement in ihre Rollen werfen, entwickelt „Bombshell – Das Ende des Schweigens“ dennoch ausreichend Dynamik.
 
Stark ist das Tatsachendrama immer dann, wenn es die Mechanismen und Einschüchterungsstrukturen im Hause Fox News ins Visier nimmt und konkret erlebbar macht, was es heißt, erniedrigt und benutzt zu werden. Für handfestes Unbehagen sorgt vor allem eine Szene, in der Ailes die aufstrebende Kayla in seinem Büro dazu nötigt, ihre Beine zu präsentieren und ihren Rock bis zum Slip hochzuschieben. Fernsehen sei schließlich ein visuelles Medium, lautet seine lapidare Rechtfertigung. Und wenn die junge Frau aufsteigen wolle, müsse sie sich bloß überlegen, wie sie ihm ihre Loyalität beweisen könne. Spannend ist zudem der Druck der nach Carlsons Klage innerhalb des Senders auf all diejenigen ausgeübt wird, die sich nicht deutlich pro Ailes positionieren. Das Klima der Angst, des Wegschauens, des Kleinredens lässt sich offenkundig nur schwer überwinden.
 
Einen etwas unausgegorenen Eindruck macht die Zeichnung der drei zentralen Frauenfiguren, von denen einzig die durch unterschiedliche Schicksale inspirierte Pospisil erfunden ist. Dass Kelly und Carlson durchaus umstrittene Persönlichkeiten mit fragwürdigen Haltungen sind, spielt im Film fast keine Rolle. Und generell hätte man die Zerrissenheit der Protagonistinnen und ihre Entscheidungen etwas präziser darstellen können. Manche Entwicklungen sind schlichtweg zu verknappt, um die gewünschte Wucht zu entfalten. Trotz der genannten Schwächen ist es lobenswert, dass „Bombshell – Das Ende des Schweigens“ wichtige Themen wie Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung auf die große Bühne hebt und das Publikum sensibilisieren will. Gebraucht hätte es dafür übrigens nicht unbedingt die stark ins Auge stechende Maskenarbeit im Fall von Theron, Kidman und Lithgow, die mithilfe aufwendiger Prothesen so nah wie möglich an ihre realen Vorbilder herankommen sollen.
 
Christopher Diekhaus

Gerade erst hat der Prozess gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein in New York begonnen, da kommt ein Film in unsere Kinos, der den Ausgang eines solchen Falles aus dem Jahre 2016 schildert. Damals war es der erzkonservative Fernsehsender FOX und sein übermächtiger CEO Roger Ailes, dem man sexuelle Belästigung in etlichen Fällen nachweisen konnte. Das war nicht nur die Geburtsstunde der #MeToo-Bewegung, sondern auch ein später Triumph unzähliger Frauen, für die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz beruflicher Alltag ist.
 
Roger Ailes war einer der mächtigsten Fernseh-Chefs in den Vereinigten Staaten, und er war der erste, der gut aussehende Nachrichtensprecherinnen einstellte. Blond mussten sie sein, lange Beine haben und kurze Röcke tragen. Nicht umsonst waren die Schreibtische im Studio durchsichtig.
 
Dass journalistische Fähigkeiten nicht so wichtig sind, merkt auch Kayla Pospisil (Margot Robbie). Die junge gut aussehende und extrem ehrgeizige Jungredakteurin kriegt schnell raus, wie der Hase läuft, stellt sich gut mit Ailes’ Sekretärin und erhält so ziemlich schnell einen Termin beim Chef. Dass dieser aber zu einem Casting ausartet, hätte sie nicht gedacht. Sie muss Bein zeigen, viel Bein, bis es es ihr unangenehm wird. Es ist ein visuelles Medium, sagt Ailes und er könne sie ganz nach oben bringen, doch sie müsse einen Weg finden, ihm ihre Loyalität zu beweisen. Völlig verwirrt kehrt Kayla zurück in die Redaktion, sie steht ganz kurz vor dem Sprung vor die Kamera, kein Wunder, hat Ailes doch gerade ihre Kollegin Gretchen Carlson (Nicole Kidman) gefeuert. Jahrelang war die ehemalige „Miss America“ das hübsche Gesicht der Morningshow, bis ihr der Kragen platzt. Gretchen will sich nicht länger als blondes Deko-Püppchen hergeben und hat die Chauvi-Sprüche ihres Chefs satt. Als die beliebte Moderatorin ohne Make-up auf Sendung geht, um ein Zeichen gegen Oberflächlichkeit zu setzen, rastet Ailes aus und schickt ihr die Kündigung, offiziell wegen enttäuschender Einschaltquoten.
 
Die ehemalige Anwältin Megyn Kelly (Charlize Theron) ist die „First Lady“ von Fox News und darf sogar die Wahldebatte moderieren. Hier trifft sie auf den republikanischen Kandidaten Donald Trump, den sie vor laufenden Kameras mit seinen sexistischen Äußerungen konfrontiert. Damit löst sie einen öffentlichen Kleinkrieg aus, den Trump auf Twitter weiterführt und dabei weit unter die Gürtellinie zielt. Rückendeckung bei ihrem Sender sucht Megyn vergebens, schließlich ist Ailes ein guter Freund von Trump und die ganze Angelegenheit bringt ihm Top-Quoten. Er empfiehlt Megyn, sich klein zu machen und das Feld zu räumen, am besten nehme sie erst einmal Urlaub.
 
Inzwischen flattert Ailes eine Klage von Gretchen ins Haus, wegen sexueller Belästigung. Doch um den Prozess zu gewinnen, muss sie ein Muster nachweisen, Frauen finden, die Ähnliches erlebt haben. Dass es die gibt, da ist sich Gretchen sicher, nur wie kann man sie zum Reden bringen? Anfangs stößt sie bei ihren Kolleginnen auf betretenes Schweigen, den meisten ist es peinlich über das Erlebte zu sprechen, aber alle plagt das schlechte Gewissen, nie aufbegehrt zu haben. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis weitere Zeugenaussagen bei Gretchens Anwälten eintrudeln und Ailes der Prozess gemacht wird.

Regisseur Jay Roach arbeitete schon in TRUMBO ein dunkles Kapitel der Hollywood-Geschichte auf. In BOMBSHELL zeigt er nun den Fall eines der mächtigsten TV-Mogule Amerikas und entlarvt dabei ein männliches Machtsystem, wie es perfider kaum sein kann. Mit Charlize Theron, Nicole Kidman und Margot Robbie treten drei Superstars an, um diesem System den Kampf anzusagen, und der phänomenale Sieg vor Gericht kann als Geburtsstunde der MeToo-Bewegung gesehen werden. Es kann also gar nicht mehr so lange dauern, bis der Fall Harvey Weinstein verfilmt wird.
 
Kalle Somnitz