Bonne Nuit Papa

In ihrem sensiblen und extrem vielschichtigen Dokumentarfilm unternimmt Regisseurin und Ich-Erzählerin Marina Kem eine Reise in die Vergangenheit ihres Vaters. Ottara Kem kam 1965 mit einem Studienstipendium aus Kambodscha in die DDR. In Leipzig lernte er Marinas Mutter kennen mit der er drei Kinder bekam, bevor sich die Eltern wieder scheiden ließen. Marina und ihre beiden Schwestern wachsen auf, ohne viel über ihre kambodschanische Verwandtschaft, die Geschichte oder die Gedanken ihres schweigsamen Vaters zu wissen. Nach seinem Tod macht sich Marina Kem auf die Suche nach den Puzzleteilen, die das bruchstückhafte Bild vervollständigen können.

Webseite: www.bonne-nuit-papa.de

Deutschland 2014
Regie und Buch:  Marina Kem
Kamera: Notker Mahr, Henning Stirner, Sebastian Stobbe, Oliver Neis
Schnitt: Steven Wilhelm
Länge: 100 Minuten
Verleih: drop-out Cinema
Kinostart: 29. Januar 2015
 

FILMKRITIK:

Marina Kem ist die Tochter eines kambodschanischen Vaters und einer deutschen Mutter, geboren 1975 in der DDR. Wenn sie als Kind gefragt wurde, wo sie herkommt, hat sie sich geärgert und „von hier“ gesagt, wenn dann nachgehakt wurde, den Kontakt abgebrochen. Sie war Deutsche, über die Familie und Lebensgeschichte ihres Vaters Ottara Kem, der 1965 zum Studium nach Leipzig kam und für immer blieb, wusste sie fast nichts. Der Vater hat nie darüber gesprochen. In BONNE NUIT PAPA begibt sich Marina Kem als Regisseurin und Ich-Erzählerin auf eine Reise in die Vergangenheit ihres Vaters, zu den Wurzeln, die sie als Kind nicht wollte und nun aus eigenem Antrieb entdecken möchte.
 
Kem erzählt betont einfach, geradeheraus und persönlich. Sie beginnt mit Aufnahmen in einem Gewächshaus. Nur dort hat ihr schweigsamer Vater über Kambodscha und auch dann nur über die Pflanzen seiner Heimat gesprochen. Aber er wollte in seinem Heimatdorf beerdigt werden. Nach seinem Tod bringen Kem und ihre Schwestern die Urne dort hin und nehmen an der Zeremonie teil, ohne Sprachkenntnisse oder Übersetzer, ohne Wissen über Kultur und Religion des Vaters. Das Abschiedsritual wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Der Vater ist für Marina Kem noch lange nicht zur Ruhe gelegt. Sie möchte mehr erfahren. Anhand von Fotos und Notizen aus seinem Nachlass, Besuchen bei der kambodschanischen Verwandtschaft und Gesprächen mit ehemaligen Freunden und Kollegen versucht sie, das bruchstückhafte Bilde ihres Vaters ein bisschen vollständiger zu machen. Sie geht sehr vorsichtig dabei vor. Bevor sie die Familie in Kambodscha zu ihrem Leben unter dem Regime der Roten Khmer befragt, erzählt sie im Off von ihren Bedenken, die Frage überhaupt zu stellen. Ist es in Ordnung, nach möglicherweise traumatischen Erfahrungen zu fragen? Werden die Verwandten erzählen wollen? Was für Geschichten wird sie erfahren?
 
Dieser freundliche und aufrichtige dokumentarische Ansatz, der seinem Thema mit Offenheit und zugleich Rücksichtnahme begegnet, ist sehr sympathisch. Man spürt, dass Kem ihre Personen und ihr Thema wichtiger sind als spektakuläre Aufnahmen, und, dass es ihr sehr wichtig ist, diese Geschichte als persönliche Geschichte zu erzählen. Oft filmt die Kamera vom Rande des Geschehens, so, als wollte sie sich nicht aufdrängen. Manche Szenen zeigen Beiläufiges, scheinbar Nebensächliches, so wie eine Szene, in der Kem mit einem alten Freund und Kollegen des Vaters, der damals dessen Abschlussarbeit betreute, die Universität besucht. Im Vorlesungssaal zeigt Dr. Fröhlich der Regisseurin Drucke von gemeinsam veröffentlichten wissenschaftlichen Abhandlungen und schenkt ihr ein Exemplar: ein paar offiziell aussehende DIN A4 Seiten mit einem Foto des jungen Ottara neben der kurzen Einleitung. Damals hat jeder der Autoren mehrere Exemplare bekommen. Das Dokument erzählt von einer vergangenen Zeit, von wissenschaftlicher Zusammenarbeit, staatlicher Belobigung und einem untergegangenem System. Nach der Wiedervereinigung wurde der Maschinenbaubetrieb „Fortschritt“, in dem Ottara Kem als Ingenieur arbeitete, abgewickelt. Jahrelange Arbeitslosigkeit bis zum Tod folgte.
 
Marina Kem bleibt in BONNE NUIT PAPA stets strikt persönlich und fügt nur wenig allgemeine Beobachtungen ein, wie zum Beispiel einen kurzen Abriss über die jüngere Geschichte Kambodschas. Und sogar da erzählt sie nach einer kleinen Einleitung vor allem, wie die Eltern die Ereignisse über Zeitungsartikel mitverfolgten und wie dann, nach der Eroberung von Phnom Penh durch die roten Khmer die Briefe der Verwandten ausblieben. Aber in Kems persönlicher Geschichte ist, wie sie sehr wohl weiß, hochinteressante Zeitgeschichte aufgehoben. BONNE NUIT PAPA handelt vom Fremdsein, vom Verlust der Heimat und vom Finden einer neuen Zugehörigkeit, der Film fängt das Zeitgefühl der 60er und 70er Jahre in der DDR ein, erzählt von Austauschprogrammen und vom Rollenverständnis der DDR-Frauen, beleuchtet die jüngere Geschichte Kambodschas und den Untergang zweier Regimes. Bei aller vordergründigen Einfachheit ist BONNE NUIT PAPA eine sehr komplexe Angelegenheit.
 
Hendrike Bake