Bonnie & Bonnie

Auch wenn der Titel von Ali Hakims Debütfilm sich an den legendären Gangster-Film „Bonnie & Clyde“ anlehnt, erinnert „Bonnie & Bonnie“ mehr an das ebenso legendäre feministische Emanzipationsdrama „Thelma & Louise“. Hier fliehen zwei junge Mädchen aus Hamburg, um für ihre Liebe zu kämpfen, was zu melodramatischen Wendungen führt.

Webseite: www.salzgeber.de

Deutschland 2019
Regie: Ali Hakim
Buch: Maike Rasch & Ali Hakim
Darsteller: Emma Drogunova, Sarah Mahita, Slavko Popadic, Kasem Hoxha, Emma Torner, Miguel Ribeiro De Saude
Länge: 90 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 24. Oktober 2019

FILMKRITIK:

Die 17jährige Yara (Emma Drogunova) lebt in Hamburg-Wilhelmsburg zusammen mit ihrem aus Albanien stammenden Vater und ihren Geschwistern. Seitdem ihre ältere Schwestern aus den Fesseln der konservativen Familie geflohen ist, muss sich Yara neben ihrem Job im Supermarkt auch um den Haushalt kümmern und steht zudem kurz davor, mit einem Jungen verheiratet zu werden, den sie kaum kennt.
 
Ihr einziges Vergnügen ist es, mit ihrer Clique abzuhängen und provokante Videos zu drehen, die sie im Internet veröffentlichen. Bei einem der Drehs gerät Yara an die etwas ältere Kiki (Sarah Mahita), eine blonde Deutsche, die in Heimen aufgewachsen ist, Knasterfahrung hat und in einer Sport-Bar kellnert. Dort macht sich ausgerechnet Yaras Bruder Bekim (Slavko Popadic) immer wieder an sie ran, doch Kiki steht auf Frauen.
 
Auch wenn sich Yara anfangs gegen die gerade in ihrer konservativen Kultur mehr als verpönte homosexuelle Liebe sträubt: Die Anziehung zu Kiki ist zu stark. Bald können die beiden Frauen nicht mehr voneinander lassen, doch ebenso schnell werden die Probleme größer, bis sich das Duo mit gestohlenem Geld und Auto auf der Flucht befindet, den großen Vorbildern der Filmgeschichte nacheifernd.
 
Hamburg-Wilhelmsburg ist sicherlich nicht so ein filmisch aufregender Ort wie es die weiten Amerikas sind. Was nicht heißt, dass nicht auch in den Spielhallen und Supermärkten, den Clubs und Wohnungen der piefigen, konservativen Arbeitergegend spannendes Kino entstehen könnte. Der aus Afghanistan stammende Ali Hakim kennt die Gegend gut, hier ist er selbst aufgewachsen und so atmet sein Regiedebüt „Bonnie & Bonnie“ viel Authentizität, gerade wenn es um die Schilderung der Familienstrukturen Yaras geht. Gefangen in den Fesseln der Konventionen sieht sich die 17jährige, die bislang den Wünschen ihres Vaters und ihres älteren Bruders entsprochen hat und nun auf radikale Weise ausbricht.
 
Das sie sich nicht einfach nur verliebt, sondern auch noch in eine Frau, macht die Sache aus Sicht ihres Umfelds noch schlimmer und lässt „Bonnie & Bonnie“ bald zunehmend in fast kolportagehaftes Melodrama abdriften: Die harten Jungs aus der Sportbar erweisen sich plötzlich ebenso als klischeehafte Machotypen wie Yaras Bruder, der alles tut, um die Familienehre zu retten.
 
Etwas zu sehr greifen Hakim und seine Co-Autorin Maike Rasch hier auf Stereotype zurück, versuchen zu bemüht, ihre kleine Vorstadt-Romanze mit allen Mitteln auf großes, dramatisches Kino zu trimmen, das dabei unweigerlich hinter den Vorbildern zurückbleibt. Gegen Bonnie und Clyde, gegen Thelma und Louise wirken Yara und Kiki wie die Teenager, die sie auch sind. Und gerade wenn „Bonnie & Bonnie“ sich nicht darum bemüht, ein großes Drama zu werden, sondern ein kleiner Liebesfilm zu sein, überzeugen auch die beiden Nachwuchsdarstellerin besonders. Die intimen Momenten zwischen Yara und Kiki atmen eine Leichtigkeit, die den konstruierteren Momenten des Films fehlt, in ihnen ist der Beginn einer Liebe zu spüren, die an den Konventionen ihres Umfelds scheitern wird, genau hier entstehen ganz nebenbei große Kinomomente, die an anderer Stelle zu gewollt gesucht werden.
 
Michael Meyns